Deutsche Nationalmannschaft:Runter vom roten Teppich

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Fußball-Nationalmannschaft - Training

Geübt im Moderieren: Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: dpa)

Der WM-Titel hat die Nationalelf verändert. Löws Team muss im Alltag gegen die Bilder des WM-Sommers ankämpfen - und der Bundestrainer sich ein bisschen neu erfinden. Das Ziel: ein bisschen normal werden.

Von Christof Kneer, Berlin

Wenn man all die Sätze und all die Bilder der vergangenen Tage richtig verstanden hat, dann war Manuel Neuer auf keinen Fall der beste Deutsche bei der WM in Brasilien. Auch Thomas Müller hat keine Chance mehr auf diesen Titel, ebenso wenig Mats Hummels, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger. Wenn man all die Sätze und all die Bilder der vergangenen Tage richtig verstanden hat, dann war der beste Deutsche bei der WM das Campo Bahia.

Ob er denn schon ein neues Campo in Frankreich entdeckt habe, dem Ausrichterland der EM 2016, ist Teammanager Oliver Bierhoff am Dienstag gefragt worden. Bierhoff hat dann zwar ein Witzchen gemacht ("ich beschäftige mich schon intensiv mit dem Baurecht in Frankreich"), aber er hatte den Ernst der Frage schon verstanden. Man werde "Probleme haben, das zu toppen", sagte er, man könne nicht erwarten, "dass wir etwas noch Verrückteres finden". Und überhaupt: "Wir müssen davon wegkommen, immer zu vergleichen."

Es war im Grunde der Satz des Tages. Es war der Satz, der deutlich machte, wie es der Nationalmannschaft gerade geht. Sie muss erleben, dass alles, was sie im Herbst 2014 macht, sagt und spielt, mit dem verglichen wird, was sie im Sommer 2014 gemacht, gesagt und gespielt hat. Sie kann sich nicht wehren gegen die Bilder des Sommers, sie ist ja immer noch mittendrin: Die Mannschaft sieht sich im Kino selber zu, sie läuft über rote Teppiche, sie schüttelt Staatsoberhäuptern die Hand, und die Staatsoberhäupter würden die geschüttelten Hände vor lauter Stolz am liebsten gerahmt in ihre Amtszimmer hängen.

Und diese Mannschaft spielt jetzt gegen Gibraltar, als Vierter ihrer aktuellen EM-Qualifikationsgruppe.

Die DFB-Elf hat in diesem Jahr auf jeden Gegner eine Antwort gefunden, sogar auf Algerien, aber dieser Gegner ist zäh und neu. Die deutsche Elf kämpft im Moment gegen eine Fallhöhe, die man ihr nicht vorwerfen kann, die ihr aber trotzdem zu schaffen macht. "Nach den verkorksten Spielen zuletzt wollen wir einen guten Jahresabschluss haben", sagte Oliver Bierhoff. Das Adjektiv "verkorkst" müsste übrigens aus einem Kinofilm unbedingt rausgeschnitten werden.

Vom Romantiker zum Pragmatiker

Der WM-Titel hat die Nationalelf verändert. Sie ist jetzt kein Projekt mehr, das von einem konzeptgläubigen Bundestrainer weiter- und weiterentwickelt wird, um vielleicht mal etwas Größeres zu gewinnen. Sie hat jetzt auf einmal etwas recht Großes gewonnen, und Joachim Löw muss sich ein bisschen neu erfinden.

Es geht zurzeit nicht darum, nach dem Pressing das Gegenpressing und sodann das Gegengegenpressing zu lehren; es geht jetzt erst mal darum, die Folgen des Titelgewinns nüchtern zu moderieren. "Auch das erste Halbjahr 2015 wird für uns ja nicht gerade ereignisreich", sagt Bierhoff angesichts der Pflichtspiele gegen Georgien (März) und Gibraltar (Juni) und zweier Testkicks gegen Australien (März) und die USA (Juni).

Löws Projekt-Elf ist gerade dabei, eine normale, erfolgreiche deutsche Nationalelf zu werden, wie so manche ihrer Vorgängermodelle. So wie der einstige Romantiker Löw sich zuletzt zunehmend zum Pragmatiker gewandelt hat, so wird sich auch seine Elf erst mal ideologiebefreit durch die nächsten Monate spielen. Es gibt zurzeit keine akademisch ausgetüftelten Taktikziele. Das neue Ziel heißt ganz banal: Europameister 2016.

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