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Joachim Löw:Wütend im Rollkragenpullover

Digitales Pressegespräch mit Joachim Löw

Löw bei der digitalen Pressekonferenz in Frankfurt am Main.

(Foto: dpa)

Der Bundestrainer zeigt sich kämpferisch und bekräftigt den eingeschlagenen Weg mit der Nationalelf. Richtung DFB-Spitze äußert er massive Beschwerden.

Von Philipp Selldorf

Einen immer noch wütenden, aber zum Kampf bereiten Bundestrainer hatte DFB-Direktor Oliver Bierhoff im Vorprogramm am Wochenende angekündigt, und er hatte nicht zu viel versprochen. Joachim Löw, nach Auffassung weiter Teile des Fußball-Volkes zuletzt ein rätselhaftes, scheues Wesen, machte einen dezidiert selbstbewussten und lebhaften Eindruck, als er am Montagnachmittag im weinroten Rollkragenpullover der via Live-Stream zugeschalteten Nation begegnete. Dass ihm allenthalben nachgesagt und vorgeworfen wurde, er habe sich nach dem blamablen 0:6 gegen Spanien in seiner Privat-Klausur verborgen gehalten, das wies er nicht nur entschieden, sondern auch ein wenig beleidigt zurück: "Wer mich kennt, weiß, dass ich mich stelle", sagte er, und dass es ihn erstaunt habe, "wenn man liest und hört: Der Löw ist abgetaucht."

Der 60 Jahre alte Fußball-Lehrer findet es offenbar ungerecht, dass er zum Sonderling und Einsiedler stilisiert wurde, obwohl er lediglich "das ganz normale Prozedere, das der DFB vorgegeben hat", befolgt habe. Dass ihm der Verband in einer tatsächlich kryptischen und von Experten vielseitig gedeuteten Pressemitteilung vermeintlich einfühlsam "emotionale Distanz" zum schockierenden Spiel in Sevilla zubilligte, bevor sich dann die Funktionäre mit ihm unterhalten würden, das hielt und hält Löw mindestens für groben Unfug: "Emotionale Distanz brauche ich nicht", teilte er barsch mit und gab damit nicht zum einzigen Mal zu erkennen, dass er mit dem Krisenmanagement des DFB nicht einverstanden war. Im Laufe der einstündigen Frage- und Antwort-Runde äußerte er massive Beschwerden über die Indiskretionen, die aus dem Verband gedrungen waren - zu seinem Nachteil, wie er findet. Bei Indiskretionen würde es bei ihm "auch mal Explosionsgefahr" geben.

Gedanken an einen Rücktritt haben den Coach in den Tagen nach dem schlimmen Spiel nach eigener Aussage nicht beschäftigt. "Frustriert" sei er gewesen, "die Wut brodelt immer noch", aber aufhören sei für ihn nie in Frage gekommen. Dennoch war er bis zum Montag vor acht Tagen nicht sicher, ob er seine Arbeit tatsächlich fortsetzen wird. Auf dem Weg zur Sitzung des Präsidialausschusses in Frankfurt wusste er nicht, wie die Konsultationen mit der Verbandsspitze um Präsident Fritz Keller enden würden. Erzählungen aus eingeweihten Kreisen, dass es in dieser Runde ziemlich zur Sache ging, bestätigte Löw in aller Deutlichkeit. "Maßlos enttäuscht" sei er über die Indiskretionen gewesen, die dem Treffen vorausgingen. Er habe sich "sehr darüber geärgert, dass viele Dinge in der Öffentlichkeit aufgetaucht sind, woher auch immer. Dinge, die intern besprochen wurden, sollten auch intern bleiben. Das hat mit Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu tun." Den Adressaten seines Ärgers benannte er auch: "Das habe ich Fritz Keller auch klargemacht. Wir haben uns ausgesprochen, und damit ist die Sache für mich erledigt."

Müller, Boateng oder Hummels wieder einladen? Dafür sieht Löw "im Moment keine Veranlassung"

Bis es soweit war, hat sich Löw ausdrücklich erkundigt, ob die Basis zur Zusammenarbeit noch Bestand hat: "Das habe ich ganz klar angesprochen: Entweder klares Bekenntnis und Vertrauensbeweis - oder eben nicht. Ich weiß, wie die Uhren ticken." Letzteres war keine Anspielung auf seinen Wohnort nahe der Schweizer Grenze, sondern auf seine professionelle Einstellung. Hätte die Runde grundsätzliche Zweifel geäußert, hätte er es hingenommen, dass seine Ära an diesem Montag ans Ende gelangt wäre. Aber die Runde, außer Keller auch die Vizepräsidenten Peter Peters und Rainer Koch sowie Schatzmeister Stefan Osnabrügge, bestätigte Löws Prinzipienfrage: "Überzeugung oder keine Überzeugung - das ist mir wichtig."

Dass der Verband anschließend eine weitere Mitteilung mit ihm eher nicht genehmem Inhalt verschickte, hat Löw am Montag auch nicht verhehlt. Schriftlich festgehaltene Erwartungen an eine "begeisternde EM" und "erfolgreiche Spiele und Ergebnisse" hält er nicht für zweckdienlich: "Im Vorfeld über gewisse Vorgaben zu reden, macht's schwierig." Die Mannschaft und ihr Trainer strebten nach dem Optimum, das sei selbstverständlich, "wir wollen jedes Spiel und das Turnier gewinnen". Aber das erste Spiel sei nun mal gegen Europameister Portugal und das nächste gegen Weltmeister Frankreich. Da "sollte man nicht (vorher) ans Achtel- oder Viertelfinale denken", so Löw - es klang ein wenig wie Nachhilfeunterricht.

Sportlich wähnt sich Löw mit seiner Elf auf einem guten Weg, trotz des 0:6, das er eher als Unfall und Resultat des für alle "bedrückenden" Corona-Spielbetriebs betrachtet. Für die zügige Wiedereinberufung der zurückgestuften Weltmeister Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng sieht er daher "im Moment keine Veranlassung", er hat auch keinen Kontakt zu einem drei Spieler aufgenommen. Allerdings ließ er Raum für eine Umkehr. Zum Zeitpunkt der Nominierung fürs EM-Turnier werde der Trainerstab entscheiden: "Was bringt uns den größtmöglichen Erfolg?" Und dafür werde er "alles Erdenkliche tun". Dass diese Strategie seine gesunkenen Umfragewerte vermutlich nicht bessern wird, stört ihn angeblich nicht. Seine Motivation für den Bundestrainer-Job habe er "nie verloren", und er müsse sie auch "nicht irgendwoher zurückholen - ich habe sie. Es ist eine schöne Aufgabe."

© SZ/schm
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