Handball:Deutscher Corona-Meister 2020

Handball Bundesliga

Deutscher Meister, aber nicht so richtig glücklich: die Handballer des THW Kiel.

(Foto: Andreas Gora/dpa)

Die Saison der Handball-Bundesliga wird abgebrochen - und der THW Kiel zum Meister bestimmt. Die anderen Klubs akzeptieren den Beschluss, finden ihn aber nicht alle optimal.

Von Carsten Scheele

Meister per WhatsApp? Hendrik Pekeler hat's geahnt. Der THW Kiel ist der erste deutsche Handball-Corona-Meister, und muss auf alles verzichten, was Meisterschaften ansonsten so ausmachen: die letzten Sekunden auf dem Feld, die Übergabe der Schale, die rauschende Sause mit den Fans. Diesmal also eine nüchterne Glückwünsch-WhatsApp vom Sportdirektor. Eine "komische Situation", sagte Pekeler vor wenigen Tagen, aber: Verdient sei der Titel ja trotzdem.

Die 36 Klubs der Handball-Bundesliga (HBL) und zweiten Liga haben am Dienstag eine historische Entscheidung getroffen. Um 11 Uhr versammelten sich die Manager zur Videokonferenz, anderthalb Stunden später stand der Entschluss: Saisonabbruch. Der THW Kiel ist damit Deutscher Meister, da er mit vier Punkten Vorsprung auf Platz eins der Tabelle steht und auch nach Anwendung der ausgerufenen Quotientenregel (Pluspunkte am 12. März, geteilt durch Spiele mal 100) ganz oben liegt. Mit Freudenbekundungen hielt sich die Kieler trotzdem zurück. "Die Erinnerungen, alles, was wir in dieser Saison geleistet haben, kann uns keiner nehmen", sagte THW-Sportdirektor Viktor Szilagyi, aber: "Nach einer Feier ist keinem zumute."

Bei den Männern gibt es keinen Absteiger. Bei den Frauen gibt es keinen deutschen Meister

Der Abbruch sei "sehr bitter, aber alternativlos", bestätigte HBL-Präsident Uwe Schwenker. Geschäftsführer Frank Bohmann erklärte, der Rahmen für eine Fortsetzung der Saison habe "gesundheitlich, organisatorisch und wirtschaftlich nicht gepasst". Der wirtschaftliche Schaden für die Liga könne auf rund 25 Millionen Euro beziffert werden, sagte Bohmann. Für die Klubs wird viel davon abhängen, ob ab Herbst vor Zuschauern gespielt werden kann. Sonst könnte es manchen Verein in die Insolvenz treiben.

Vorerst ist nun immerhin ein Meister gefunden, Absteiger gibt es keine. Bohmann glaubt, "von den ungerechten Lösungen" sei diese "die beste". Offenen Protest wird er für diese Worte nicht erfahren.

Das heißt aber nicht, dass alle Klubs zufrieden sind. Der Saisonabbruch wurde mit großer Mehrheit entschieden, 90 Prozent folgten der Linie des Präsidiums; doch es gab Klubs, die dagegen votierten, sowie Vereine, die den Abbruch auch angesichts der Corona-Situation nur unter Bedenken akzeptieren wollten. Man werde in der schwierigen Lage, in der sich das ganze Land befindet, keinen Aufstand machen, hatte Flensburgs Manager Dierk Schmäschke angekündigt, dessen Klub die Saison als Zweiter beendet. Wobei man nicht ganz glücklich war, dass der THW die Schale vom Vorjahresmeister und großen Rivalen kampflos zugestellt bekommt.

44:8 Punkte hatten die Kieler bis zum Abbruch gesammelt, die Flensburger 42:12 - ein Vorsprung, der bei noch acht Spielen nicht uneinholbar wirkt. Zuletzt gesehen 2018, als die Rhein-Neckar Löwen vier Punkte enteilt waren, die Flensburger den Favoriten aber noch abfingen. Die Entscheidung fiel am letzten Spieltag - wie so oft im Handball. Auch beim SC Magdeburg (3. Platz, 39:15 Punkte) haben manche noch geglaubt, Flensburg von Platz zwei und damit vom Champions-League-Rang stoßen zu können. Noch bitterer ist die Lage für die Füchse Berlin (Rang 6, 35:19), die gerne Hannover-Burgdorf (Rang 4, 36:18) oder die Rhein-Neckar Löwen (Rang 5, 34:18) noch von einem der Europaplätze verdrängt hätten.

Doch der berechnete Quotient der Füchse lautet bloß 129,6. Damit liegt er unter dem von Hannover (133,3) und dem der Löwen (130,8). Es sei "ein offenes Geheimnis, dass wir für eine andere Lösung plädiert haben", sagte Manager Bob Hanning: "Wir werden aber auf keinen Fall Protest einlegen. Es gibt keine gerechten Lösungen in dieser Situation. Dass es uns trifft, müssen wir sportlich akzeptieren."

Am Tabellenende kommt es zur kuriosen Situation, dass der Abstieg in diesem Sommer ausfällt - und der abgeschlagene Tabellenletzte, die HSG Nordhorn-Lingen (4:50 Punkte), nun doch in der Liga bleiben darf. Ebenso Balingen-Weilstetten und die Eulen Ludwigshafen, die unter normalen Umständen den zweiten Absteiger unter sich ausgemacht hätten. Die Frage des Abstiegs sollte nicht auch noch durch den Quotienten bestimmt werden. Weil der HSC 2000 Coburg und TuSEM Essen aufsteigen, wird die Liga 2020/21 aus 20 Klubs bestehen. Um die zusätzlichen Termine im proppenvollen Handballkalender unterzukriegen, wird der DHB-Pokal für eine Spielzeit ausgesetzt.

Die Bundesliga der Frauen wählte übrigens einen konträren Weg. Auch hier steht der Saisonabbruch, allerdings ohne einen Meister zu küren. Fast ein Drittel der Saison stand noch aus, deshalb wurde darauf verzichtet, die Tabelle zu Ende zu rechnen. Tabellenführer Borussia Dortmund bleibt ungekrönt - erhält aber den einzigen deutschen Platz für die Champions League.

© SZ vom 22.04.2020
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