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DFB:Müller erobert sein Mojo zurück

Der Stürmer wurschtelt und fummelt wild gegen Norwegen und trägt seine "Jungs" mit anarchischen Ausbrüchen - den Rest erledigt ein Befehl von Löw.

Zu jedem Stürmerleben gehört eine sogenannte Torflaute: Bei wem als Stürmer nie die torlosen Minuten gezählt wurden, der ist schon ein wenig unheimlich. Die Torflaute, im Volksmund auch "Tor-Krise" oder "Ladehemmung" genannt, ist ein Zustand, den Thomas Müller erst mit 26 Jahren kennenlernte. Das ist natürlich unverschämt spät. Große Teile seines Lebens als Angreifer verbrachte Müller damit, seiner Bestimmung nachzugehen: Er schoss Tore, meistens waren es wichtige, oft auch recht hineingestopselte - wie jenes 1:0 beim 3:0 (2:0) der deutschen Nationalelf in Norwegen.

Wer diesen Treffer in seine Einzelteile zerlegt, kommt zu dem Schluss: So ein Ding kann eben nur der Müller reinwurschteln. Seit Oktober 2015 hatten sich die Torjägerhaxen des Münchners in DFB-Pflichtspielen immer irgendwie verheddert, als es drauf ankam. Aber diesmal entstand aus der Verhedderung einer jener kostbaren Müller-Momente. Fummelei im Sechzehner, ein langer Stechschritt, Linksschuss, drin (15. Minute). Die ganze Schwierigkeit des Spiels heruntergebrochen auf eine simple Aktion, ja mei.

Und weil der Müllerthomas schließlich noch eine Khedira-Flanke zum 3:0 fachgerecht einköpfelte (60.), lautet die Erkenntnis des WM-Quali-Auftakts nun: Die Deutschen haben ihren Sinn für zielorientierten Fußball wieder gefunden - und Müller sein Mojo. "Bei mir war einfach das Quäntchen Glück wieder da, das braucht man als Torjäger auch", sagte Müller, dessen Grinsen im Osloer Ullevaal-Stadion selbst eine tief im Gesicht sitzende Baseballkappe nicht verstecken konnte. "Es ist schön, wieder zu treffen, dann hat man Ruhe, dann kann man sich mit seinen Jungs wieder aufs Fußballspielen konzentrieren."

Özil fällt besonders auf

Müller und seine "Jungs" erledigten ihren Job tatsächlich voller Seriosität und sie bewiesen vor allem beim 2:0 (45.), dass diese Mannschaft zum neuen Zyklus auch im Schärfebereich justiert hat. Joshua Kimmichs erstem Länderspieltor ging nämlich eine Schnittstellen-Kombination in genau dem Tempo voraus, das bei der EM in Frankreich schmerzlich gefehlt hatte. "Heute waren wir im Sechzehner sehr präsent, es waren immer drei, vier Spieler da, die den Abschluss wollten", sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Spieler wie der unverwüstliche Müller oder eben die nachrückenden Julian Draxler und Mesut Özil, dessen Drang zur Direktheit besonders auffiel. Dass Löw auch seinen Außenverteidigern Kimmich und Jonas Hector einen Angriffsbefehl erteilt hatte, sorgte für zusätzlichen Zunder. "Unsere Außen standen heute sehr hoch", lobte Löw, "sie haben das Spiel auseinandergezogen und dadurch sind in der Mitte Räume entstanden." Alles nichts Neues eigentlich, aber "diese Bereitschaft, in die Tiefe zu gehen" sei halt nötig, stellte auch Teammanager Oliver Bierhoff fest, der noch einen kleinen Grundsatzvortrag über den Paradigmenwechsel beim DFB hielt.

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Seine finale Warnung: Wer nicht zum Abschluss kommt, kann nicht gewinnen, "sonst geht's wie im Handball nur um den Strafraum herum". Etwas zu "systemverliebt" sei die Nationalelf in den vergangenen beiden Jahren gewesen, jetzt gelte es anzuerkennen, dass man mit "einfachem Ballbesitz allein nicht weiterkommt". Das Problem der Harmlosigkeit will man also angehen in den kommenden Monaten, dieses Vorhaben schwang in den Aussagen vieler Beteiligter mit - am deutlichsten bei Müller.

Sein Gespür, seine anarchischen Ausbrüche braucht diese Eliteschüler-Elf genauso wie die Schlagkraft eines Mario Gomez, der dringend anstelle des Spaziergängers Mario Götze ins Team rutschen sollte. "Wir werden die Sache mit dem Abschluss jetzt weiter verbessern, das können Sie glauben", erklärte der Münchner, "wir sind ja intern keine Lobhudler, sondern das Problem ist uns bewusst. Aber es gibt da keine Ad-hoc-Lösung." Sein persönliches Problem mit der Torflaute hatte Müller immerhin behoben. Auch das gehört nämlich zu jedem Stürmerleben: Irgendwann flutscht schon wieder einer rein.

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