DFB-Präsident:Neues Gesicht fürs alte System

Lesezeit: 4 min

Bernd Neuendorf

Bernd Neuendorf ist seit 2019 Chef des Fußball-Verbandes Mittelrhein. Nun kandidiert er als DFB-Präsident.

(Foto: dpa)

Beim DFB steigt ein Zweikampf ums Präsidentenamt: Nach Peter Peters erklärt auch Mittelrhein-Chef Bernd Neuendorf seine Kandidatur. Beim früheren SPD-Politiker erinnert manches an die Kür von Fritz Keller.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Noch gut drei Monate dauert es, bis der Deutsche Fußball-Bund seinen nächsten Präsidenten kürt. Chefwahlen verlaufen beim DFB gemeinhin sehr entspannt; nach den üblichen Hinterzimmer-Deals steht stets nur ein Kandidat auf der Bühne, der bei den Delegierten dann fulminanten Applaus einholen darf. Diesmal aber könnte es anders laufen. Seit Montagabend ist offiziell, was sich aufgrund anhaltender interner Verwerfungen abgezeichnet hatte: Es gibt (mindestens) einen Zweikampf. Nach Peter Peters, 59, hat auch der frühere SPD-Politiker und jetzige Chef des Fußball-Verbands Mittelrhein, Bernd Neuendorf, 60, offiziell seine Kandidatur erklärt.

Dabei war es ziemlich ungewöhnlich, wie Neuendorf die Kandidatenbühne betrat - oder besser: wie er sich still dort hinaufpirschte. Seit Monaten wird kolportiert, dass Neuendorf der Kandidat der Amateure und damit der Favorit aufs DFB-Amt werden solle; er selbst aber schwieg zu seinen Ambitionen. Und eine eventuelle Kampfkandidatur, hieß es in internen Kreisen, strebe er schon gar nicht an.

Nun aber, nach Peters' Vorstoß und einem neuerlichen Treffen der 21 Landespräsidenten, meldete er sich mit einem dünnen Statement: "Ich habe in den letzten Wochen sehr viel Zuspruch erhalten. Das hat mich bestärkt, für dieses wichtige und verantwortungsvolle Amt zu kandidieren." Erste Ansprechpartner seien nun die Vertreter der Regional- und Landesverbände, des Ligaverbands DFL und der Bundesligisten.

Das ist fürs Erste alles, was der Kandidat preisgibt. So defensiv ist selten ein Funktionär in den Kampf ums Präsidentenamt eingestiegen. Das liefert klare Fingerzeige, dass noch nicht alles rundläuft für Neuendorf und seine Unterstützer: das Lager um den ewigen DFB-Strippenzieher Rainer Koch.

Als Kernfrage steht im Raum, wie Interimschef Koch die Sache diesmal in seinem Sinn regeln könnte

Seitdem Fritz Keller im Mai als Präsident zurücktrat und der DFB über die Nachfolge diskutiert, steht als Kernfrage im Raum, wie Koch die Sache diesmal in seinem Sinne regeln könnte. Der Bayer ist seit Langem als erster Vizepräsident der Boss aller Amateure, und nach Kellers Rücktritt ist er nun schon zum dritten Mal Interimschef des DFB. Diesmal gemeinsam mit Peters. Trotz seiner erkennbaren Mitverantwortung am verheerenden Zustand des DFB und trotz endloser Skandale will Koch im Fußball unbedingt weiter mitmischen: zwar nicht mehr als oberster Vize, aber halt als Mitglied des Präsidiums. Und vor allem im fürstlich dotierten Vorstandsamt bei Europas Fußball-Union Uefa.

Im Hintergrund weiter die Fäden ziehen, das entspräche ganz Kochs Naturell. Nun ist offenkundig Bernd Neuendorf dazu auserkoren, den Vorzeigemann an der DFB-Spitze zu spielen. Ein neuer Mann, der keine Ahnung von den diffizilen Betriebsinterna hat. Seit Wochen wurde er im Stillen aufgebaut. Auf einer Versammlung im Oktober beschlossen die Landespräsidenten, dass in jedem Fall einer von ihnen, ein Vertreter der Amateure, der nächste Chef werden solle. Neuendorf dimmte das Thema herunter; er sagte nichts. War ja nicht nötig, die Sache lief.

Aber dann wurde der schöne Plan torpediert: von Liga-Vertreter Peters, der kandidieren will - und vom westfälischen Verband, der kühn aus dem Kameradenkreis der Landesvertreter ausscherte und Peters vorschlug. Jetzt musste Neuendorf raus aus dem Hinterzimmer, seit Montag ist auch er Kandidat. Zugleich bringt die Entwicklung seine Unterstützer unter Druck. Zwar hat das Amateurlager eine Zwei-Drittel-Mehrheit beim Wahl-Kongress, aber im Falle einer Kampfabstimmung und der damit verbundenen geheimen Wahl könnten viele von Koch und damit auch von Neuendorf abrücken. Eine geheime Kür gilt es also zu verhindern, das Thema soll offenbar schon vor dem Bundestag erledigt werden.

Entsprechend herrscht derzeit trügerische Ruhe an den Fronten. Dahinter wird fleißig gewerkelt - wer weiß, vielleicht findet sich ja für Peters auch ein Pöstchen, das dessen Ambitionen befrieden kann? Der Noch-Aufsichtsratschef der Liga braucht zwingend ein Amt im DFB, weil er sonst seinen Vorstandsposten im Weltverband Fifa verlöre. Zugleich wird am neuen Team um Neuendorf gebastelt. Ronny Zimmermann, ein Erzgetreuer Kochs, soll Kandidat für dessen Nachfolge als erster Vizepräsident der Amateure werden. Am 9. Dezember, so ist der Plan der Landesverbände, wollen sie ihren Kandidaten ausrufen.

Präsentiert die Frauen-Initiative "Fußball kann mehr" noch eine Doppelspitze?

Neuendorf ist ein Quereinsteiger in die Funktionärslandschaft. Er war lange als Journalist tätig, als Parlamentskorrespondent in Bonn arbeitete er sogar Tür an Tür mit Reinhard Grindel, der auch Journalist war und von 2016 bis 2019 DFB-Chef. Später war Neuendorf in verschiedenen Positionen für die SPD aktiv. Ein wenig erinnert die Konstellation bei ihm an die Kür Fritz Kellers im Herbst 2019.

Auch Neuendorf gilt als persönlich integer, als Chef des Verbandes Mittelrhein ist er Teil der Fußballfamilie, aber doch so weit am Rande des DFB-Geschehens, dass er sich als Neubeginn verkaufen lässt. Was schon deshalb putzig wäre, weil Kochs Streitgefährte an der DFB-Spitze, Schatzmeister Stephan Osnabrügge, dann die Neuendorf-Nachfolge am Mittelrhein antreten könnte. Seinen Abschied von der DFB-Spitze hat Osnabrügge bereits angekündigt.

So wäre der Neu-Präsident Neuendorf im Inneren just in den Personenkreis eingebettet, der für die große Vertrauenskrise beim DFB steht. Den Vorgänger Keller haben Koch und Co. intern lange kleinhalten können, bis dieser immer offener Fragen stellte - zu immer heikleren Vorgängen. Nun also könnte Neuendorf das frische Gesicht des alten DFB werden. Sofern er nicht klar auf Distanz zur alten Garde und deren Machenschaften geht.

Bleibt noch die Frage, was die Frauen-Initiative "Fußball kann mehr" plant: Sie versucht seit einer Weile, eine Doppelspitze aufzubauen. Vor Dezember dürfte sich hier aber noch nichts tun.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB