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DFB-Elf in der Einzelkritik:Teddy Kimmich wird zum Grizzly

Der brave Münchner motzt, Sebastian Rudy wird mit jedem Spiel größer und Antonio Rüdiger zeigt eine Heldentat. Die DFB-Elf in der Einzelkritik.

Von Martin Schneider, Sankt Petersburg

13 Bilder

Chile v Germany - FIFA Confederations Cup Russia 2017 - Final

Quelle: REUTERS

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Marc-André ter Stegen

In fast allen Situationen eiskalt wie ein Januar in Murmansk, seit er Stammtorwart ist. Fischte in der Drangphase der Chilenen alles weg, fuhr nach wenigen Minuten das Bein blitzschnell gegen einen Schuss von Arturo Vidal aus. Entschied sich gegen die heranstürmenden Chilenen öfter mal für einen langen Ball, einmal sogar - man lese und staune - für einen Abschlag. Später dann - man staune noch mehr - bolzte er den Ball auch mal ins Seitenaus. War jeweils die richtige Entscheidung. Bei seiner einzigen Unsicherheit ließ er einen sehr strammen Schuss von Vidal nach vorne abprallen und hatte Glück, dass Sanchez nichts damit anfing. Hatte noch mal Glück, als der eingewechselte Sagal drüber schoss. Hatte sehr viel Können, als er in der Nachspielzeit einen Freistoß von Sanchez parierte. Wurde in der Zarenstadt zu Marc, dem Großen.

Chile v Germany - FIFA Confederations Cup Russia 2017 - Final

Quelle: REUTERS

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Joshua Kimmich

Sieht aus wie ein Teddy, auf dem Platz aber mit der Attitüde eines Grizzlys. Foulte als erste Amtshandlung direkt Alexis Sanchez, als hätte er einen Führungsspieler-Ratgeber von Stefan Effenberg gelesen. Brüllte kurz vor der Pause kräftig den Schiedsrichter an, weil der einige Fouls gegen Kimmich nicht gepfiffen hatte. Maulte in der zweiten Halbzeit gegen Claudio Bravo, weil der ihn außerhalb des Feldes bei einem Sprung touchiert hatte. Bekam dann von Bayern-Kollege und Positions-Konkurrent Vidal was zu hören, als hätte sich bei den beiden was angestaut.

Musste sich viele Läufe nach vorne verkneifen, weil auf seiner Seite Alexis Sanchez spielte und er Matthias Ginter nicht alleine lassen wollte. Wenn er mal den Ball hatte, nahm er meist den Risikopass in die Spitze. Konnte seinen Ehrgeiz und seine Energie in sehr viele Tacklings stecken. Wirkte so wie eine Bestie an der taktischen Leine.

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Quelle: AFP

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Antonio Rüdiger

Der heimlichste Held dieses Spiels. Verhinderte nach wenigen Sekunden vermutlich die sichere Führung, als er mit einem Bein, länger als die Wolga, vor Charles Arranguiz klärte. Mit einer Führung tat sich Deutschland ja schon schwer, man mag sich nicht vorstellen, wie es bei einem Rückstand gewesen wäre. Brachte auch sonst seinen Körper immer irgendwie so dazwischen, dass Chile nicht treffen konnte. Sonst unauffälliger Teil der Abwehrkette. Eine Heldentat reicht ja auch pro Partie.

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Quelle: AP

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Shkodran Mustafi

Schlenderte in Sotschi von allen Flaneuren am lässigsten an der Strandpromenade herum und hätte es verdient, dass man ihn "Mallorca-Musti" nennen würde. Wurde gegen Chile mal kurz zu "Kung-Fu-Shkodran" als er vor der Pause in einen Ball mit gestrecktem Bein sprang. War sowieso der lebende Block und immer irgendwie dazwischen, wenn ein Chilene zum Schuss kam. Nach seinem Fehler im Gruppenspiel auch im Passspiel sicherer. Beruhigte die Truppe in der Phase, als die Chilenen zur offenen Gewalt übergehen wollten. War der Hauptgrund, warum Deutschland kein Gegentor kassierte und weil das über weite Strecken des Spiels die einzige Aufgabe war, war er auch bester Spieler mit dem Adler auf der Brust. Darf sich "Muster-Musti" nennen.

Germany v Mexico: Semi-Final - FIFA Confederations Cup Russia 2017

Quelle: Bongarts/Getty Images

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Matthias Ginter

Hat aus seinem Rendezvous mit Alexis Sanchez in Kasan gelernt. Das Treffen der beiden in Sankt Petersburg ging eher zu Gunsten des Dortmunders aus. Hielt Abstand wenn nötig, war im Zweikampf, wenn es darauf ankam. Ließ sich nicht mehr zum Derwisch machen und gewann dadurch Sicherheit. Hatte auch Joshua Kimmich häufiger als Freund und Helfer an seiner Seite. Bekam erneut den Vorzug vor Niklas Süle und darf das erneut als Wertschätzung des Bundestrainers interpretieren.

Chile v Germany - FIFA Confederations Cup Russia 2017 - Final

Quelle: REUTERS

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Jonas Hector

Spielte gegen einen Gegner, der das Buch "Krieg und Frieden" auf dem ersten Wort betonen würde, als hätte er einen Riesenwälzer auf den Schultern. Nach vorne fand er nur in wenigen Situationen statt, hinten hatte er gegen das Trio Isla/Arranguiz/Vargas und den oft auftauchenden Sanchez zusammen mit Antonio Rüdiger seine Probleme. Hätte den einzigen Außenspieler Draxler unterstützen sollen, war aber oft zu weit hinten, wenn bei Draxler die Post abging. Man mag es kaum schreiben, aber das war tatsächlich kein so gutes Spiel von Jonas Hector. Weil Deutschland aber gewann, wird man es vergessen wie eine Fußnote in einem 1000-Seiten-Buch.

Germany v Mexico: Semi-Final - FIFA Confederations Cup Russia 2017

Quelle: Bongarts/Getty Images

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Sebastian Rudy

Ging plötzlich in Zweikämpfe, die er zu Beginn des Turniers noch verweigert hätte. Spielte Pässe steil, die er vor zwei Wochen noch quergelegt hätte. Kam im zentralen Mittelfeld besser zurecht als Leon Goretzka und viel besser als der Sebastian Rudy des Gruppenspiels gegen Chile. Spielte gegen Ende der ersten Halbzeit einen 25-Meter-Traumpass auf Goretzka. Blockte in der 72. Minute vor dem einschussbereiten Sanchez. Erlebte ein Turnier wie eine umgekehrte Matrjoschka - wurde mit jedem Spiel ein bisschen größer.

Chile v Germany: Final - FIFA Confederations Cup Russia 2017

Quelle: Bongarts/Getty Images

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Leon Goretzka

Ein Spieler, so wertvoll wie ein Fabergé-Ei. Eigentlich. Vereierte zu Beginn des Spiels aber erst mal zu viele Bälle im Mittelfeld. Guckte sich im Angriffswirbel der Chilenen ein paar mal zu oft um, wer denn jetzt genau sein Gegenspieler ist. Zeigte erst später, dass er mit dem Ball am Fuß zu höherer Kunstfertigkeit fähig ist. Vergab vor der Pause eine Riesen-Chance, als ihm Julian Draxler einen Ball zuspielte, den er wohl besser selbst gemacht hätte. War ein Spiel für Minenarbeiter und Schürfer, nicht für Goldschmiede und Juweliere.

Chile v Germany - FIFA Confederations Cup Russia 2017 - Final

Quelle: REUTERS

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Julian Draxler

Servierte den ersten Kaviar-Trick des Spiels. Legte einen strammen Pass direkt an Charles Arranguiz vorbei, sodass der nur noch verstört hinterhergucken konnte. Schoss einen salzigen Schuss knapp am Kasten vorbei und war dann kurz vor der Pause nicht dekadent und eigensinnig genug, einfach selbst das Tor zu machen, sondern legte auf Goretzka ab. Besonders in der zweiten Halbzeit mit einer Energie, als hätte man ihn aus Baikonur die Außenlinie hochgeschossen. Weil Lars Stindl in die Mitte wanderte, war er faktisch einziger Außenstürmer. Kam nicht durch, weil Chile gegen ihn eine Verteidigung aufbaute, dichter als die Taiga. Wird ihm egal sein. Reckte als erster Kapitän seit Philipp Lahm in Rio einen Pokal für die deutsche Nationalmannschaft in den Himmel. Bekam vom dickeren Ronaldo den Goldenen Ball als bester Spieler des Turniers. Nicht unverdient.

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Quelle: AFP

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Lars Stindl

Erwischte eigentlich einen Start wie ein Morgen nach einem Wodka-Gelage. Verlor gleich zweimal den Ball im zentralen Mittelfeld und ermöglichte so den Chilenen eine Riesen-Chance. Schlitterte und wankte durch dieses Spiel, als müsse er über die zugefrorene Newa wandern. Und dann? Schoss er das Tor. Antizipierte den Ballgewinn von Timo Werner, stoppte den Ball noch lässig und schob ein. Ging spätestens nach der Auswechslung von Timo Werner weitere Wege als der Kurier des Zaren und schon bald erinnerte sich niemand mehr an seine Anfangsminuten.

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Quelle: AFP

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Timo Werner

Sein Instinkt war in der Stadt Tschaikowskis der Nussknacker des Spiels. Spekulierte auf einen Fehler von Marcelo Diaz und hatte damit recht. Sah dann auch noch im Augenwinkel den besser postierten Lars Stindl. Rannte oft den Chilenen davon, als würde ihm jemand "Dawai, Dawai" hinterherrufen. Wäre noch erfolgreicher gewesen, wenn nicht sein alter Feind - die Abseitslinie - immer wieder aufgetaucht wäre. Musste früh für Emre Can runter, weil die deutsche Mannschaft irgendwann zu sehr wackelte.

Chile - Deutschland

Quelle: Thanassis Stavrakis/dpa

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Einwechselspieler: Emre Can

Kam für Timo Werner und sollte der Härte der Chilenen Härte entgegensetzen. Tat das.

Nationalmannschaft: Jogi Löw und Niklas Süle beim Confederations Cup 2017

Quelle: REUTERS

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Niklas Süle

Kam für Leon Goretzka und sollte damit noch ein paar Sekunden schinden. Tat das auch.

© Süddeutsche.de/ska
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