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3:3 gegen die Türkei:Im Jahr 2020 unbesiegt - klingt doch super!

Bundestrainer Joachim Löw beim Testspiel Deutschland gegen Türkei 2020 in Köln

Enttäuschter Bundestrainer: Joachim Löw nach dem 3:3 gegen die Türkei.

(Foto: dpa)

Andererseits hat die deutsche Nationalelf auch noch kein Spiel gewonnen. Nach dem 3:3 gegen die Türkei stellt sich erneut die Frage, wie es so schwer sein kann, eine Führung zu verteidigen.

Von Ulrich Hartmann, Köln

Dem Übeltäter begegnete Joachim Löw nach dem Spiel auf dem Weg zum Fernseh-Interview. Ausgerechnet in der Nachspielzeit, ausgerechnet ein Fußballer von Fortuna Düsseldorf in Köln, ausgerechnet Kenan Karaman. Der Bundestrainer, der anschließend im Interview von sich sagen sollte, dass er "angefressen" sei, zuckte in diesem Moment der Konfrontation keck die Schultern und grinste den türkischen Angreifer gespielt vorwurfsvoll an: Hatte das wirklich sein müssen?

Hatte Karaman der deutschen Nationalmannschaft mit dem 3:3-Ausgleich in der vierten Minute der Nachspielzeit wirklich die Tour vermasseln müssen? Karaman lächelte freundlich zurück, gab sich in der Sache aber uneinsichtig. Daraufhin tätschelte ihm Löw anerkennend die Schulter. Im Interview sagte der Bundestrainer: "Wieder ein Gegentor in der letzten Minute, wie schon gegen Spanien - da ist man natürlich enttäuscht."

Weil es das dritte Unentschieden nacheinander war und weil vor diesen drei Länderspielen coronabedingt alles abgesagt worden war, lautet die in den Nachrichten verbreitete Bilanz nun: Deutschland hat in diesem Jahr noch überhaupt kein Spiel gewonnen. Das stimmt zwar, ist aber überhaupt nicht so schlimm wie es klingt, denn wahr ist genauso: Deutschland ist in 2020 noch unbesiegt. Das klingt doch super!

Das 1:0 währte gerade einmal fünf Minuten

Dass ausgerechnet Karaman in der Nachspielzeit den Ausgleich für die Türkei zum 3:3-Endstand geschossen hat, war natürlich kein Zufall. Erst im Mai hatte er mit seiner Fortuna, damals noch Erstligist, im Kölner Stadion bereits mit 2:0 geführt und musste am Ende miterleben, wie der 1. FC Köln in den allerletzten Minuten noch zum 2:2 ausglich. Fünf Monate später machte er es nun selbst besser und führte sein Nationalteam spät zum Unentschieden im Freundschaftsspiel.

Die Gelackmeierten waren diesmal die Deutschen. Drei Mal geführt, drei Mal den Ausgleich zugelassen. Binnen drei Partien haben sie nun schon fünf Führungen verspielt. Gegen Spanien fiel der Ausgleich sogar erst in der sechsten Minute der Nachspielzeit. "Wir haben es wieder nicht geschafft, den Sieg über die Zeit zu bringen", klagte der als Kapitän aufgelaufene Julian Draxler, "das müssen wir einfach souveräner spielen. Es ist enttäuschend. Am Ende geht es darum, die Spiele zu gewinnen, und das haben wir wieder nicht geschafft."

Dabei war dieses Länderspiel ein Muster ohne Wert, ein substanzloses Ereignis, eine Bewegungseinheit für Ergänzungsspieler. Seine Stamm-Mannschaft hat Löw geschont, er hat die zweite Reihe spielen lassen, und die spielte dann auch wie eine zweite Reihe: engagiert, teilweilse schön anzuschauen - aber fragil, anfällig, nach hinten nicht nationalmannschaftswürdig. Julian Draxler (45+1.), Florian Neuhaus (58.) und Luca Waldschmidt (81.) brachten die deutsche B-Mannschaft jeweils in Führung.

Fünf Minuten währte das 1:0, neun Minuten das 2:1 und 13 Minuten das 3:2. Bei der Verteidigung der Führungen ist ein zeitlicher Fortschritt zu erkennen, der am Ende aber nichts wert war, weil das Spiel bei 3:3 abgepfiffen wurde und eine vierte Führung nicht mehr herausgeschossen werden konnte.

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