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Razzia beim DFB:Der Affärenverband aus Frankfurt

DFB-Fahnen

Der DFB wird abermals von Ungereimtheiten erschüttet. Diesmal soll es um mögliche Steuerhinterziehung gehen.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Seit Jahren reiht sich beim Deutschen Fußball-Bund eine Affäre an die andere. Die Dimension der neuesten Razzia lässt einige Rückschlüsse zu.

Kommentar von Claudio Catuogno

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB), das hat man in den vergangenen Jahren gelernt, ist immer für eine Affäre gut. Da gibt es verworrene Großaffären wie Beckenbauers "Sommermärchen"-Millionen, da gibt es Privataffären wie jenes Uhren-Geschenk, das 2019 den Präsidenten Reinhard Grindel sein Amt kostete. Und wenn eine neue DFB-Führung mal wieder so tun muss, als wolle sie die Affären der Vorgängerführung schonungslos aufarbeiten, dann endet das, genau: oft in der nächsten Affäre.

Bis heute wüsste man etwa gerne, ob die Großkanzlei Freshfields 2016 fünf oder zehn Millionen Euro vom DFB wirklich dafür bekam, dass sie Unregelmäßigkeiten rund um die WM 2006 nachweist - oder doch dafür, dass sie wenig bis nichts nachweist. Und die "Generalinventur", mit der unter dem neuen Chef Fritz Keller die Kanzlei Esecon beauftragt wurde, läuft auch schon wieder so verworren und widersprüchlich ab, dass man geneigt ist, von einer DFB/Esecon-Affäre zu sprechen.

Ist es da also verwunderlich, wenn die Frankfurter Staatsanwaltschaft diesem Affärenverband, der da am Stadtrand offenbar unbelehrbar vor sich hin stümpert, jetzt mal ihr ganz großes Besteck zeigt? Wenn sie sich gleich mit 200 (!) Beamten durch Ordner und Festplatten wühlt, nicht nur in der Verbandszentrale, sondern auch bei aktuellen und ehemaligen Amtsträgern daheim?

Vielleicht finden die Ermittler zufällig noch etwas anderes?

Verwunderlich wird es zumindest dann, wenn man die Begründung für den Großeinsatz liest. Sechs namentlich nicht genannte Beschuldigte sollen nicht etwa in die eigene Tasche gewirtschaftet haben, sie sollen keinen WM-Zuschlag gekauft haben, und es geht diesmal auch nicht um verschleierte Zahlungen nach Katar. Letztlich steht im Zentrum der Ermittlungen die Frage, ob in den Jahren 2014 und 2015 Einnahmen aus Bandenwerbung steuerlich falsch verbucht wurden.

Das Recht, die Werbebanden bei Länderspielen zu vermarkten, hatte der DFB damals an die Agentur Infront verpachtet. Die Einnahmen aus dem Pachtgeschäft betrachtete der Verband als Teil seiner Vermögensverwaltung - und damit als steuerfrei. Die Staatsanwaltschaft wertet sie als steuerpflichtig. Darum geht es im Kern. Und dem Vernehmen nach ist diese Frage auch nicht neu aufgetaucht - sie wird zwischen Verband und Behörden offenbar seit längerem diskutiert.

Der Eindruck, den viele rund um den DFB haben, lautet daher so: Wenn dieser 200-Mann-Einsatz verhältnismäßig gewesen sein soll, muss mehr dahinterstecken. Und wer weiß, vielleicht finden die Ermittler, die wegen der Steuersache eine Rechtfertigung für Beschlagnahmungen hatten, zufällig noch etwas anderes? Dass in den Accounts vieler DFB-Leute interessantes Material lagern dürfte, hat der eifrige Präsident Keller selbst kürzlich öffentlich ausgeplaudert: Man stehe kurz vor der Präsentation neuer Erkenntnisse, sagte er. Wurde hier in verbandsüblicher Unbedarftheit eine heiße Spur gelegt? Man weiß es - noch - nicht. Das muss der "Beifang" des staatlichen Großauftritts zeigen. Er wird auch die Frage klären, ob hier eine neue Affäre beginnt.

© SZ vom 08.10.2020/ebc
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