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Coronavirus:Der Club bringt Nudeln und Klopapier

Club

Wer in Nürnberg eine Einkaufshilfe benötigt, kann die Nummer 0911 / 94 07 91 83 anrufen, zwischen 9.30 und 12.30 Uhr.

(Foto: 1. FC Nürnberg/oh)
  • Der 1. FC Nürnberg, selbst vom Coronavirus betroffen, bietet Älteren und Bedürftigen Einkaufshilfen an.
  • "Der Fußball ist eine sehr gesegnete Branche. Sie muss sich solidarisch zeigen", sagt Finanzvorstand Niels Rossow.
  • Anrufer können aus einer Liste wählen: Reis, Nudeln, Klopapier, insgesamt rund 30 Produkte.

Eine der ersten Anruferinnen war eine 85 Jahre alte Frau. Sie brauchte ein Medikament und ein paar Grundnahrungsmittel, außerdem Ingwer und Schokolade. Sie wollte aber auch einfach ein bisschen plaudern, über Fußball zum Beispiel. Sie sagte, dass sie schon immer zum 1. FC Nürnberg gehe, früher sogar eine Dauerkarte hatte. Nun kommt der 1. FC Nürnberg mal zu ihr. Im Grunde, sagt der Fanbeauftragte Hannes Orth, sei das für die Leute keine große Überraschung. Jedenfalls für die Leute in Nürnberg.

Es geht viel um Solidarität in diesen Tagen, in denen sich das Coronavirus ausbreitet, um Hilfe für Ältere und Bedürftige. Die Debatte hat auch den Sport erfasst, in den USA spenden manche Athleten ihre Gehälter den Stadionmitarbeitern, die plötzlich ohne Einkünfte dastehen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) forderte Fußballprofis zum Gehaltsverzicht auf, um ihren möglicherweise krisengefährdeten Vereinen zu helfen. Und mancherorts geht es auch darum, was die Vereine tun können, wenn sie ihr Publikum gerade nicht unterhalten.

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Niels Rossow, Finanzvorstand des Zweitligisten 1. FC Nürnberg, hat dazu eine recht eindeutige Meinung. "Der Fußball", sagt er, "ist eine sehr gesegnete Branche. Sie muss sich solidarisch zeigen mit denen, die den Fußball zu dem gemacht haben, was er ist" - mit den Fans also. Das klingt zwar nach viel Pathos, aber beim Club gibt es dafür gerade ein aktuelles Praxisbeispiel. Seit Montag gehen Vereinsmitarbeiter für Menschen aus der Stadt einkaufen, die zur Corona-Risikogruppe gehören und sich telefonisch melden. Hannes Orth, der Fanbeauftragte, nimmt die Anrufe entgegen. Rund 20 seien es am ersten Tag gewesen, sagt er.

Auch die Ultras sagen ihre Hilfe zu

Der FCN gehört zu den Profiklubs in Deutschland, die heftiger betroffen sind als andere. Die Zweitliga-Mannschaft ist in Quarantäne, weil Mittelfeldspieler Fabian Nürnberger, 20 Jahre alt und beschwerdefrei, positiv auf das Virus getestet wurde. Die Geschäftsstelle ist weitgehend geschlossen. Doch Busse aus dem Nachwuchsleistungszentrum fahren nun trotzdem durch die Stadt. "Wir sind jetzt die letzten, die im Einsatz sind", sagt Lukas Fuchs, der sonst für Sportangebote des Vereins an Kindergärten und Grundschulen als Trainer und Projektmanager arbeitet. Jetzt fährt er die Lebensmittel aus.

Nachdem die Idee entstand, stimmten sich die Verantwortlichen zunächst mit dem Gesundheitsamt ab, besorgten Handschuhe und Atemschutzmasken. Die Nürnberger Ultras sagten ihre Hilfe zu. Die Supermarktkette Kaufland bot ihre Unterstützung an und stellt nun eine Packstation in einem abgetrennten Bereich im Lager zur Verfügung. Anrufer können aus einer Liste wählen: Reis, Nudeln, Klopapier, insgesamt rund 30 Produkte, jeweils zwei Stück pro Artikel pro Person, maximaler Bestellwert 50 Euro. Extrawünsche sind durchaus erlaubt. Auch medizinische Bedürfnisse sind eingeplant, ein Bus fährt für Medikamente zu Arztpraxen und Apotheken. Und am Montag, erzählt Fuchs, hätten sie bei einer Frau auch die Pfandflaschen mitgenommen. Nur einen Anrufer mussten sie bislang enttäuschen: Er dachte, dass die Einkäufe für ihn umsonst sein würden.

Ein bisschen komisch sei das schon, sagt Fuchs: Mit Mundschutz an Türen klingeln, die Tüten abstellen, das Geld in einem Briefumschlag entgegennehmen, dann nicht allzu lange mit den Leuten sprechen, auch wenn viele, die den Tag über allein sind, ihrem Besuch gerne etwas erzählen würden. Aber das wäre ja kontraproduktiv, sagt er. Denn er wolle niemanden aus gutem Willen gefährden.

Nürnberg ist nicht das einzige Beispiel für das Modell, auch Ultras vom VfB Stuttgart und Borussia Dortmund bieten sich als Einkaufshelfer an. Beim Handball-Zweitligisten TV Hüttenberg aus Mittelhessen sind sogar die Spieler unterwegs. Einen Salat und ein paar Äpfel mehr einzukaufen und den Menschen vorbeizubringen, das sei sicherlich nicht zu viel verlangt, sagte deren Trainer. Die benachbarten Bundesliga-Basketballer der Gießen 46ers schlossen sich am Dienstag an. Nürnbergs Finanzvorstand Niels Rossow erzählt, dass er beim Funktionärstreffen der 36 Erst- und Zweitligisten in Frankfurt am Montag, als es eigentlich weniger um Solidarität ging und mehr um die Finanzierung des deutschen Profifußballs in Krisenzeiten, auf das Projekt angesprochen worden sei. Bundesligisten hätten sich erkundigt, wie sie in Nürnberg die Einkaufshilfe organisieren. "Der Fußball war schon mal näher an der Gesellschaft", sagt Rossow vorsichtig. Er hoffe auf Mitstreiter.

© SZ vom 18.03.2020
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