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Sportler und Corona:Der Rest hat ganz andere Probleme

Leichtathletik, Patryk Dobek Training in Tiefgarage Polish athlete Partyk Dobek trains in his garage during the oronavir; Hürden

Der polnische Hürdensprinter Partyk Dobek trainiert in einer Tiefgarage.

(Foto: imago images/East News)

Der Sport jenseits des Fußballs kann sich Geisterevents oft nicht leisten. Viele Vereine und Veranstalter stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Kommt der große Kahlschlag?

Ein bisschen olympischen Kernsport werden alle Freunde der Leichtathletik in diesem Sommer immerhin zu sehen bekommen. Das Meeting in Oslo am 11. Juni soll stattfinden, mit ein paar klitzekleinen Corona-Anpassungen. Der Norweger Karsten Warholm, Weltmeister über 400 Meter Hürden, will sich am inoffiziellen Weltrekord über die selten gelaufenen 300 Meter Hürden versuchen - allerdings ohne Konkurrenten. Außerdem trifft der unverschämt begabte Schwede Armand Duplantis, 20, der seit Februar mit 6,18 Metern den Weltrekord im Stabhochsprung hält, auf seinen Vorgänger: den nicht mehr ganz so unverschämt starken Franzosen Renaud Lavillenie. Allerdings wird nur Duplantis in Oslo in die Luft klettern, Lavillenie soll seine Versuche aus der Ferne einreichen: auf dessen Anlage im eigenen Garten in Pérignat-lès-Sarliève. Ach so, Zuschauer sind in Oslo leider nicht erlaubt. Da passt es irgendwie, dass die Veranstalter ihr Meeting, das seit 1965 als "Bislett Games" bekannt ist, für die diesjährige Auflage in "Impossible Games" umgetauft haben.

Während der Fußball gerade diskutiert, ob er mit oder ohne Schutzmasken seine Geisterspiele bestreiten soll, hat die restliche Branche ganz andere Probleme. Geistersport ohne zahlende Kundschaft, wie jenen in Oslo, kann sie sich auf Dauer nicht leisten - die TV-Präsenz und die entsprechenden monetären Zuwendungen hat sich nun mal längst das große Fußballgeschäft gekrallt. Auch deshalb brechen Handballer und Volleyballer lieber die Saison ab, als in leeren Hallen zu spielen, auch deshalb haben die Leichtathleten viele Meetings und jetzt auch ihre EM abgeblasen, die Ende August in Paris stattfinden sollte.

Es ist eine Frage der Gesundheit, klar, zumal in Frankreich noch immer scharfe Ausgangsbeschränkungen gelten. Es ist aber auch eine Frage des Geschäftsmodells, das ohne die öffentliche Teilhabe schwer ins Wanken geraten würde.

Kommt der große Kahlschlag?

Es klingt abgehangen, aber selbst der große Sport hat seine Kraft oft aus dem Miteinander gezogen. Der Marathon in Berlin etwa, seit Jahren eine der größten Vorstellungen in der Oper des Kommerzsports, konnte nur so groß werden, weil der Sport-Club Charlottenburg e.V. mit seinen ehrenamtlichen Helfern das Fundament dafür goss. Vom American-Football-Betrieb der Wolfenbüttel Black Wolves bis zum alpinen Ski-Weltcup in Garmisch: Sie alle brauchen, mehr oder weniger, die Zuschauer, die Einnahmen aus Wurst-, Kuchen- und Tombolaverkauf - weil erst das die Trainer für den Nachwuchsbetrieb finanziert, aus dem die künftigen Spitzenathleten wachsen, die wiederum auf Start- und Preisgelder dieser kleineren und größeren Wettkämpfe angewiesen sind.

Für eine Branche, die in den vergangenen Jahren immer mehr zusammenrücken musste, um zu bestehen, ist die gesetzlich verordnete Distanz also umso gefährlicher. Und sollte es so weitergehen, wäre der leer gefegte Wettkampfkalender der Profis nur ein Vorbote eines großen, zu befürchtenden Kahlschlags. Einer, der den Sport auch in seiner Funktion als kulturelles Gut träfe.

Aber auch der Unterhaltungsbetrieb der Szene ist schon jetzt betroffen. Der Ryder Cup der wohlsituierten Golfer könnte sich wohl auch ohne Publikum finanzieren. Doch wer je auf jenem Stimmungsteppich gesurft ist, den Fans bei einem Nationenwettkampf entfachen oder auch in der Nachspielzeit an der Anfield Road - der weiß, wie klinisch ein Sport ohne Publikum wäre. Der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel sprach sich unlängst gegen jene Geisterrennen aus, die die Formel 1 jetzt für Anfang Juli plant. Er habe, sagte Vettel, solche "faden" Rennen ja schon erlebt. Er dachte da wohl an jenes in Korea, wo sie durch einen trockengelegten Sumpf bretterten, in dem es zwar Frösche gab, aber keine Menschen. Die Zuschauer würden also sogar denjenigen fehlen, die sonst mit 300 Sachen an ihnen vorbeirasen.

© SZ vom 25.04.2020/schm
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