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DFB-Elf:Der beste Löw, der er sein kann

Germany v Ukraine - EURO 2016 - Group C

Hat es als Moderator fast zu bundespräsidentenartiger Souveränität gebracht: DFB-Coach Joachim Löw.

(Foto: REUTERS)

Selten gab es weniger Gründe, über den Bundestrainer zu diskutieren als jetzt. Jüngster Beweis: das verlorene EM-Halbfinale gegen Frankreich.

Kommentar von Christof Kneer

Wer es wagt, als deutscher Nationaltrainer keinen Titel zu gewinnen, der muss damit leben, dass seine Arbeit nachher strengstens auf Fehler untersucht wird. Was hat Joachim Löw also falsch gemacht bei der EM in Frankreich? Selbst bei oberflächlichster Durchsicht der deutschen Turnierleistungen kommt da eine bedenkliche Fehlerliste zusammen.

Selbst wenn Löw das Sauwetter der ersten zwei Wochen im Teamquartier in Evian nicht alleine zu verantworten haben sollte, bleibt ihm immer noch Folgendes anzulasten: Er hat zu wenige Tore geschossen und zu viele Handelfmeter verursacht. Er hat die Verletzungen von Mario Gomez und Sami Khedira nicht verhindert, ebenso wenig die Sperre von Mats Hummels. Und das Spiel gegen die Italiener hätte er natürlich auch vor dem nervenaufreibenden Elfmeterschießen klar machen müssen.

Nein, Löw hat diesmal kein Spiel vercoacht, er hat sich nichts zuschulden kommen lassen, was eine Trainerdebatte rechtfertigen würde, nur eine Frage darf man dem Bundestrainer nach dem deutschen Ausscheiden - tatsächlich und ganz ernsthaft - stellen: Ob das ganz dringend hat sein müssen, dass er die Trainerfrage wieder selber aufwirft. Ob er nicht einfach mit "ja, klar" hätte antworten können, als ihn in der Pressekonferenz in Marseille die vorschriftsmäßige Frage ereilte, ob er beim ersten Spiel nach der Sommerpause wieder auf der Bank sitzt.

Löw will als erster Bundestrainer den WM-Titel verteidigen

Löw kennt natürlich die öffentlichen Reflexe, er weiß, dass er jetzt wieder aufgeregte "Löw-verweigert-Bekenntnis" -Schlagzeilen provoziert, aber diese Art des Turnier-Abschieds ist für ihn offenbar ein Ritual, dem die übliche Mischung aus Ermattung und Koketterie zugrunde liegt. Man darf aber mehrere Handelfmeter darauf verwetten, dass Löw die Elf am 31. August im Test gegen Finnland wieder coachen wird. Vier Tage später beginnt in Norwegen schon die Qualifikation für die WM 2018 in Russland - für jenes Turnier, das Löw schon aus historischen Gründen nicht versäumen wird. Er möchte in Moskau der erste DFB-Bundestrainer werden, der den Titel verteidigt.

Selten hat es weniger Gründe gegeben, über Löw zu diskutieren als nach diesem Turnier. Der Bundestrainer erweckt den Anschein, dass er nach all den Jahren der beste Löw geworden ist, der er sein kann. Er hat flexible Matchpläne erstellt, junge Spieler wie Draxler zu turniertauglichen Kräften entwickelt und gleichzeitig das Lebenswerk von Schweinsteiger und Podolski respektiert.

Der einstige Romantiker vereint inzwischen die Elemente eines Turniercoaches, der alle Arbeit auf fünf entscheidende Wochen zu konzentrieren versteht, mit den Elementen eines Vereinstrainers, der seiner Elf im täglichen Betrieb verschiedene Spielsysteme vermittelt. Auch in der Moderation dieses stets hysterischen Unternehmens hat es Löw inzwischen zu bundespräsidentenartiger Souveränität gebracht, mit der er selbst Bilder aus der Welt schaffen kann, die ihn bei der Ergründung des eigenen Hoseninhalts zeigen.

Zum fünften Mal in seiner Zeit als alleinverantwortlicher Bundestrainer hat Löw mit seiner Elf nun das Halbfinale erreicht, und es ist ein anderes Halbfinale als früher. Vor 2014 musste sich Löw oft (zurecht) die Kritik gefallen lassen, dass ausgerechnet die letzten Turnierspiele oft die schwächsten waren, wie 2012 gegen Italien oder 2010 gegen Spanien. Diesmal war das letzte Turnierspiel das beste.

© SZ vom 09.07.2016/chge

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