Curling:Vier frühere Profi-Footballer curlen jetzt

Former Tennessee Titans linebacker Bulluck throws a stone while teammates Bulger and Roos prepare to sweep during the USA Curling Men's Challenge Round in Blaine

Der ehemalige Linebacker Keith Bulluck schiebt einen Stein an, während seine Teamkollegen Marc Bulger (li.) und Michael Roos wischen.

(Foto: REUTERS)
  • Vier ehemalige Profi-Footballer streben eine Zweitkarriere im Sport an: Sie wollen Curler werden.
  • Ihr Ziel ist die Teilnahme an den Olympischen Winterspiele 2022 in Peking.
  • Ihr erstes Spiel gegen den Olympiasieger geht aber gleich mal deutlich verloren.

Von Jürgen Schmieder

Jared Allen weiß, dass sich das, was er sich da in den Kopf gesetzt hat, ungefähr so anhört wie die Handlung des Films "Cool Runnings", in dem sich vier jamaikanische Sprinter als Bobfahrer bei den Olympischen Spielen versuchen möchten. Allen war Footballspieler, zwölf Spielzeiten lang hat er bis zum Karriereende 2015 vor allem bei den Kansas City Chiefs und den Minnesota Vikings in der US-Profiliga NFL agiert, fünf Mal ist er als einer der besten Verteidiger der Liga zum Pro Bowl eingeladen worden. Nun will er mit den einstigen Kollegen Marc Bulger, Keith Bulluck und Michael Roos zu den Winterspielen 2022 nach Peking. Nicht als Footballer natürlich. Als Curler.

Viele Profisportler stellen am Ende ihrer Laufbahn fest, dass noch eine Menge Leben übrig ist, so war es bei Allen. "Ich habe eine sportliche Herausforderung gesucht mit der Aussicht, dass ich darin auch in meinem Alter noch richtig gut sein könnte. Ich habe Badminton probiert, aber das war nichts für meinen Rücken", sagt Allen, der im April 37 wird: "Curling ist die perfekte Mischung, es ist anstrengend und doch relativ relaxed, und eines gefällt mir ganz besonders: Der Gewinner bezahlt die Biere der Verlierer." Ein Hobby also, zunächst, doch gibt es da diesen verdammten Ehrgeiz, der Amateure von Profis unterscheidet: "Wir wollen testen, wie gut wir werden können und was als Team möglich ist."

Marc Bulger ist Quarterback bei den St. Louis Rams gewesen, Keith Bullock Linebacker und Michael Roos waren Offensive Tackles bei den Tennessee Titans. Im März vergangenen Jahres haben die drei mit Jared Allen als Curler begonnen, ganz unten in einer Freizeitliga. Nach dem Sieg der US-Mannschaft bei Olympia 2018 in Pyeongchang trainierten sie ernsthafter und nahmen an Turnieren teil. Ein kleiner Radiosender in Minnesota berichtete über das ungewöhnliche Team, und es hörte zufällig der zu, der bei so einer Geschichte zuhören muss: John Benton, Olympia-Teilnehmer 2010 und Leiter eines Curling-Stützpunkts in der Nähe von Minneapolis, bot seine Dienste als Trainer an.

"Sie wollen nichts geschenkt, keine Sonderbehandlung, keine Extrawürste - im Gegenteil: Sie respektieren diesen Sport, sie wollen sich nach oben spielen, wie es jeder andere auch tun müsste", sagt Benton nun: "Das sind ehemalige Profisportler, die genau wissen, welche Opfer und Entbehrungen nötig sind, um ganz nach oben zu kommen. Sie trainieren diszipliniert und wollen jeden Tag besser werden. Sie fallen hin und stehen sofort wieder auf, und sie haben kein Problem damit, stundenlang an Technik und Taktik zu feilen. Sie verhalten sich nicht wie Amateure, das gefällt mir, deshalb helfe ich ihnen." Sechs Monate lang übten die vier, die sich "All-Pro Curling Team" nennen, in der Trainingshalle des Eishockeyvereins Nashville Predators an ihrer Technik und der Balance auf dem Eis, regelmäßig flogen sie zum Stützpunkt nach Minnesota. Es geht beim Curling nicht nur darum, die Steine möglichst präzise nach vorne zu schieben und über das Freirubbeln des Eises zu platzieren, es geht auch darum, die verschiedenen Spielsituationen zu erkennen und zu interpretieren. Das macht den Sport bei Olympia für die Zuschauer so spannend, weil sie mittüfteln dürfen und oft von den Zügen der Profis überrascht werden.

In der ersten Partie geht es gleich gegen die Olympiasieger

Im November war es dann vorbei mit der Geheimhaltung, das Team nahm zum ersten Mal an einem größeren Turnier teil, dem Curl Mesabi Classic in Minnesota - und gleich in der ersten Partie ging es gegen die Olympiasieger von 2018. Die Leute staunten, als sie da zwei berühmte Footballspieler und einen Olympioniken auf dem Eis entdeckten (Roos und Bulluck fehlten wegen anderer Verpflichtungen, also sprangen Benton und dessen ehemaliger Teamkollege Hunter Clawson ein). Die Partie endete 11:3 für die Favoriten, das "All-Pro Curling Team" gewann am Ende kein einziges Spiel. Jared Allen verglich die Erfahrung mit der eines ambitionierten Schachspielers, wenn er gegen lauter Großmeister antreten darf.

"Wir wollen keinesfalls respektlos daherkommen und behaupten, dass wir diesen Sport nun aufmischen werden", sagt Allen: "Es war aber beim Football immer so, dass jeder einzelne Trainer am ersten Tag der Saisonvorbereitung aus voller Überzeugung gesagt hat: ,Wir können den Super Bowl gewinnen!' Diese Mentalität haben wir verinnerlicht, und genau deshalb sind die Olympischen Spiele unser Ziel, auch wenn das derzeit utopisch klingt. Wir haben ein paar Jahre Zeit, uns zu verbessern, und wenn wir dieser Sportart auf respektvolle Weise zu etwas mehr Popularität verhelfen können, ist das ein schöner Nebeneffekt. Aber, und das ist wichtig: Wir meinen es ernst, wir wollen zu Olympia."

Das Team will sich nun über Qualifikationsturniere nach oben arbeiten bis hin zu den US-Trials in mehr als zwei Jahren, es hat mittlerweile einen eigenen You-Tube-Kanal, der Sportsender ESPN hat ihnen kürzlich einen Dokumentarfilm gewidmet. Es sieht gar nicht mehr so ungelenk aus, wenn die vier ehemaligen Footballer übers Eis schlittern. Und am Material muss es nun auch nicht mehr scheitern. Olympiasieger Matt Hamilton gab den Novizen beim ersten Duell nicht nur Tipps, sondern auch ein paar Besenriegel mit ordentlichen Borsten, weil die von Allen völlig abgespielt waren. Profibesen haben die ehemaligen Footballprofis jetzt also auch.

© SZ vom 27.02.2019/tbr
Zur SZ-Startseite

Olympia
:Was Sie schon immer über Curling wissen wollten

Alle vier Jahre taucht die Sportart aus der Versenkung auf, jedes Mal stellen sich Fragen: Wie glatt ist das Eis? Warum kommen fast alle Steine von einer schottischen Insel? Und was bringt eigentlich die Wischerei mit dem Besen?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB