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Luca Waldschmidt:Löws einzige Wahl

Ein Bomber, der nicht aussieht wie ein Bomber: Der schlaksige Stürmer Luca Waldschmidt (Mitte) in Aktion beim Testspiel gegen die Türkei.

(Foto: AFP)

Die italienische "Gazzetta dello Sport" nannte Luca Waldschmidt einmal ehrfürchtig "il bomber". Der junge Stürmer von Benfica Lissabon vereint Qualitäten, wie sie in Deutschland mittlerweile selten sind.

Von Ulrich Hartmann, Köln

19 Minuten hat Luca Waldschmidt in seinem ersten Pflichtspiel für Benfica Lissabon gebraucht, um ein Tor zu schießen. Vom "Estadio Municipal 22 de Junho" in Vila Nova de Famalicão hatte der junge Westfale vor dem Auswärtsspiel am 18. September vermutlich zum ersten Mal gehört. Aber genau das zeichnet einen exzellenten Mittelstürmer aus: dass er intuitiv Tore erzielt, in jedem beliebigen Stadion, notfalls auf einer Kuhweide oder wenn man ihn früh um halb vier weckt.

Waldschmidt hatte zu Benficas 5:1-Sieg beim FC Famalicão das fünfte Tor beigesteuert und seinem neuen Klub damit gleich das Gefühl gegeben, dass die 15 Millionen Euro Ablöse an den SC Freiburg gut angelegt sind - und dass seine kühne Ausstiegsklausel mit einer Fixsumme von 88 Millionen Euro vielleicht gar nicht mehr so absurd wirkt. Die reinen Fakten verheißen, dass Deutschland nun zumindest wieder einen Mittelstürmer mit kleinerem Weltruhmpotenzial besitzt. Die Frage ist bloß, warum der 24-Jährige in die Liga NOS nach Portugal gewechselt ist?

Es gibt jedenfalls noch ein weiteres starkes Indiz für Waldschmidts Qualität: Er ist auf der Position des zentralen Stoßstürmers momentan erste Wahl beim deutschen Bundestrainer. Joachim Löw spielt meistens ganz ohne Mittelstürmer, wenn er all seine Flügelflitzer Leroy Sané, Timo Werner oder Serge Gnabry aufstellt. Dann braucht er vorne drin nicht unbedingt eine klassische Spitze. Aber wenn er einen echten Zentralangreifer aufbietet, wie jetzt beim 3:3 im Test gegen die Türkei, dann nimmt er gerne Luca Waldschmidt. Denn der gebürtige Siegener braucht nicht viele Chancen, er würde auf jeder Kuhweide treffen oder auch früh um halb vier. Und vielleicht wird er wirklich bald mal 88 Millionen Euro Ablöse wert sein. Bei Löw ist er womöglich aber auch deshalb aktuell erste Wahl, weil der Bundestrainer über gar keine richtige Alternative verfügt.

Die Gazzetta dello Sport nannte Waldschmidt ehrfürchtig "il bomber"

Die derzeit erfolgreichsten deutschen Mittelstürmer in der Bundesliga sind der Bremer Niclas Füllkrug, 27, mit drei Saisontoren und der ehemalige Freiburger Waldschmidt-Teamkollege Nils Petersen, 31, mit zwei Treffern. Petersens zweites, bislang letztes Länderspiel war im November 2018, eine späte Einwechslung gegen Peru. Füllkrug hat im Oktober 2013 letztmals für Deutschlands U 20-Junioren gespielt. Deutschland, weltberühmt für Autos, Bratwurst und Weihnachtsmärkte, war früher auch mal eine Vorzeigenation für Mittelstürmer: Miroslav Klose erzielte 72 Tore im DFB-Trikot, Gerd Müller 68, Lukas Podolski 49. Mit dem 3:2-Führungstreffer in der 81. Minute gegen die Türkei hat nun auch Waldschmidt sein erstes Tor im vierten Länderspiel-Einsatz geschafft.

Bei der U 21-Europameisterschaft 2019 in Italien, als Waldschmidt mit sieben Treffern Torschützenkönig wurde, nannte die Gazzetta dello Sport den jungen Deutschen ehrfürchtig "il bomber". Aber an Gerd Müller, den echten vormaligen "Bomber der Nation", denkt man eher nicht, wenn man den schlaksigen Waldschmidt sieht. Nach Stationen bei Eintracht Frankfurt, dem Hamburger SV und dem SC Freiburg zeichnet ihn weiterhin aus, auch mit dem Rücken zum gegnerischen Tor Gefahr auszustrahlen. Solche Stürmer gibt es immer seltener, weil immer mehr Trainer mitspielende Angreifer bevorzugen, sogenannte "falsche Neuner", die nicht nur im gegnerischen Strafraum lauern.

Löw braucht Waldschmidt gelegentlich als taktische Kühlerfigur

Waldschmidt selbst hält sich allerdings nur "vom Torhunger her" für einen klassischen Mittelstürmer. Angesichts seiner 1,81 Meter Körpergröße stelle er nicht unbedingt das für einen Strafraumstürmer erforderliche "Kraftpaket" dar, sagt er. Darauf kann Löw aber keine Rücksicht nehmen. Er braucht Waldschmidt gelegentlich als taktische Kühlerfigur. Timo Werner kann auch im Zentrum spielen, zieht vom Flügel her aber effektiver mit mehr Tempo zum Tor. Kevin Volland, 28, spielt neuerdings in Monaco, wurde von Löw aber schon zu Leverkusener Zeiten nicht mehr berücksichtigt. Blieben noch der Augsburger Florian Niederlechner, 29, der Bremer Davie Selke, 25, und der Bielefelder Fabian Klos, 32. Aber ihnen braucht man keine Karriere in der Nationalmannschaft mehr zu prophezeien.

Im U 21-Nationalteam heißen die Mittelstürmer derzeit Lukas Nmecha (RSC Anderlecht), Jonathan Burkardt (Mainz 05) und Ragnar Ache (Eintracht Frankfurt). Der verheißungsvollste Mittelstürmer dürfte Borussia Dortmunds Youssoufa Moukoko sein. Der in Ghana geborene deutsche Junioren-Nationalspieler wird im November 16 Jahre alt. Doch selbst wenn er zeitnah im Dortmunder Bundesligateam auftauchen wird, dürfte Luca Waldschmidt in der Nationalmannschaft noch ziemlich lange freie Bahn haben.

© SZ vom 09.10.2020/tbr
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