Radsport:Die größte Sorge der Tour ist das Virus

Lesezeit: 3 min

Primoz Roglic und Tadej Pogacar bei der Tour de France 2020

Wie viel Volksnähe ist angemessen? Primoz Roglic (links) und Tadej Pogacar im Duell bei der Tour de France 2020, die wegen der Corona-Pandemie erst später im Jahr stattfand - vor Zuschauern.

(Foto: Belga/Imago)

Vor dem Start der Tour de France wird das Corona-Regelwerk hektisch aufgeweicht. Die Organisatoren wollen verhindern, dass das Rennen zerbröselt, noch bevor es angefangen hat.

Von Johannes Knuth

Am Mittwoch erwischte es dann schon das wohl stärkste Team der bevorstehenden Tour de France, die niederländische Equipe Jumbo-Visma. Betroffen war Merijn Zeeman, Jumbos Sportchef, den sie bei der Tour vor zwei Jahren mal rauswarfen, weil er sich mit Rad-Kommissaren angelegt hatte, die das Velo seines Fahrers Primoz Roglic auf technische Hilfsmittel untersucht hatten. Er sei an Covid-19 erkrankt, gab der 43-Jährige nun bekannt. Zeeman werde die Fahrer aus der Ferne betreuen und so rasch es geht wieder zur Equipe stoßen, teilte sein Team mit. Unerwähnt blieb, zu wem Zeeman bis zuletzt Kontakt hatte. Aus einem Zitat von Roglic, einem der Topfavoriten auch bei dieser Tour, klang jedenfalls nicht gewaltige Freude heraus: "Glücklicherweise bin ich immer noch negativ", sagte er, "wir können uns nur an die Regeln halten und so gut wie möglich schützen. Alles andere liegt nicht in unseren Händen."

Das trifft die Stimmung ganz gut, mit der das Peloton in diese 109. Tour de France zieht, die am Freitag mit einem Einzelzeitfahren in Kopenhagen anbricht. Die Route ist mit den üblichen Gemeinheiten gespickt, Kopfsteinpflaster, hektische Zielankünfte, knüppelharte Bergprüfungen. Die größte Sorge aber, das klang zuletzt oft durch, manifestiert sich weniger in Hungerästen und Massenstürzen, sondern in der Frage, wie man einem Virus ausweicht, das sich nicht so einfach durch einen Antritt in den Kehren von Alpe d'Huez abschütteln lässt.

In diesem Lichte ist es interessant, dass der Tour-Veranstalter A.S.O. und der Rad-Weltverband UCI das Corona-Regelwerk jetzt nicht verschärft, sondern aufgeweicht haben. Fahrer und Betreuer werden zu Beginn und an Ruhetagen nur noch mit Antigen-Schnelltests (statt PCR-Tests) durchleuchtet, wobei jeder positive Schnelltest durch einen PCR-Test verifiziert wird. Sind zwei Fahrer positiv, muss auch nicht mehr ihre gesamte Equipe das Rennen verlassen. Ein auffällig getesteter Fahrer kann sogar weiterstrampeln, wenn A.S.O. und das medizinische Ressort des Rad-Weltverbands sicher sind, dass er nicht (mehr) ansteckend ist. Es bedarf wenig Fantasie, dass die Organisatoren damit weniger ein Virus eindämmen wollen, sondern ein Rennen zu retten versuchen, bevor dieses losgerollt ist.

Manche Profis litten zuletzt unter Fieber und Schüttelfrost - und wollen auf der ersten Etappe herausfinden, ob sie fit sind

Wie diffizil das beizeiten ist, illuminierte zuletzt die Tour de Suisse, eine der Kleiderproben vor der Frankreich-Schleife: Vier Teams verließen das Rennen ganz (Jumbo-Visma, UAE Emirates, Bahrain-Victorious, Alpecin-Fenix), nur rund die Hälfte der ursprünglich 152 Fahrer zogen in die Schlussetappe. Eine Vorsichtsmaßnahme, betonten viele, man wolle nicht den Saisonhöhepunkt in Frankreich gefährden, klar. Nur: Das Virus würde schon sehr neue, ulkige Wege gehen, hätte es sich nicht schon in der Schweiz durch ganze Teams gewühlt (es sei denn, das Peloton brütete zuletzt eine neue Virusmutation aus, die sich nur in selektierten Flügeln des Teamhotels verbreitet).

Tadej Pogacar, der Sieger der vergangenen beiden Frankreich-Rundfahrten, mischte seine Wortbeiträge auch deshalb mit einem ernsten Bass ab, als er sich zuletzt bei der Slowenien-Rundfahrt auf die Tour einstimmte. Er ließ sich die ersten Tage noch mit den Fans ablichten, gab diese Praxis dann rasch auf. "Wir werden uns so weit wie möglich isolieren", sagte er, "wir wollen bei der Tour am Start sein." Wobei manche Verantwortlichen im Peloton beobachteten, dass sich das Virus zuletzt wenig darum scherte, ob ein Team sich abschottete oder nicht.

Am Mittwoch fiel prompt ein weiterer Helfer aus Pogacars Tour-Auswahl auf, der Italiener Matteo Trentin. Auch andere Teams vermeldeten Positivfälle, etwa Quicksteps Edelhelfer Tim Declerq. Und viele Profis wie Maximilian Schachmann, einer von voraussichtlich nur neun Deutschen im Feld, oder Frankreichs große Hoffnung Thibaut Pinot zitterten bis zuletzt, ob sie nach ihren jüngsten Corona-Infektionen für die Tour fit werden. Der Brite Adam Yates, zuletzt von Fieber und Schüttelfrost geplagt, sagte am Mittwoch: "Wir werden im Zeitfahren am Freitag herausfinden, wie fit ich bin."

Wie die Tour in den kommenden Wochen auf diesem Grat weiterklettert? Die UCI empfahl allen Teams zuletzt, Fahrer und Betreuer täglich schnellzutesten; viele Mannschaften hielten ihre Pressekonferenzen digital ab (und die Reporter damit fern der Unterkünfte). Ansonsten sollen Fans und Reporter in den kommenden Wochen an den Etappenorten wieder an die Strecke und Teambusse herantreten können, mit etwas mehr Abstand als sonst. Aus dieser Volksnähe zog nicht nur die Tour immer große Kraft - und viel Werbewert. Ob sich das nun auch noch ändert? "Ich habe schon Bauchweh, dass wir uns abschotten", sagte Boras Teamchef Ralph Denk zuletzt. "Dann sind wir vielleicht irgendwann virenfrei, aber auch budgetfrei."

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