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Fußball und Corona:Im Notfall mit dem Torwarttrainer

Training Nationalmannschaft

Bundestrainer Joachim Löw muss mit seinem Team auch demnächst wieder (fast) ohne Zuschauer auskommen.

(Foto: dpa)

In Europa steigen die Covid-Zahlen, der internationale Spielbetrieb wird bereits zur Herausforderung. Doch die Regeln des europäischen Fußballverbandes folgen einem fragwürdigen Prinzip.

Kommentar von Martin Schneider

Vielleicht kam Andrej Schewtschenko kurz der Gedanke, sich selbst zu nominieren. So völlig absurd, wie es zunächst klingt, wäre das gar nicht gewesen. Schewtschenko, Nationaltrainer der Ukraine und unbestritten bester Stürmer in der Geschichte des Landes, ist 44 Jahre alt, also gerade mal zwei Jahre älter als Claudio Pizarro, der nach übereinstimmenden Medienberichten im Sommer dann doch mit dem Fußball aufgehört hatte. Schewtschenko ist aber vor allem ein Jahr jünger als Alexander Schowkowski, sein Torwarttrainer, den er für das Testspiel gegen Frankreich am Mittwoch tatsächlich nominierte und auf die Bank setzte.

Die Meldung ging in Deutschland ein bisschen unter, aber manchmal hilft es ja, den Bezugsrahmen zu wechseln. Wie wäre die Debatte wohl gewesen, wenn Manuel Neuer, Bernd Leno und Kevin Trapp positiv auf Corona getestet worden wären und Joachim Löw für ein Freundschaftsspiel Andreas Köpke auf die Bank gesetzt hätte? Hätte man dann nicht ganz vielleicht ein wenig zurecht die Sinnfrage gestellt?

Die Pandemie nimmt in ganz Europa wieder an Fahrt auf und weil der Fußball trotz allem immer noch ein Teil der realen Welt ist, ist er auch davon betroffen. Eine Zeit lang lief es ja relativ reibungslos, Saisons wurden zu Ende gespielt, ein Champions-League-Sieger gekürt und eine neue Saison gestartet - wie alle anderen Lebensbereiche profitierte der Fußball von der guten Lage im Sommer. Aber die Tücke exponentiellen Wachstums ist, dass es plötzlich ganz schnell gehen kann und die Grundlage jedes Hygienekonzepts ist nun mal, dass das Infektionsgeschehen auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau ist.

Spielverlegungen sind angesichts des vollen Terminkalenders nicht in großer Zahl möglich

Die Probleme tauchen mittlerweile zunehmend in höherer Frequenz auf. In Deutschland wurden die Partien zwischen Duisburg und Saarbrücken (3. Liga) sowie zwischen dem HSV und Aue (2. Liga) verlegt, das jeweils zuständige Gesundheitsamt ordnete Quarantäne für die Mannschaften aus Aue und Duisburg an. Die Vorhersage, dass bei täglich steigenden Neuinfektionszahlen auch tendenziell mehr Fußballer betroffen sein werden, ist nicht besonders gewagt. Das Problem: Spielverlegungen sind in dem eh schon ultraengen Terminkalender nicht in großer Zahl möglich. Eher soll man den Torwarttrainer auf die Bank setzen.

Der europäische Fußballverband Uefa hat etwa ein ziemlich striktes Regelwerk veröffentlicht. Darin heißt es: Wenn 13 Spieler fit sind, darunter ein Torwart, muss gespielt werden. Erst darunter wird über eine Spielverlegung debattiert. Maccabi Tel Aviv bekam diesen Paragrafen mit voller Härte ab - trotz in der Spitze elf Coronafällen im Kader musste das Team in der Champions-League-Quali gegen Salzburg antreten. Tel Aviv verlor beide Spiele. Auch Reisebeschränkungen gelten nicht als Grund für eine Spielabsage. Die Uefa verpflichtet die Klubs, frühzeitig auf eventuelle Schwierigkeiten hinzuweisen, um einen anderen Spielort zu finden, um einen Spielbetrieb zu garantieren. Im Notfall kann der Verband auch Spiele mit 3:0 gegen einen Klub werten, weil dieser wegen Corona nicht antreten kann oder nicht alles zur Austragung getan hat. Klingt theoretisch, ist in der Europapokal-Qualifikation den Klubs aus Bratislava und den kosovarischen Mannschaften FC Drita und Prishtina bereits passiert.

Der Geist, mit der die Uefa-Regelung verfasst wurde, lautet: Es muss gespielt werden. Irgendwie. In der Gruppenphase der Champions-League gibt es wenigstens einen Minipuffer. Bis zum 28. Januar können Spiel nachgeholt werden, der letzte Spieltag ist auf den 9. Dezember terminiert.

Die aktuellen Fälle zeigen aber, auf welch wackligem Fundament das ganze Konzept "Fußball in Pandemiezeiten" immer noch gebaut ist. In Deutschland liegt die bestätigte Zahl der Neuinfektionen mittlerweile auf einem Niveau, bei dem im Frühjahr an Fußball nicht zu denken war. Der Vergleich hinkt ein wenig, die Situation ist nun eine andere, man hat im Umgang mit dem Virus viel gelernt, weiß um die Bedeutung von Masken, Abstand und Hygieneregelungen.

Dennoch wird so langsam wieder deutlich, welch ambitioniertes Ziel sich der Fußball gesetzt hat, seine Saison trotz allem mehr oder weniger unverändert durchzuziehen.

© SZ/chge
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