2:0 gegen Liechtenstein:Flicks gute Stimmung wird ruiniert

2:0 gegen Liechtenstein: Wie viel Zeit noch für ein paar Tore? Hansi Flick guckt auf die Uhr.

Wie viel Zeit noch für ein paar Tore? Hansi Flick guckt auf die Uhr.

(Foto: CHRISTOF STACHE/AFP)

Das erste Spiel des neuen Bundestrainers ist spielerisch eines, das zum Vergessen taugt. Der Fußball-Winzling Liechtenstein leistet erfolgreich Widerstand - und Flick verweigert sogar den Torjubel.

Von Philipp Selldorf, St. Gallen

Um kurz vor acht, eine dreiviertel Stunde vor dem amtlichen Startschuss, kam auf einmal Bewegung in die noch relativ überschaubare Menge auf den Rängen im "Kybunpark". Hansi Flick hatte das Spielfeld im Stadion in St. Gallen betreten, und wenn auch den meisten Leuten wohl klar war, dass diese ersten Schritte nicht ganz so bedeutsam waren wie jene Schritte, die Neil Armstrong 1969 auf dem Mond unternahm, so gerieten sie doch ziemlich aus dem Häuschen. "Hansiiii" riefen sie durcheinander, und Hansi Flick winkte fröhlich zurück. Er freute sich. Über das herzliche Willkommen der Einheimischen und auf den weiteren Abend, der seine Premierenvorstellung als Bundestrainer bringen würde.

Anderthalb Stunden später, die Halbzeit nahte bereits, war zwar immer noch Hochstimmung auf den inzwischen mit 8000 Menschen gefüllten Tribünen, aber Hansi Flick mochte sich über nichts mehr freuen. Was die Leute immer wieder stehend beklatschten, war die gelungene Renitenz des Außenseiters, der Fußball-Winzling Liechtenstein verdarb der Fußball-Macht Deutschland das Spiel. Als Timo Werner in der 41. Minute endlich den Favoriten in Führung brachte, verweigerte Flick den Jubel. Seine Hochzeitsnacht-Stimmung war längst ruiniert, er war zu sauer, um das 1:0 zu würdigen. Mit düsterer Miene wanderte er auf und ab und wendete dem Rasen den Rücken zu.

Flick hat sich das Spiel schon noch bis zum Ende angeschaut, aber Vergnügen kam keines mehr auf. Der 2:0-Sieg bringt zwar die nötigen drei Punkte für die WM-Qualifikation, aber er stellt eine Peinlichkeit dar. Der neue Bundestrainer feierte ein Debüt, das zum Vergessen taugte. Am Bemühen um ein besseres Resultat hatte es nicht gemangelt - aber das machte die Sache nur noch schlimmer. Liechtensteins Torwart Benjamin Büchel wurde vom Publikum zum Spieler des Spiels gewählt, als Hexer hatte er sich allerdings gar nicht mal betätigen müssen. "Wir hätten gerne das eine oder andere Tor mehr geschossen", sagte Bundestrainer Hansi Flick später. Aber es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die Mannschaft überzeugt ist, Tore zu schießen. Das müssen wir reinkriegen."

Liechtenstein - Deutschland

Die deutsche Elf tauchte oft in der gefährlichen Zone auf - blieb dann aber meist hängen. Liechtensteins Torwart Benjamin Büchel wurde vom Publikum zum Spieler des Spiels gewählt, als Hexer hatte er sich allerdings gar nicht mal betätigen müssen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

An diesem Abend ging es im Prinzip nicht darum, wer gewinnt und wer verliert, diese Rollenverteilung war bereits vorher geklärt, ein Spiel mit solchen Größenunterschieden bietet auch einem Phänomen der Kategorie Pokalsensation keinen Raum, jedenfalls wenn man Pokalsensation als Punktgewinn definiert. Reporter überprüften vorsichtshalber die höchsten Siege der DFB-Geschichte, und vermutlich waren die deutschen Profis selbst verblüfft, als sie dem einen oder anderen Gegner entgegentraten und Männer im Format gehobener Bezirksliga-Kicker erblickten. Nummer 8 etwa, Aron Sele mit Namen, vertritt in Gruppe 6 der fünften schweizerischen Liga die Farben von Chur 97, die gängigen Quellen schweigen sich höflich aus über sein Wettkampfgewicht. Als aber Aron Sele nach einer halben Stunde den ersten Torschuss für Liechtenstein abgab und dafür viel Applaus erhielt, hatte er bereits einen Erfolgsmoment mehr gehabt als sein deutscher Kollege Leroy Sané.

Sané gelingt erst wenig, dann kämpft er sich ins Spiel

Der Angreifer Sané hat es in München gerade nicht leicht. Als Flick ihm in St. Gallen einen Startelfplatz gewährte, war das wohl der Versuch einer Aufbauhilfe. Sané revanchierte sich mit großem Engagement, doch gelingen wollte ihm trotzdem sehr, sehr wenig. Flick hielt dennoch demonstrativ an ihm fest und sah von einer Auswechslung ab. Beim ersten Personaltausch nach einer Stunde blickte er etwas ungläubig zur Bank, als nacheinander Kai Havertz, Jamal Musiala und Ridle Baku vom Feld gebeten wurden, er jedoch nicht. Immerhin reagierte Sané abermals auf die richtige Weise - er besorgte mit einer für ihn typischen Bewegungsfolge das 2:0. Richtig feiern wollte er den Treffer dennoch nicht.

Die Deutschen - überraschenderweise mit Thilo Kehrer in der Innenverteidigung - hatten die Partie begonnen, wie es alle erwartet hatten. Sie führten den Ball und griffen an, Liechtenstein formierte sich zur Abwehr der Attacken wahlweise in einer 4-4-2 oder 5-3-2-Ordnung, wobei der Unterschied marginal blieb, denn eigentlich lautete das Motto: Alle Mann in den Strafraum und dichtmachen. Joshua Kimmich, von Flick zum Kapitän gekürt, fand trotzdem eine Lücke. Irgendein einzelnes Bein verhinderte das erwartet frühe 0:1, aber keiner dachte sich etwas dabei. Dann würde das Tor eben gleich fallen. Doch nach zehn Minuten machte sich Ungeduld bei den um den Strafraum kreiselnden Deutschen bemerkbar, nach einer Viertelstunde schoss Ilkay Gündogan aus zwanzig Metern ebenso weit am Ziel vorbei und gab damit zu verstehen, dass den Spitzenspielern aus den Spitzenligen nichts einfallen wollte. Und daran sollte sich auch bis zum mehr oder weniger bitteren Ende auch nicht mehr viel ändern. Immerhin freuten sich die Gastgeber: "Das Spiel, die Niederlage, ist fast wie ein Sieg für uns", sagte Liechtensteins Trainer Martin Stocklasa. "Für uns ist das ein sensationelles Resultat. Hansi Flick hat mir gratuliert." So schön kann so ein Abend aus einer anderen Perspektive sein.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusDFB-Elf in der Einzelkritik
:Sané trifft mit der Frust-Wut-Mischung

Der Vielkritisierte erzwingt sein Tor, Ilkay Gündogan beklagt gestenreich das Spieltempo - und Bernd Leno hält die wichtige Null gegen Liechtenstein. Die DFB-Elf in der Einzelkritik.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB