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Cyber-Attacke im Sport:Die Rückkehr der Hacker-Bären

Die Gruppe "Fancy Bears".

(Foto: AP)
  • Der Software-Konzern Microsoft berichtet von Attacken, die auf die mutmaßlich russische Hacker-Gruppe "Fancy Bears" hindeuten.
  • Die Gruppe hatte vor drei Jahren interne Dokumente der Welt-Anti-Doping-Agentur veröffentlicht.
  • Ausgerechnet jetzt, da es um die Zukunft Russlands im Weltsport geht, taucht die Gruppe wieder auf.

Drei Jahre ist es her, dass die "Fancy Bears" begannen, die Sportwelt in Aufregung zu versetzen. Damals kaperte die Hacker-Gruppierung, die gemeinhin in Russland verortet wird und als Teil des Militär-Geheimdienstes GRU gilt, die Computer-Systeme der Welt-Anti-Doping-Organisation (Wada). Diverse interne Informationen kamen danach an die Öffentlichkeit. Zuletzt war es zumindest in der Sportwelt etwas ruhiger geworden um die Hacker, doch spätestens jetzt ist klar, dass die Bären wieder - oder besser gesagt: immer noch - ein gravierendes Thema sind in der Sportpolitik. Und das just in einem besonders heiklen Moment, in dem es um Russlands Zukunft im organisierten Weltsport geht und sogar um einen möglichen Ausschluss des Landes von den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio.

Am Montagnachmittag (Ortszeit) berichtete der amerikanische Software-Konzern Microsoft in einem ungewöhnlichen Statement von Aktivitäten, die er festgestellt habe. Seit dem 16. September seien mindestens 16 nationale und internationale Sport- und Anti-Doping-Organisationen auf drei Kontinenten angegriffen worden. Einige Attacken seien erfolgreich gewesen, die Mehrzahl aber nicht. Zu hundert Prozent lässt sich bei Hackerangriffen nur selten eruieren, wer dahintersteckt. Aber laut Microsoft hätten die Hacker die Methoden benutzt, für die Fancy Bears - auch bekannt unter Namen wie Strontium oder APT 28 - bisher bekannt gewesen sei.

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Die Sicherheitsleute haben in den vergangenen zwölf Monaten etliche Attacken registriert

Das Datum 16. September ist deswegen brisant, weil nur einen Tag später die Wada im Kontext des russischen Staatsdoping-Skandals das nächste Kapitel eröffnete: ein erneutes Verfahren gegen die russische Anti-Doping-Agentur (Rusada). Diesmal geht es um den Vorwurf, dass Russland Daten des Moskauer Doping-Kontrolllabors aus den Jahren 2012 bis 2015, mit deren Hilfe sich das Ausmaß des damaligen Betruges nachweisen ließe, vor der Weitergabe an die Wada zu Beginn des laufenden Jahres manipuliert habe.

Welche Organisationen vom Hacker-Angriff genau betroffen waren, sagt Microsoft nicht. Die Welt-Anti-Doping-Agentur sagt nur, es gebe keine Nachweise, dass das Wada-System gehackt worden sei. Die deutsche Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) erklärte, sie sei nicht betroffen gewesen. Allerdings hatten die Sicherheitsforscher von Microsoft nicht erst seit dem 16. September, sondern schon in den vergangenen zwölf Monaten zahlreiche Attacken von Fancy Bears gegen verschiedene politische und militärische Institutionen auf der Welt festgestellt, auch gegen Anti-Doping-Organisationen. Insbesondere über Geräte wie Netzwerk-Drucker oder Internet-Telefone seien die Angriffe erfolgt.

Die Fancy Bears spielten im Weltsport erstmals im Herbst 2016 eine Rolle. Das war kurz nach den Sommerspielen von Rio de Janeiro und der Veröffentlichung des sogenannten McLaren-Reports, in dem der kanadische Anwalt Richard McLaren für die Wada das staatlich orchestrierte Dopingsystem in Russland dokumentierte. Die Wada musste damals einräumen, gehackt worden zu sein. In der Folge kamen verschiedene heikle Informationen an die Öffentlichkeit, unter anderem über den massenweise Gebrauch von "therapeutischen Ausnahmegenehmigungen" für westliche Spitzensportler.

Ausnahgenehmigungen sind zwar eine hoch umstrittene und oft missbräuchlich benutzte, gemäß des Regelwerkes allerdings erlaubte Möglichkeit, mit der ein Athlet grundsätzlich verbotene Substanzen zu sich nehmen kann. Mehrere Dutzend Namen veröffentlichten die Hacker, darunter so prominente Sportler wie die amerikanische Turnerin Simone Biles oder der britische Radprofi Christopher Froome. Auch später kamen immer mal heikle Informationen der Anti-Dopig-Arbeit ans Licht, von der Wada oder von der amerikanischen Anti-Doping-Agentur. Insgesamt wirkte dies wie eine Revanche der russischen Seite für die Aufdeckung des gigantischen Betruges im eigenen Land.

Der Sport ist allerdings nur ein vergleichsweise kleiner Bereich, in dem die Fancy Bears aktiv sein sollen. Sie werden auch verantwortlich gemacht für die Hacker-Angriffe auf den Deutschen Bundestag 2015 oder auf verschiedene Wahlkampagnen führender westlicher Politiker, von der US-Demokratin Hillary Clinton bis zu Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron. 2016 brachten amerikanische Sicherheitsexperten die Gruppe erstmals mit Russland in Zusammenhang. Verschiedene westliche Regierungen, darunter die deutsche, gehen davon aus, dass hinter den Cyber-Attacken der russische Militär-Geheimdienst GRU stecke. In den USA wurde im Herbst 2018 gegen sieben russische Agenten wegen des Datendiebstahls bei der Wada und anderen Organisationen eine Anklageschrift vorgelegt. Der Kreml wies bisher stets zurück, dass hinter "Fancy Bears" Russlands Regierung oder Geheimdienst stecke.

Es ist nun die Frage, ob dieser neuerliche Hacker-Vorfall Einfluss auf das weitere Vorgehen der Wada gegen Russland hat. Die Welt-Anti-Doping-Agentur wollte ursprünglich schon in der vergangenen Woche entscheiden, wie sie mit dem Skandal um die offenkundig manipulierten Labordaten umgehen werde. Jetzt verweist sie darauf, dass es aufgrund umfangreicher Antworten der russischen Seite auf diverse Nachfragen noch etwas dauere. Vermutlich erst Ende November wird sich das zuständige Komitee der Wada mit dem Fall beschäftigen.

Russlands Anti-Doping-Agentur um ihren neuen Generaldirektor Jurij Ganus geht ebenfalls von einer Manipulation der Labordaten aus, beteuert aber, dass sie damit nichts zu tun habe. Wer dahinterstecken könne, wisse sie aber auch nicht.

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