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Fußball-Bundesliga:Gereizt vor dem Gipfel

VfL Wolfsburg -  Jörg Schmadtke

Jörg Schmadtke beschwerte sich öffentlich über andere Klubs.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Vor der Videotagung der DFL am Donnerstag nimmt die Rivalität unter den Klubs wieder zu. Es geht um Mannschaftstraining und das öffentliche Vorpreschen einzelner Spitzenvertreter.

Von Philipp Selldorf, Köln

Zwar trainiert das Profiteam des 1. FC Köln außer in idyllischer Abgeschiedenheit am Geißbockheim auch in einem nahezu aseptischen Rahmen und unter dem strikten Gebot der Kontaktvermeidung, dennoch bleibt Fußball dem Wesen nach ein Rauf- und Kampfsport. Ab und zu, so hat der Nationalspieler Jonas Hector jetzt berichtet, meldeten sich daher die alten Reflexe, "wo man dem Mit- oder Gegenspieler gerne einen mitgeben würde". Und dann ringt der alte Instinkt, für eine gekonnte Balleroberung an die Grenzen des Erlaubten zu gehen, mit dem angelernten Bewusstsein, dass die Grenzen des Erlaubten neuerdings sehr eng gesteckt sind.

Dass man sich beherrschen müsse, das habe man "mittlerweile im Kopf", sagt Hector. Dass nicht jeder so bedacht ist wie er, versteht sich jedoch von selbst - auf einer Zehn-Punkte-Skala der Besonnenheit erreicht Hector mindestens zehn Punkte. So greift der Kölner Kapitän im Kollegenkreis gelegentlich ein, wenn er meint, "den einen oder anderen ermahnen zu müssen".

Es bleibt allerdings in der Bundesliga inzwischen nicht mehr bei betriebsinternen Zurechtweisungen durch Trainer oder Führungsspieler. In Wolfsburg meldete sich nun Sportdirektor Jörg Schmadtke mit einer öffentlichen Anklage zu Wort, nachdem er von Abweichlern in der Konkurrenz gehört hatte, die anders als Hector und die Kölner bereits in die intensive Zweikampfschule eingestiegen sein sollen. Einige Klubs würden "Sachen propagieren, an die sie sich dann nicht halten", sagte der VfL-Manager in Bild, und Schmadtke fügte dramatisch hinzu: "Ich prangere das an!" Laut einem Zeitungsbericht, auf den sich Schmadtke bezog, ging es um Fortuna Düsseldorf und den FC Augsburg.

Sollte es vor der Aufhebung der nach wie vor bundesweit gültigen Kontaktsperre wieder eng werden auf den verborgenen Trainingsplätzen einzelner Klubs, würde dies wohl nicht nur Schmadtke und der DFL missfallen, sondern auch den Gesundheitsbehörden - und jenen Politikern, die einen baldigen Neustart der Bundesliga kritisch sehen. Am Dienstag hatte das DFL-Präsidium nach einer Telefonkonferenz an Klubs und Spieler appelliert, "weiterhin verantwortlich mit der Situation umzugehen. Es wäre nicht im Sinn der Sache und erst recht nicht öffentlich vermittelbar, wenn vorzeitig ins reguläre Mannschaftstraining zurückgekehrt würde". Es hatte sich herumgesprochen, dass in mindestens einem Fall bereits ein Trainingsspiel Elf gegen Elf stattgefunden haben soll.

Der Faktor Chancengleichheit sorgt für Nervosität

Düsseldorfs Sportvorstand Lutz Pfannenstiel verlor keine Zeit, um die Vorwürfe zu zerstreuen. Unter anderen rief er den Kollegen Schmadtke an und erklärte ihm, wie es zum besagten Verdacht gekommen sei. Während der Arbeit auf drei Trainingsplätzen habe eine der Gruppen eine Übung mit Torschüssen und Raumdeckung gemacht, wobei sich dann - ohne Zweikämpfe - "vielleicht einzelne Spieler mit der Schulter oder am Fuß berührt" hätten. Ansonsten sei die Fortuna-Lektion "absolut im Rahmen des Erlaubten geblieben".

Nicht zuletzt zeigt sich an dieser Episode, dass die Gereiztheiten innerhalb der Leidensgenossenschaft eher zu- als abnehmen, obwohl nun ein Ende des Betriebsstopps in Sicht ist. Je näher der Tag X der Wiedereröffnung rückt, desto mehr sorgt der Faktor der sportlichen Chancengleichheit für Nervosität. Gar nicht gut kam bei vielen Vereinen auch die Tatsache an, dass der weit überwiegende Teil der Fußball-Allianz zum Zuschauer degradiert wurde, als am Montag die Ministerpräsidenten Söder und Laschet im Konzert mit den Spitzenklubvertretern Rummenigge (FC Bayern) und Watzke (Borussia Dortmund) via Bild-TV die baldige Rückkehr ins Stadion verkündeten. Auch die Beteiligung des überparteilichen DFL-Kommissars Christian Seifert rief Befremden hervor - trotz seines bemüht zurückhaltenden Auftretens.

Manche sehen die Verkündung bei Springer als PR-Desaster

Schalke 04 Training

Das Training von Schalke 04 findet mit Sicherheistabstand statt.

(Foto: Leon Kuegeler/Reuters)

Liga-Funktionäre sprechen dennoch von einer "abgekarteten Sache" und einer "PR-Show". Was im Umkehrschluss bedeutet, dass die Exklusiv-Veranstaltung mit dem Gastgeber Springer-Konzern als PR-Desaster für die Fußballbranche gesehen wird. Glaubwürdigkeit sei verloren gegangen, differenziertes Argumentieren zur Beschwichtigung der Skeptiker in Politik und Gesellschaft werde nun schwerer fallen.

In der Elefantenrunde wurde der 9. Mai als möglicher Termin für den ersten Spieltag nach der Zwangspause genannt. Verbindlich ist dieses Datum zwar nicht, doch herrscht die Sorge, dass man dadurch unter Zeitdruck geraten könnte, zumal das Konzept der medizinischen Task-Force der Liga zwar weit entwickelt, aber noch keineswegs ausgereift sei. Kenner rechnen damit, dass der 16. Mai der wahrscheinlichere Termin für den Neustart sei. Dann bliebe auch genügend Zeit für amtlich genehmigtes Mannschaftstraining. Konditionell werde es den Teams an nichts fehlen, sagt Düsseldorfs Manager Pfannenstiel: "Die Spieler haben so viel Grundlagenausdauer trainiert, die sind fit wie nie zuvor."

Näheres werden die Vertreter der 36 Vereine am Donnerstag ab 11 Uhr auf dem nunmehr dritten Gipfeltreffen des Profifußballs während der Corona-Krise besprechen. Der Rahmen für die Beratung per Video-Schalte ist bis 16 Uhr großzügig gesteckt, womöglich rechnet man mit erhöhtem Diskussionsbedarf.

Tim Meyer, der Leiter der medizinischen Kommission, wird zunächst das Sicherheitskonzept für den sogenannten Sonderspielbetrieb erläutern, und gewiss wird Christian Seifert ein paar klärende Worte über den Hergang der Kontaktaufnahme mit Söder und Laschet sprechen.

Dann wäre der Weg frei für eine fruchtbare Kontroverse in der Gemeinde. Aber eines ist auch klar: Viele Klubs brauchen die Wiederaufnahme der Spiele, um finanziell zu überleben. Notfalls würden sie dafür auch auf Zweikämpfe verzichten.

© SZ vom 23.04.2020/schm
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