DFB-Team gegen Liechtenstein:Der Aufbruch ist verzwickter als gedacht

Liechtenstein v Germany - 2022 FIFA World Cup Qualifier

Hand auflegen und Fingerzeige funktionieren nicht immer direkt: Hansi Flicks Debüt als Bundestrainer wird zur Geduldsprobe.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Gegen die Amateurkicker aus dem Fürstentum zeigt sich, dass Bundestrainer Flick seinen Spielern noch vieles beibringen muss. Bekannte Probleme sind schwierig zu lösen - die DFB-Elf steckt in einer komplizierten Spirale fest.

Von Martin Schneider

Die Bedeutung von ersten Spielen neuer Bundestrainer ist vermutlich vor den Spielen größer als danach. Der erste Auftritt von Joachim Löw zum Beispiel - nur Fußball-Almanach-Leser erinnern sich noch daran, dass es ein Spiel gegen Schweden auf Schalke war, dass Bernd Schneider beim 3:0 das erste Tor schoss und Manuel Friedrich und Malik Fathi debütierten. "Gelungener Auftakt" der Ära Löw stand damals in den Zeitungen und bemerkenswert war, dass man damals wie heute in Deutschland davon ausgeht, dass jeder Bundestrainer direkt eine "Ära" begründet.

Das mit der Ära traut man Flick schon auch und auch immer noch zu, allerdings wird heute nach dem 2:0 gegen Liechtenstein nirgends "Gelungener Auftakt der Ära Flick" stehen. Die Deutung gibt das Spiel gegen die Erbmonarchie vom Alpenrhein beim besten Willen nicht her, auch wenn Flick und seine Spieler nach dem Kick versuchten, rhetorisch noch das Beste draus zu machen.

"Ohne Frage hätten wir uns alle gewünscht, dass wir mehr Tore schießen", sagte Flick auf der Pressekonferenz nach dem Spiel und in der Tat wäre das erstrebenswert gewesen gegen eine Mannschaft, die zum Teil aus Amateurspielern besteht und die sich auch gegen die Färöer fünf Gegentore gefangen hat. "Es war erst ein Anfang, mit dem wir nicht ganz zufrieden waren. Ich kann der Mannschaft aber keinen Vorwurf machen. Nach drei Trainingseinheiten hat noch nicht alles funktioniert", meinte Flick.

Was nicht funktionierte, war klar erkennbar: Liechtenstein verbarrikadierte mit zehn Feldspielern die Zone in und um den Strafraum, ließ das DFB-Team ansonsten machen. Frustrierend zu sehen war, dass die deutsche Nationalmannschaft mit der völlig erwartbaren Aufgabe, diesen Außenseiterriegel zu knacken, weitgehend überfordert war. Die Flanken von Ridle Baku verteidigte Liechtenstein, Leroy Sané und Jamal Musiala blieben mit ihren Dribblings hängen, die Standards führten zu nichts. "Die Niederlage ist wie ein Sieg für uns. Hansi Flick hat mir gratuliert", sagte Nationaltrainer Martin Stocklasa nach dem Spiel, das als eines der besten in die Geschichte des Fürstentums eingehen wird.

Joshua Kimmich, der in Abwesenheit von Manuel Neuer und Thomas Müller die Mannschaft als Kapitän aufs Feld führte, erhob die Taktik des Fußballzwerges gar in den Rang eines Phänomens. "Es war ein komisches Spiel, weil der Gegner wirklich sehr, sehr, sehr tief verteidigt hat, das hab ich so in der Form fast noch nicht erlebt", meinte er am RTL-Mikrofon.

Wo fügt sich Gündogan ein, wenn Kimmich im Zentrum spielt?

Liechtenstein hat keine 40 000 Einwohner, der DFB allein über sieben Millionen Mitglieder, darunter aber immer noch keinen echten Stürmer von internationalem Niveau, auch wenn Timo Werner das erste Tor der Ära Flick schoss (nach einer gelungenen Aktion von Musiala) - aber es ist mittlerweile ja ein durchdekliniertes Problem, dass Werner im Sturmzentrum auch wegen seiner Kopfballschwäche nicht seine ideale Position hat.

Und damit wäre man bei den allgemeinen Ableitungen dieses Spiels. Flick setzte wie zu erwarten auf sein bevorzugtes 4-2-3-1-System und wird vermutlich eher nicht zu einer Dreierkette zurückkehren. Die Frage ist, wie sich zum Beispiel Ilkay Gündogan in Zukunft einfügen wird, weil Kimmich unter Flick mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr Rechtsverteidiger sein wird und die Schlüsselpositionen im Zentrum vom Bayern-Trio Kimmich/Goretzka/Müller besetzt werden könnten. Dass Musiala, den Löw bei der EM noch auf die Tribüne setzte, mehr Einsatzzeit bekommt, gilt als sicher, ebenso Baku, obwohl er keinen glücklichen Auftakt hatte. Ach ja, Leroy Sané erzielte das 2:0, nachdem er sich erkennbar ins Spiel kämpfte. Tut ihm vermutlich auch mal ganz gut.

Flick, der vor seinem ersten Spiel davon sprach, man müsse Spaß und Begeisterung vermitteln, musste erkennen, dass das nicht so einfach ist bei einer Mannschaft, die nun schon eine ziemlich lange Zeit in einer Spirale steckt, die höchstens punktuell (4:2 gegen Portugal, 8:0 gegen Estland) Spaß und Begeisterung zulässt. "Man merkt, dass die Mannschaft nicht so das Vertrauen hat, Tore zu erzielen", sagte Flick nach dem Spiel und es war wohl der treffendste Analysesatz des Abends.

Flick ist ja durchaus in der Lage, klare Worte zu wählen und wäre dieses 2:0 nicht sein erstes, sondern sein 26. Spiel als Bundestrainer gewesen, hätte er das wohl auch getan. So wollte er die so dringend benötigte Aufbruchstimmung vermutlich nicht selbst zerreden - aber um die aufrechtzuerhalten, wäre ein begeisternderes Spiel gegen Armenien am Sonntag in Stuttgart durchaus hilfreich.

© SZ/bek/tblo
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