DFB-Team Sehr, sehr unentschieden

  • Beim 1:1 gegen Serbien zeigt sich für die deutsche Nationalmannschaft, wie schwierig es ist, per Federstrich eine neue Zeit anzuordnen.
  • In Torwart Manuel Neuer stand in Wolfsburg nur ein Weltmeister von 2014 auf dem Platz - und auch er nur bis zur Halbzeit.
Von Christof Kneer

Zu den unzähligen Reformen, die sie beim Deutschen Fußball-Bund nach der verpfuschten WM in Russland beschlossen haben, zählt auch diese: Der deutsche Fußball soll wieder näher ran an die Leute, näher ran an die Kundschaft, die zuletzt arg vom Glauben abgefallen war und nichts mehr zu tun haben wollte mit alternden Kunstfiguren, die ihre Rest-Energie darauf verwenden, den Friseur des Vertrauens einfliegen zu lassen. Um dieser Wahrnehmung entgegen zu wirken, haben sie im Verband entschieden, nicht immer nur die ganz großen Bühnen zu bespielen, sondern auch mal Gastspiele in der Provinz abzuhalten - in Wolfsburg etwa, wo nebenbei auch der neue DFB-Sponsor VW seinen Firmensitz hat. Kleiner Nebeneffekt der Raus-aufs-Land-Politik: Die Kameras würden endlich wieder volle Stadien einfangen, weil 30 000 Plätze halt doch einfacher zu füllen sind als 60 000.

Insofern war es keine so nette Nachricht für diese sogenannte neue Nationalmannschaft, dass die Kameras immer noch ein paar leere Plätze einfingen beim ersten Länderspiel des Jahres 2019, das gleichzeitig den Beginn einer neuen Ära markieren sollte. Die 25 000 Anwesenden bekamen ein Spiel geboten, das es aus rein sportlichen Gründen eher nicht ins Geschichtsbuch schaffen wird: Das 1:1 (0:1) im Test gegen Serbien enthielt vor allem in der zweiten Halbzeit mutmachende Momente, aber es zeigte auch, dass der neue Weg kein leichter sein wird. Aber erst am Sonntag, beim ersten EM-Qualifikationsspiel in den Niederlanden, wird Bundestrainer Löw wirklich belastbare Hinweise über die Wettbewerbshärte seiner mit etwas Routine aufgemotzten Junioren-Elf erhalten.

Wie schwierig es ist, per Federstrich mal eben eine neue Zeit anzuordnen, zeigte sich schon vor Beginn des Spiels. Während die Kameras beim rituellen Gesichterschwenk in den heimischen Wohnzimmern einiges Rätselraten provoziert haben dürften (ist das dieser Klosterberg oder doch eher der Halstenmann? Oder heißen die Klostermann und Halstenberg?), leuchtete die Vergangenheit noch unübersehbar aus der Kurve. Der Fanclub der Nationalmannschaft hatte ein enormes Plakat aufgehängt, das unter dem Wort "danke" die früheren Rückennummern von Mats Hummels, Thomas Müller und Jérome Boateng auflistete: die 5, die 13, die 17 - die in der neuen Zeit jetzt Jonathan Tah, Lukas Klostermann und Niklas Stark gehören.

Der einzige Weltmeister von 2014 spielt nur bis zur Halbzeit

Tah und Klostermann zählten zu jener Startelf, die der übrigens immer noch amtierende Trainer Löw in dieses Ära-Auftaktspiel schickte. Weil Toni Kroos (nein, den hat Löw noch nicht in den Ruhestand geschickt) sein Päuschen diesmal auf der Bank nehmen durfte, stand nur ein einziger Weltmeister auf dem Platz: Torwart Manuel Neuer - und auch der nur bis zur Halbzeit.

DFB-Elf in der Einzelkritik

Ein Abend zum In-der-Jacke-Verkriechen

Es dauerte 48 Sekunden, bis die neue Generation zeigte, dass sie schon Lust hat, eine neue Geschichte zu schreiben. Timo Werner tat, was Löw von seinen Neuen sehen will (er spielte schnell und steil), auch Klostermann erfüllte den Wunsch des Trainers, er lief schnell, steil und genau in die Lücke: Sein Schuss wurde zur Ecke abgefälscht. Es war ein Versprechen, das die junge Elf allerdings nicht ganz halten konnte. Es gelang der Zukunft zu selten, sich von der Vergangenheit zu emanzipieren, mitunter wirkte es noch, als trügen die Burschen einen Rucksack, den ihnen ihre Vorgänger mitgegeben hatten. Löws Elf spielte nicht so frisch und frei, dass man sie sofort wieder ins Herz schließen musste.

Das DFB-Team zieht den Sicherheitspass vor

Ins Risiko sollten seine Jungs gehen, hatte Löw betont, auch um den Preis, dass mal ein Fehlerchen dabei herauskommt: Aber entweder die Jungs hatten nicht auf ihn gehört, oder sie trauten sich nicht so recht. Beweglich waren sie und ballsicher, aber im Zweifel zogen sie den Sicherheitspass vor. Nur kein Fehlerchen machen! Sie spürten, dass ihnen hier eine Nation beim Aufbruch in eine Ära zuschaute, und erschwerend kam zweierlei hinzu: ein kühles, früh pfeifendes Publikum, das den Buben weniger Kredit zugestand als erhofft - und ein gewiefter Gegner, der auch ohne Stammspieler wie Matic, Tadic oder Kostic die DFB-Elf anfangs immer wieder wie eine begabte Junioren-Elf aussehen ließ (was sie auch ist: Acht Spieler aus Löws Kader sind noch für die U 21 spielberechtigt). Auch die frühe serbische Führung durch Frankfurts Luka Jovic (12., Kopfball nach einer Ecke) trug nicht zur Leichtigkeit im DFB-Spiel bei.

Zwar hatte Timo Werner zwei Chancen zum Ausgleich (22., 37.), dennoch führten die Serben zur Pause verdient gegen Löws neues Deutschland. Nach dem Wechsel wurde das deutsche Spiel dann zügiger und zielstrebiger, inspiriert von der Finesse des eingewechselten Reus und der Wucht des eingewechselten Goretzka, auch Sané erinnerte momenteweise an den Spieler, der er bei Manchester City sein kann. Goretzka gelang dann nach schöner, schneller Kombination über Gündogan und Reus ein für die Zukunft idealerweise stilbildendes Ausgleichstor (69.), das zu diesem Zeitpunkt auch längst verdient war, weil Sané und Gündogan zuvor schon großformatige Chancen vergeben hatten.

Nun wirkte die überlegene DFB-Elf durchaus jung und dynamisch, Sané (73.), der zum Schluss richtig aufdrehte, und Reus (75.) kamen dem Führungstor nahe. Aber es fiel nicht mehr, und so geriet das Fazit wie das Spiel: Der Aufbruch in die neue Ära verlief eher so unentschieden.

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