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Niederlage des DFB-Teams:Das Gegenteil von Watutinki

Die Niederländer bejubeln den Treffer zum zwischenzeitlichen 2:1, Torwart Manuel Neuer sitzt am Boden.

(Foto: AFP)
  • Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verliert in der EM-Qualifikation 2:4 gegen die Niederlande.
  • Es ist die erste Niederlage im vierten Qualifikationsspiel.
  • Gnabry und Kroos treffen fürs DFB-Team, de Jong, Tah per Eigentor, Malen und Wijnaldum für die Niederlande.

Joachim Löw hat nach der verunglückten WM in Russland ja versprochen, dass er in naher Zukunft einiges anders machen werde. Dieses Versprechen war insgesamt eine gute Idee, weil der Bundestrainer ansonsten vermutlich entlassen worden wäre; so aber wurde nur der alte Löw durch einen neuen Löw ersetzt. Der neue Löw hat z.B. ein paar alte Spieler entfernt und überhaupt ein paar Sachen gemacht, die ihm im WM-Quartier im sagenumwobenen Watutinki auch schon hätten einfallen können: Er stellte zum Beispiel Joshua Kimmich ins Zentrum und begnadigte Leroy Sané, der sich allerdings gar nichts hatte zuschulden kommen lassen. Nun, beim vierten Spiel der laufenden EM-Qualifikation gegen die Niederlande in Hamburg, verblüffte Offensivliebhaber Löw die Fachwelt mit einer Neuerung, die von ihm als Allerletztem erwartet hätte: Er ließ seine Elf Defensivfußball spielen.

Das Interesse an eigenen Angriffen blieb überschaubar

Drei Innenverteidigern Niklas Süle, Mathias Ginter und Jonathan Tah stellte Löw zwei defensive Außenverteidiger (Lukas Klostermann, Nico Schulz) an die Seite, und neben der Fachwelt wunderten sich vor allem die Niederländer: Sie hatten in einem Auswärtsspiel beim Favoriten plötzlich ganz oft den Ball, und sie wunderten sich dann noch mal, weil die Deutschen sie ziemlich lange gewähren ließen. Ein Coach für Überraschungen war Löw bislang selten, und so zeigte das Spiel in Hamburg vor allem eines: dass der Bundestrainer immer noch auf der Suche ist. Noch ist er sich nicht ganz im Klaren, wie er seine Umbruch-Elf spielen lassen soll. Und nach der insgesamt erstaunlich passiv erlittenen 2:4 (1:0) -Niederlage gegen die Niederlande wird Löw nochmal überlegen müssen, was er künftig in Auftrag gibt.

"Holland war über 90 Minuten die bessere Mannschaft, wir haben verdient verloren", sagte Löw bei RTL. "Obwohl wir 1:0 in Führung waren, hatte man nie das Gefühl gehabt, dass wir das Spiel unter Kontrolle haben." Er sei "enttäuscht", weil das Team "unter unseren technischen Möglichkeiten" gespielt habe. "Die Holländer konnten nachrücken, wir haben hohe Bälle gespielt. Das war nicht das Spielverständnis, was wir eigentlich wollen." Gästetrainer Ronald Koeman wunderte sich: "In der zweiten Hälfte waren die Deutschen müder, sahen nicht mehr so gut aus. Ein großer Unterschied war, dass wir mehr getan haben für den Sieg als Deutschland. Ich war überrascht, dass sie uns den Ball überlassen haben, dass sie abgewartet haben. In der zweiten Hälfte haben wir abwartender gespielt, die Deutschen sind nicht so viel gelaufen wie vor der Pause."

DFB-Team in der Einzelkritik

Tah mit Wackelpudding-Beinen

Vor dem Spiel hatte Löw seine neue Mannschaft mit der von 2010 verglichen, mit jener jungen Elf, die bei der WM in Südafrika einen erfrischenden Außenseiterfußball gespielt hatte. Bei der WM in Russland war Löws alternde Combo zuletzt mit ihrem erhabenen Slowmotion-Fußball immer wieder ausgekontert worden, was Löw offenbar auf die Idee brachte: Lasst uns doch selber mal wieder kontern, so wie damals in Südafrika! So fiel immerhin auch das 1:0. Kimmich schüttelte einen spektakulären Flugball aus dem Fußgelenk hinaus auf den rechten Flügel, wo Klostermann lossauste und zunächst an Torwart Cillessen scheiterte, bevor Serge Gnabry den Ball mit etwas Glück im niederländischen Tor unterbrachte (9.).

Löws Plan wendet sich gegen das Naturell der Mannschaft

Ja, Löw hat etwas verändert, man kann das nicht anders sagen. Der Fußball, den er sein Team spielen ließ, war das Gegenteil von Watutinki. Löw hat versucht, sich neu zu erfinden, unter Verweis auf seine eigene Vita - siehe Südafrika. Funktioniert hat das in diesem Spiel überhaupt nicht.

Zwar war Löws Taktik nach neun Minuten erst mal aufgegangen, aber erstaunlich war, wie sehr seine Elf dieser neuen Marschroute treu blieb. Das Interesse an eigenen Angriffen blieb auch nach der Führung extrem überschaubar, Deutschland dominierte nicht, sondern übte sich in sehr ungewohnter Zurückhaltung - immer mit dem Hintergedanken, einen Ball zu erwischen und damit die sündhaft schnellen Werner, Gnabry und Reus auf die Reise zu schicken. Es sah aber nicht aus wie in Südafrika, sondern eher so, als würde Mainz 05 in der Bundesliga einem großen Favoriten begegnen, allerdings spielt Mainz in der Regel aggressiver und verteidigt höher als die seltsame blasse DFB-Elf.

Vereinfacht gesagt, war das der Plan: Hinten sollte das ehe mittelgute als gute Personal sicherheitshalber tief stehen, davor bildeten der aggressive Kimmich und der ballsichere Kroos eine weitere Reihe, und ums Stürmische kümmerten sich fast ausschließlich die drei Sprinter da vorn. Nach dem Wechsel kam die DFB-Elf zunächst zu ein paar Chancen, weil die niederländische Defensive vorübergehend ein bisschen pflichtvergessen wirkte, aber blieb die abwartende Versuchsanordnung dieselbe, und so war es durchaus folgerichtig, dass die Gäste das Spiel drehten: Erst gelang de Jong der Ausgleich, weil Klostermann, Schulz und vor allem Tah nachlässig verteidigten (53.); zwölf Minuten später unterlief dem bedenklich wackelnden Tah ein Eigentor.

Immer mehr stellte sich heraus, dass Löws Plan sich zumindest in dieser Radikalität doch etwas gegen das Naturell der Mannschaft wendet. Weil die DFB-Elf viel seltener als sonst am Spiel teilnahm, fand sie auch nie zur gewohnten Sicherheit - das galt auch, nachdem Kroos mit einem hoch umstrittenen Handelfmeter wieder Ausgleich geschafft hatte (73.). Nur drei Minuten später lag Löws Elf wieder hinten: Nach einem Fehlpass von Ginter konterten nun die Holländer, und nach einem Querpass von Wijnaldum erzielte Debütant Malen das 3:2. Und auch das 4:2 für die berauschten Gäste durch Wijnaldum war wie zum Hohn: ein Konter.

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