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Deutsche Nationalmannschaft:Löw hat den Auftrag zum Ärgern

Nationalmannschaft: DFB-Bundestrainer Jochaim Löw beim Länderspiel Deutschland gegen Türkei

Joachim Löw (li.): Auch in Köln nicht immer zufrieden

(Foto: dpa)

Der Image- und Wertverlust der heiligen Nationalelf beschäftigt den DFB. Denn die Mannschaft war zuletzt dabei, mehr zu verspielen als nur mal eine 1:0-Führung.

Kommentar von Christof Kneer

Wenn Joachim Löw sich früher geärgert hat, dann meistens über gegnerische Mannschaften, die keinen Fußball spielten. Leicht missbilligend hat Löw dann manchmal in der Pressekonferenz gesagt, der Gegner habe ja nur verteidigt oder, schlimmer!, nur lange Bälle gespielt. Es gab (und gibt!) tatsächlich Mannschaften im Weltfußball, die es wagen, sich nicht an Löws Pläne zu halten, aber inzwischen begegnet der Bundestrainer solch verirrten Widerständlern recht gelassen.

Löw ist lange dabei und Weltmeister, und im Moment ist er ja auch selber wieder auf der Suche nach einem tauglichen Spielstil für seine neue Elf. Über die Phase, sich über Gegner zu ärgern, ist er längst hinweg.

Es ist nicht leicht, Löw beim Ärgern zu erwischen. Das könnte auch daran liegen, dass er nach Turnieren manchmal in einer selbst gewählten 53-tägigen Quarantäne verschwindet, bevor er im September plötzlich wieder auftaucht und ein Aufgebot nominiert. Löws Vertraute sagen, das würde den Bundestrainer tatsächlich ärgern: wenn die Öffentlichkeit nach Turnieren vom Glauben abfällt, wenn sie Taktik oder Aufstellung hinterfragt. Aber Löw ärgert sich dann privat.

Er sei "angefressen", sagte Löw ordnungsgemäß

Öffentliches Ärgern ist man von Löw nicht gewohnt, umso verblüffter hat die Öffentlichkeit nun die Sätze vernommen, mit denen Löw die aktuelle Länderspielwoche eingeleitet hat. Er habe sich "mit ein bisschen Abstand wahnsinnig geärgert", sagte Löw - darüber, dass seine Elf in den vergangenen Nations-League-Partien gegen Spanien und die Schweiz nur 1:1 gespielt habe; man habe, so Löw, "letztlich zwei Siege liegen lassen". Direkt nach den Spielen hatte derselbe Löw noch gesagt, Siege in der Nations League seien gut, "aber nicht das Allerwichtigste".

Es muss nichts, es kann aber etwas bedeuten, dass Löw seinen nachträglichen Ärger hoch offiziell im Interview auf der Verbands-Homepage überbracht hat. Wer mag, darf nun also darüber spekulieren, ob in diesen vier Wochen tatsächlich ein Verdruss in Löw gewachsen ist oder ob ihm sein Arbeitgeber, der DFB, diesen Verdruss ins Manuskript redigiert hat. Dem DFB sind Image- und Wertverlust der heiligen Nationalelf keineswegs entgangen, die Mannschaft war zuletzt dabei, mehr zu verspielen als nur mal eine 1:0-Führung.

Weder Team noch Trainer konnten etwas dafür, dass sie von Corona still gelegt wurden - umso wichtiger aber, dass die Wiedereinführung in die Gesellschaft jetzt nicht mit lauter Unentschieden vollzogen wird, die vom Trainer lässig unter "Erkenntnisgewinn" verbucht werden. Er sei "angefressen", sagte Löw also ordnungsgemäß nach dem 3:3. Löw sollte mal wieder gewinnen, und er hat 2014 zum Beispiel schon bewiesen, dass er rechtzeitig zu Turnieren Schärfe aufnehmen kann. Und es dürfte ihn auch antreiben, dass seine Mannschaft gerade nur die zweitwichtigste im Land ist - hinter einer Vereinsmannschaft, die sein ehemaliger Assistent Hansi Flick trainiert.

© SZ vom 09.10.2020/ska
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