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Streit beim DFB:Hinter den Kulissen wird geschwitzt und getuschelt

DFB-Chef Keller wollte seinen Generalsekretär loswerden - und ist gescheitert. Das erzählt viel über Machtkämpfe zwischen Profis und Amateuren.

Kommentar von Thomas Kistner

Ein Machtkampf tobt im Deutschen Fußball-Bund (DFB), und die Front ist vertraut: Da das Profilager, dort die Amateure, die Basis des mit sieben Millionen Mitgliedern weltgrößten Sportverbandes. Nur vordergründig ist eine Steuer-Razzia, die jüngst auch bei den Spitzenleuten Rainer Koch (Vizepräsident), Stephan Osnabrügge (Schatzmeister) und Friedrich Curtius (Generalsekretär) stattfand, der Auslöser des Zwists. In Wirklichkeit machte die Razzia nur das Zerwürfnis auf der Chefetage evident.

Das zeigt nichts besser als der Schlingerkurs von DFB-Chef Fritz Keller, der den martialischen Behördenauftritt erst heftig begrüßte und den drei Kollegen öffentlich nicht mal die Unschuldsvermutung zubilligte - um dann nach einer ersten Analyse durch externe Steuerexperten die Strafverfolger "unangemessener" Maßnahmen zu zeihen und wärmste Worte für die Betroffenen zu finden: Deren Schicksal "erschüttere" ihn.

Und nun trat, bloß hervorgekehrt durch die Fiskus-Thematik, zutage: Keller wollte Curtius loswerden. Den Mann, der über die schon vor Kellers Zeit mandatierte Beratungsfirma Esecon die Aufarbeitung der WM-2006-Affäre vorantreibt und da nun, sieh an, brisante Ergebnisse erwartet. Es geht weiterhin um die Frage, wie und von wem im Vergabejahr 2000 die Stimmen für die deutsche Bewerbung eingeworben wurden. Teile des altehrwürdigen Profibetriebs könnten da durch ganz neue Erkenntnisse kräftig aufgewirbelt werden. Längst wird hinter den Kulissen geschwitzt, getuschelt und gewarnt. Kann Keller da nicht noch was tun? Vielleicht ein wenig bremsen?

Fritz Keller, der als ehemaliger Chef des Profiklubs SC Freiburg ins Verbandsamt rutschte, ist nun ein Jahr am Ruder. Noch immer wirkt er fachlich überfordert, sei es bei TV-Auftritten oder auf der großen Fußballbühne, wenn es etwa um deutsche Vorstände für den Welt- und den Europa-Verband geht. Die Nähe zum belasteten Fifa-Boss Gianni Infantino und die daraus resultierende Distanz zur Europa-Union Uefa zeigt, wie windig da agiert wird. Sollte nun, wie angekündigt, ausgerechnet Peter Peters für den DFB in den Fifa-Rat einziehen, wäre dies ein neuer Tiefpunkt der Versorgungspolitik für in der Heimat ausrangierte Funktionäre. Welche Expertise der langjährige Finanzvorstand des taumelnden FC Schalke 04 mitbringt - nun ja. Und auch dabei fällt auf: Er ist ein Vertreter des Profilagers.

Gerade für dieses steht im DFB-Machtkampf viel auf dem Spiel. Die Pandemie hat dem bezahlten Fußball etwas Unvorhersehbares beschert: echte Finanznöte. Da blieb zunächst die Hoffnung, dass Keller den Verband so ummodelt, dass die Liga auf die DFB-Kronjuwelen zugreifen kann: die Nationalelf und den DFB-Pokalwettbewerb. Ein von der Profi-Seite dominiertes Verbandswesen fände gewiss Wege, diese Schätze so umzuverteilen, dass der Amateurbereich zum Bittsteller wird.

Doch nun sieht es nicht so aus, als ob Keller den Machtkampf gewinnt. Am Freitag ist er hart gelandet. Er solle sich mit Curtius und Co. zusammenraufen, wurde gar offiziell mitgeteilt. Dass Keller trotzdem sein bevorzugtes rhetorisches Stilmittel der letzten Zeit nicht in die Tat umsetzt, die Idee, alles hinzuwerfen: Das spricht für Eitelkeit. Der Job bietet halt auch viele schöne Dinge.

Weil sich häufiges Kokettieren mit dem Rückzug aber flott abnutzt, können Curtius und Co. die Signale wohl so deuten: Volle Kraft voraus, auch als eine Art Bollwerk gegen die Interessen der Liga. Nichts könnte dazu mehr beitragen als die Esecon-Ermittlung rund um die dubiose WM-Vergabe 2006. Vieles deutet darauf hin, dass die Forensiker fündig wurden. Käme es so, stünde ein Beben zu erwarten, gegen das sich die bisher bekannte Sommermärchen-Affäre als Windhauch entpuppt.

© SZ vom 24.10.2020
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