Fußball-WM der Frauen:Immer Ärger mit der "Vartezeit"

Fußball-WM der Frauen: Einige Nigerianerinnen regen sich bei der Schiedsrichterin Yoshimi Yamashita über eine Entscheidung auf.

Einige Nigerianerinnen regen sich bei der Schiedsrichterin Yoshimi Yamashita über eine Entscheidung auf.

(Foto: AP)
  • Zwei Mal binnen sieben Minuten gibt es im Achtelfinale zwischen Deutschland und Nigeria einen Videobeweis.
  • Das deutsche Team profitiert zwei Mal, die Zuschauer jedoch pfeifen enorm.
  • Die Szenen zeigen: Auch bei der WM in Frankreich ist der Videobeweis als Hilfsmittel keinesfalls angekommen.

Von Tim Brack, Grenoble

Durch das beschauliche Stade des Alpes in Grenoble gellten Pfiffe. Sie durchbrachen die Idylle, die dieses Stadion mit dem glitzernden Glasdach am Rande der Alpen normalerweise versprüht. Der Grund für den Unmut eines Großteils der 17 988 Zuschauer war aber nicht etwa die deutsche Spielerin Sara Däbritz, die gerade gegen Nigeria zum Elfmeterpunkt schritt, sondern die Vorgänge rund um das Team der japanischen Schiedsrichterin Yoshimi Yamashita.

Yamashita hatte Minuten zuvor mit ihren Händen ein Rechteck in die Luft gezeichnet, weil ihr der spanische Videoschiedsrichter mit dem klangvollen Namen Carlos del Cerro Grande über Funk mitgeteilt hatte, dass es da im Strafraum womöglich ein Foul gegeben habe an Lina Magull. Es war das zweite Mal binnen sieben Minuten, dass Yamashita diese Bildschirm-Geste vollführte, die bei vielen Fans mittlerweile Gedanken an einen Zahnarztbesuch auslöst: Man will es einfach nur hinter sich bringen, jede Sekunde ist zu viel.

Schiedsrichterin Yamashita schritt also im ersten Achtelfinale dieser WM zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit zum Monitor am Feldrand, um sich ein eigenes Bild zu machen. In den sieben Minuten zwischen den beiden Eingriffen des Video Assistant Referee (VAR) war sehr wenig Fußball gespielt und viel gewartet worden. "Diese lange Zeit, die dafür gebraucht wird, ist störend für den Spielrhythmus", sagte später Lea Schüller, die die Technik eigentlich als sinnvoll erachtet und später den 3:0-Endstand erzielte, ohne überprüft werden zu müssen. Letztendlich fielen die Entscheidungen des Schiedsrichter-Teams in dieser Anfangsphase zweimal zugunsten der deutschen Mannschaft aus, was den Pfiffen in Grenoble noch weiter anheizte, da die meisten Zuschauer es mit dem Außenseiter Nigeria hielten.

Die Entscheidung auf Strafstoß, den Däbritz mit großer Selbstverständlichkeit zum 2:0 (27.) verwandelte, war vertretbar. Beim ersten Tor der DFB-Elf durch einen Kopfball von Alexandra Popp (20.) stand Svenja Huth allerdings im Abseits - und im Blickfeld der Torhüterin Chiamaka Nnadozie. War die nigerianische Schlussfrau durch die deutsche Angreiferin irritiert worden? Nnadozie zeigte jedenfalls keine Reaktion, die angedeutet hätte, dass sie sich benachteiligt fühlte. Schiedsrichterin Yamashita entschied nach Videostudium, das Tor zu geben - eine strittige, aber nicht unbedingt falsche Entscheidung.

Nicht einmal die Spielerinnen wissen, was geprüft wird

In Grenoble verdichteten sich zwei dieser "Vartezeiten" auf einen sehr kurzen Zeitraum, was die ausgiebige Entscheidungsfindung noch einmal hervorhob. Die scheint bei der WM in Frankreich länger zu sein, als man das gewohnt ist. Verwunderlich ist das nicht unbedingt, der Videobeweis wird erstmals in einem großen Turnier im Frauenbereich eingesetzt. Die Kritik zielt nicht nur auf die langen Standzeiten ab, auch die Kommunikation ist problematisch. Im Stadion ist schwer nachzuvollziehen, welche Situation die Schiedsrichterin gerade prüft - nicht nur für die Zuschauer. "Im Spielverlauf war es ein Fragezeichen, weil man als Spielerin nicht weiß, warum", sagte Torschützin Popp. Auflösung brachte bei ihrem Treffer erst ein Hinweis der Bundestrainerin.

Probleme dieser Art sind schon in den nationalen Ligen der Männer aufgetreten. Bei der WM in Russland im vergangenen Sommer funktionierte das Hilfsmittel dagegen relativ gut. Warum dann bei den Frauen nicht? Vielleicht, weil die Fifa es mit der Einführung in den Frauenbereich überstürzte. "Nach dem beeindruckenden Einsatz von VAR bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 letzten Sommer in Russland waren wir entschlossen, alles daran zu setzen, VAR auch im Frauenfußball zum Einsatz zu bringen", hatte Fifa-Generalsekretär Zvonimir Boban vor der WM gesagt. 10 von 15 Videoschiedsrichter-Positionen besetzte der Weltverband deswegen mit erfahrenem Personal aus Russland.

Trotzdem verläuft der Einsatz in Frankreich ungeschmeidig. Das könnte der mangelnden Erfahrung vieler Feld-Schiedsrichterinnen mit dem Videobeweis geschuldet sein. Erst nach der WM der Männer im vergangenen Sommer begannen die Schulungen für die Unparteiischen, die in Frankreich mit dem VAR arbeiten sollten. Die männlichen Kollegen beim Turnier in Russland waren da schon weiter: Sie hatten bereits in den nationalen Ligen die Möglichkeit, die neue Technik unter Wettkampfbedingungen anzuwenden.

Zwar haben die Schiedsrichterinnen "ein intensives Vorbereitungsprogramm absolviert, um für die Frauen-Weltmeisterschaft bereit zu sein", hatte Pierluigi Collina, der Vorsitzende der Fifa-Schiedsrichterkommission, nach der Vorrunde erklärt. "Ich muss allerdings zugeben, dass auch ein paar Fehler gemacht wurden. Das ist zwar verständlich", sagte Collina, "aber es hätte dennoch nicht passieren sollen und das bedauere ich." So verständnisvoll wie der Schiedsrichter-Chef zeigte sich das Publikum in Grenoble an diesem Nachmittag allerdings nicht.

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