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Abbruch der Handball-Saison:Punkte : Spiele x 100

Handball Berlin 08.03.2020 DHB / 1. Bundesliga Saison 2019 / 2020 Füchse Berlin - SG Flensburg Handewitt Jim Gottfridsso; imago 0047015770

Abrupt zum Stehen gekommen: Das Spitzenspiel zwischen Titelverteidiger Flensburg - am Ball Jim Gottfridsson - und den Füchsen Berlin am 8. März war eine der bis dato letzten Partien der Handball-Bundesliga.

(Foto: Tilo Wiedensohler/imago)

Die Handballer haben ihre Lösung gefunden: Die Saison wird voraussichtlich abgebrochen - und zu Ende gerechnet. Die Arbeit geht dann erst richtig los.

Von Carsten Scheele

Dierk Schmäschke hat am Montag abgestimmt. Der Manager der SG Flensburg-Handewitt glaubt nicht, dass die Saison der Handball-Bundesliga (HBL) in der Corona-Pandemie fortgesetzt werden kann - er hat also für den Abbruch votiert, obwohl er nichts lieber tun würde, als die Spielzeit wie gewohnt zu Ende zu führen. Viele Kollegen anderer Klubs denken ähnlich; findet sich also bis zur großen Videoschalte aller 36 Erst- und Zweitligisten am Dienstag eine Dreiviertelmehrheit, wird die Saison in beiden Ligen abgebrochen, zum ersten Mal in der deutschen Handball-Geschichte.

Andere Szenarien erscheinen kaum gangbar, auch wenn Bob Hanning, der Manager der Füchse Berlin, als rettende Idee vorgeschlagen hat, alle Bundesligisten an einem Ort zu versammeln und innerhalb kurzer Zeit die acht Spieltage nachzuholen. An diesem Plan gibt es erhebliche Zweifel, unter anderem, weil die Klubs vorher in der Lage sein müssten, über mehrere Wochen ohne Kontaktbeschränkungen zu trainieren, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Hannings Idee ist vermutlich etwas zu kreativ. Man könne sich an fünf Fingern abzählen, dass es zum Saisonabbruch kommen wird, sagt Schmäschke deshalb: "Das ist nichts, was wir uns jemals herbeigesehnt hätten."

Schmäschke, 62, seit 2011 in zweiter Amtszeit als Strippenzieher in Flensburg, tut das weh. Für den ganzen Sport, für die Fans, für seine Spieler. Als Manager steht er selbst vor seiner größten Aufgabe: Höchstwahrscheinlich bereits Mitte April, acht Spieltage vor dem regulären Saisonschluss, muss Schmäschke diese Spielzeit abwickeln. Er muss, kurz umrissen, den Profis erklären, dass der aktuelle Status von Kurzarbeit und Gehaltsverzicht weiter andauert - und es finanziell in den nächsten Jahren sparsamer zugehen wird. Er muss die Unterstützer und Sponsoren bitten, nicht abzuspringen, obwohl sich viele Unternehmen in der Corona-Krise in einer ebenso schwierigen Lage befinden wie die Handballer. Und er muss den Zuschauern mitteilen, dass sie für gekaufte Tickets keine Spiele sehen werden - und nebenbei vorerst keine Dauerkarten für die kommende Saison kaufen können.

Holger Glandorf droht der stille Abschied

"Normalerweise hätten wir zum jetzigen Zeitpunkt all unsere Dauerkarten verkauft", sagt Schmäschke, "und wären im internationalen und nationalen Wettbewerb noch mit besten Chancen vertreten gewesen." Jetzt ist der Verkauf seit Wochen gestoppt, wann es weitergeht? Ungewiss. "Es gibt so viele ungeklärte Fragen", sagt Schmäschke.

Rein sportlich ist klar, worauf es hinauslaufen wird. Meister Flensburg ist aktuell Tabellenzweiter, würde sich an den verbleibenden acht Spieltagen normalerweise mit dem Rivalen THW Kiel einen Kampf um die Meisterschaft liefern. Diesmal dürfte der THW per Präsidiumsbeschluss zum Titelträger bestimmt werden. Die Saison soll nicht annulliert, sondern nach einer Quotientenregel (gewonnene Punkte geteilt durch Anzahl der Spiele mal 100) zu Ende gerechnet werden. Flensburg werde da "aufgrund der aktuellen Krisensituation keinen Stress machen", sagt Schmäschke. Er glaubt auch: "Es gibt momentan wichtigere Entscheidungen, als die Frage nach einem deutschen Meister im Handball." Beim THW, 70 Kilometer weiter südöstlich, sehen sie das ähnlich.

Bei den Kaderplanungen profitiert Flensburg davon, dass der Klub diese frühzeitig abschließen konnte, noch bevor die härtesten Corona-Auswirkungen über das Land hereinbrachen. Drei Spieler gehen, unter anderem der Pole Michal Jurecki; auch die Zugänge stehen fest. Der Prominenteste ist der dänische Weltmeister Mads Mensah Larsen (Rhein-Neckar Löwen). Andere Klubs haben mit größerer Ungewissheit zu kämpfen - besonders jene, die bis zuletzt dachten, dass sie um den Klassenerhalt spielen. Nun soll es in dieser Saison keine Absteiger geben; die Klubs können dennoch kaum Spieler verpflichten, ohne zu wissen, wann wieder gespielt wird und ob es ihren Verein beim erhofften Neustart im Herbst noch gibt. "Es geht im Moment darum, unsere Strukturen zu retten, die über Jahrzehnte entstanden sind", sagt Schmäschke. Da spricht er auch für Balingen, Ludwigshafen und Nordhorn.

So deuten sich im deutschen Handball viele Härtefälle an, und bei einem Fall wird Schmäschke das Herz schon jetzt ordentlich schwer. Es geht um Holger Glandorf, 37, eine Flensburger Legende, der nach 19 Jahren in der Bundesliga im Sommer die Karriere beenden wird. Glandorf ist 2007 Weltmeister geworden, in der Liste der Spieler mit den meisten Feldtoren steht er ganz vorne - der Linkshänder hätte ein rauschendes Abschiedsfest am letzten Spieltag verdient, mit unzähligen Ehrenrunden und Tränen in den Augen. Das fällt nun alles aus. "Holger ordnet sich unter", sagt Schmäschke voller Anerkennung, da Glandorf natürlich weiß, dass es gerade Wichtigeres gibt, "aber das tut mir weh."

Kommt es tatsächlich zum Saisonabbruch, soll Glandorfs Abschied nachgeholt werden. Irgendwann, wenn alles überstanden ist und die Zuschauer endlich wieder in die Hallen dürfen.

© SZ vom 21.04.2020/ebc
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