Machtkampf im DFB:Veränderung? "17 Männer sind dagegen"

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Machtkampf im DFB: Katja Kraus, Mitbegründerin der Initiative "Fußball kann mehr" bei einem Kongress in Düsseldorf.

Katja Kraus, Mitbegründerin der Initiative "Fußball kann mehr" bei einem Kongress in Düsseldorf.

(Foto: David Inderlied/dpa)

In der Auseinandersetzung um die Neuaufstellung des Deutschen Fußball-Bundes versucht das alte System, die Reformgruppe "Fußball kann mehr" auszubremsen. Doch die gibt sich nicht geschlagen.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Fast 17 Jahre lang war Christian Seifert Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, und in dieser Funktion eine der mächtigsten Figuren der Branche. Zum Jahresende tritt er ab, und eingedenk der chaotischen Zustände im Deutschen Fußball-Bund präsentierte der scheidende Seifert nun eine deftige Abrechnung. Einige DFB-Leute, sagte er in einer Medienrunde, hätten ihm "mehrmals glatt ins Gesicht gelogen". Das Verhältnis zwischen dem Verband und der DFL sei "auf dem absoluten Tiefpunkt" - was wenigstens zur Folge habe, dass es nur noch besser werden könne. Er wünsche dem DFB, dass dort "ein bisschen Ruhe einkehrt".

Dass letzteres Wunschdenken ist, weiß Seifert selbst. Der Kampf ums Präsidentenamt spitzt sich zu, die Manöver der streitenden Parteien werden immer schräger. Das zeigen die Rochaden des alten, für die gewaltige Schieflage verantwortlichen Systems - das nun die Frauen-Initiative "Fußball kann mehr" zerlegen will. Diese will ja den Fußball grundsätzlich reformieren; unter anderem mit einer neuen Doppelspitze aus Mann und Frau. "100 Prozent der Fußballinteressierten wollen Veränderung. 17 Männer sind dagegen", sagt die Managerin Katja Kraus der SZ, sie führt die Initiative an. 17 Männer: Das meint das Gros der Landesverbandsbosse, die Rainer Koch, dem allgegenwärtigen Drahtzieher und Dauer-Interimschef, weiterhin gefügig sind.

Am 11. März soll der DFB-Bundestag den Nachfolger von Fritz Keller wählen. Bisher stehen zwei Bewerber bereit. Der Kandidat von Kochs Amateuren, die beim Bundestag zwei Drittel der Stimmen abgeben, ist Bernd Neuendorf, früherer SPD-Politiker und seit zwei Jahren Verbandschef am Mittelrhein. Ihm gegenüber steht Peter Peters, vormals glückloser Finanzvorstand des FC Schalke 04 und scheidender Aufsichtsratschef der DFL. Für einen Neuanfang im Krisen-Bund steht keiner der beiden. Peters ist lange in den Spitzengremien dabei, zeigt aber immerhin klare Kante: Er gäbe keinen Neuanfang, solange Koch Einfluss auf die Chefetage besitzt. Tatsächlich fällen ja gleich alle vier zuletzt aus dem Amt expedierten DFB-Präsidenten erschütternde Urteile über ihren langjährigen Vizepräsidenten Koch. Der übrigens die letzten drei - Wolfgang Niersbach, Reinhard Grindel, Fritz Keller - interimsmäßig beerben durfte.

"Wir haben einige interessante Konstellationen", sagt Katja Kraus - es sei einzig ein Problem des Verfahrens

Da wirkt der Kandidat Neuendorf wie eine Idealbesetzung fürs alte Herrschaftsmuster. Ein völliger Novize im DFB-Sumpf, der aber überzeugt ist, die Dinge in den Griff zu kriegen. Ihn stützt das System Koch. Intern vermittelte Neuendorf bereits den Eindruck, dass er fest mit dem bayrischen Geheimrat in einer Präsidialfunktion plant - als deutscher Vertreter im Europa-Verband Uefa. Also dort, wo Koch ebenfalls stark umstritten ist.

Angesichts dieser Gemengelage wirken Ansätze wie die von der Frauen-Initiative propagierte Doppelspitze wie ein echter Neuanfang. Auch hat die Gruppe ihr Ziel keineswegs aufgegeben, nur weil jüngst in einem Zeit-Interview Kraus und Mitstreiterin Almuth Schult erklärt hatten, dass sie angesichts des merkwürdigen Ablaufs der Präsidentenkür vorläufig niemanden ins Rennen schicken wollen. Denn: Dafür ist Zeit bis Februar, die Wahl ist am 11. März. "Wir haben einige interessante Konstellationen" sagte Katja Kraus am Freitag der SZ. Das Problem sei "einzig die Frage des Verfahrens".

Tatsächlich ließ der bisherige Ablauf keinen Platz für Alternativen. Aber in Krisenzeiten, findet Kraus, brauche es halt den echten Neuanfang. Und der sei "am besten in einem demokratischen Verfahren" zu erreichen, viele Menschen sollten mitwirken. Das beschreibt das Gegenteil der klassischen DFB-Strategie: Er hat seinen Kandidaten de facto über Monate im Hinterzimmer aufgebaut. Und nach außen klammert sich der Kreis um Koch, langjähriger Herr auch über das DFB-Recht, an die Satzung. Die wird dann gern entdeckt, wenn sie gebraucht wird.

Offiziell vertritt der Verband zirka sieben Millionen Fußballfreunde. Aber Mitglieder hat er nur 27, die Landes- und Regionalverbände sowie die DFL - und nur deren Granden können Vorschläge machen und Kandidaten küren. Nicht die Basis. Da passt, dass von Doppelspitzen nichts in der Satzung steht. Dabei hat der DFB selbst, den seit einem halben Jahr eine Doppelspitze aus Koch und Peters regiert, bewiesen, wie flott sich das ändern lässt: 2004 verordnete er sich die Doppelspitze Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger.

Selbst bei der SPD und der CDU kürt die Basis nun die Spitze. Warum nicht beim DFB?

Aufgrund der Kritik der Frauen am trüben Prozedere wird nun im Amateurlager geraunt, alles sei wieder ein Missverständnis und gar kein Entscheid pro Neuendorf getroffen. Aber dann ließen sich ja noch Alternativen und Vorschläge prüfen. Hat nicht just am Freitag die CDU per Mitglieder-Befragung den neuen Vorsitzenden Friedrich Merz gekürt? Hielt es die SPD nicht 2019 ebenso? Formal wählt zwar der Parteitag den Vorsitzenden, ist dabei aber an die Basisbefragung gebunden.

Dazu passt, dass beim Mitgliederkonvent der 36 DFL-Klubs aus erster und zweiter Bundesliga in dieser Woche die erwartete Abstimmung pro Peters entfiel. Den Ex-Schalker sieht auch mancher im Profi-Lager kritisch; das lässt die Option offen für weitere, noch denkbare Kandidaten.

So setzt die Initiative die braven Funktionäre weiter unter Handlungsdruck. Im 15-köpfigen DFB-Präsidium sitzt bisher ja nur eine Frau, Hannelore Ratzeburg, und die scheidet aus. Herausforderer Peters hat sich bereits die Sportwissenschaftlerin Silke Sinning in sein Team geholt. Und auch im Kreis um Koch/Neuendorf kursieren Ideen, wie sich am Ende alles schütteln ließe.

Der Fußballverband Rheinland, nahe an Neuendorfs Mittelrhein-Bund, schlug bereits Celia Sasic als Vizepräsidentin vor, sie soll das neu angedachte Ressort "Frauen-Bundesliga" übernehmen. Aus dem einst so kritischen, nun verstummten Norden könnte Sabine Mammitzsch eine Option sein. Seiferts Nachfolgerin an der Liga-Spitze, Donata Hopfen, rückt qua Amt ohnehin ins DFB-Präsidium. Und dann gibt es da noch eine Generalsekretärin, nach dem affärenumtosten Abgang von Friedrich Curtius ist Heike Ullrich nachgerückt. Auch sie gilt als sehr Koch-nahe. Aber: Dem Publikum ließe sich gut erzählen, dass, simsalabim!, die Zahl der Frauen auf Topebene flott vervierfacht wurde.

Es geht aber um Personen, weshalb so nur der Status quo zementiert würde: Hier die neue DFL-Chefin - dort drei Frauen, die aufs Ticket der alten Kameraden passen. Von Neuaufstellung keine Spur.

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