DFB-Elf bei der Fußball-WM Der emotionale Sieg hinterlässt Fragezeichen

Mario Gomez (jubelt), im Hintergrund versteckt sich Toni Kroos.

(Foto: AFP)

Wie die anderen großen Favoriten hat Deutschland Probleme bei dieser Fußball-WM. Die Art und Weise des Erfolgs gegen Schweden könnte dem Team aber den Glauben zurückgeben.

Kommentar von Sebastian Fischer

Es mussten noch mal die alten Namen hervorgekramt werden, um die historische Dimension des Schlamassels aufzuzeigen, in das die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Russland geraten war. Als eine DFB-Elf zuletzt in einem großen Turnier schon in der Vorrunde scheiterte, verteidigten Wörns und Nowotny, stürmte Kuranyi, trugen Poldi und Schweini als Vorboten einer sehnsüchtig erwarteten talentierten Generation die Hoffnungen - doch das reichte bei der Europameisterschaft 2004 noch nicht mal gegen Lettland. Und jetzt sollte es wieder soweit sein? Jetzt sollte Deutschland erstmals bei einer Weltmeisterschaft nicht die Gruppenphase überstehen? Jetzt sollte diese Mannschaft fußballerisch in längst überwunden geglaubte Zeiten zurückfallen?

Nach allem, was man über den Fußball zu wissen glaubt, heißt die Antwort natürlich Nein. Dafür klingen die Namen im Kader des Weltmeisters nach zu viel Begabung, dafür ist der Fundus an Talenten im Jahr 2018 zu groß. Doch hinter diesem Nein, hinter dem ein großes Ausrufezeichen stehen sollte, befindet sich auch nach dem 2:1 gegen Schweden noch immer ein Fragezeichen.

Die Nationalmannschaft ist mit reichlich Verspätung in Russland angekommen

Dass Deutschland über genügend Qualität verfügt, um mindestens das Achtelfinale zu erreichen, das war in der zweiten Halbzeit gegen Schweden erstmals während des Turniers zu sehen: Marco Reus spielte die richtigen Pässe, Timo Werner sprintete über die Flügel in die Tiefe. Bundestrainer Joachim Löw hatte zur Pause richtig umgestellt, als er Mario Gomez für Julian Draxler brachte. Er hatte die Schwächen der schwedischen Abwehr richtig erkannt, druckvolle, flache Pässe flogen nun in den Strafraum. Er hatte auch schon vor dem Spiel das richtige Gespür bewiesen, indem er Reus Mesut Özil vorzog. Er hatte auf jeden Fall Mut bewiesen, als er für mehr taktische Disziplin Sebastian Rudy für Sami Khedira aufstellte.

Doch lange wirkten die Spieler dennoch wie begabte Sänger, die jede Tonlage beherrschen, jeden Rhythmus, aber auf dem Weg zur Bühne stolpern, das Atmen vergessen, panisch werden und hinterher nicht wissen, wie das alles passieren konnte. Es brauchte einen genialen Moment von Toni Kroos in der fünften Minute der Nachspielzeit, um doch noch im Turnier zu bleiben. Einen Moment, der sich nicht angedeutet hatte.

Die Vorbereitung auf diese WM war suboptimal, schon in der Europapokal-Saison war das Niveau des deutschen Fußballs kritisiert worden, die Nationalmannschaft hatte in so manchem Testspiel überraschend schwach ausgesehen. Alle sprachen nur über den Fuß von Torwart Manuel Neuer, dann sprachen alle nur noch über Erdogan-Gate. Das Auftaktspiel gegen Mexiko ging verloren, wegen taktischer Schwächen, wegen Leichtsinn. Und dann traf im zweiten Spiel der Schwede Ola Toivonen, der für den FC Toulouse ein ganzes Jahr lang kein Tor geschossen hat, nach einem Fehlpass von Toni Kroos, wie er ein Jahr lang keinen gespielt hat. Rudy brach sich die Nase, Jérôme Boateng sah Gelb-Rot. Schlechte Form schien sich mit Unglück zu multiplizieren.

All das ist nun nicht plötzlich wie weggewischt. Die WM ist bislang nicht das Turnier der großen Favoriten, Argentinien hat große Probleme, Brasilien kleinere. Deutschland steht in dieser Liste immer noch weit vorne, Deutschland kann immer noch das Achtelfinale verpassen. Die Absicherung gegen Konter war auch gegen vergleichsweise schwach konternde Schweden teilweise abenteuerlich. Doch die Nationalmannschaft ist nun mit einem Schuss, mit Glück und reichlich Verspätung in Russland angekommen. Und obwohl sich der Vergleich erübrigt, ist es ironischerweise ein Satz aus den Wörns-und-Nowotny-Jahren, der nun gelten könnte, wenn das Team das Momentum der emotionalen Schlusssekunden von Sotschi für sich nutzt: Deutschland, sagte man damals, um sich angesichts spielerischer Armut Mut zu machen, ist eine Turniermannschaft. Und wird von Spiel zu Spiel besser.

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