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Internationaler Fußball:Plötzlich Torwart-Legende

Copa Libertadores - Group D - River Plate v Santa Fe

Mann des Spiels auf ungewohnter Position: River Plates Mittelfeldspieler Enzo Pérez gehören nach seinem Auftritt im Tor die Schlagzeilen.

(Foto: Juan Ignacio Roncoroni/Reuters)

Normalerweise ist Enzo Pérez bei River Plate Mittelfeldspieler. Wegen 20 Corona-Fällen im Team stellt er sich in der Copa Libertadores ins Tor - und verdient sich die Schlagzeilen samt Bestnoten.

Von Javier Cáceres

Der große, längst verstorbene Alfredo Di Stéfano, der erste Weltstar des Fußballs, wurde einst beim nicht minder großen Kultklub CA River Plate groß. Er hatte, wie man viele Jahre später erfahren sollte, auch dort gelernt, dass man keine größeren Ansprüche an Torhüter stellen muss. Er verlange ja gar nicht, dass der die Bälle halte, die aufs Tor fliegen, grantelte der Argentinier über einen Torwart, den er nach Beendigung seiner grandiosen Karriere trainierte. Es reiche völlig, wenn er die Bälle, die nicht aufs Tor gehen, nicht ins Tor lenke.

Womit wir beim Mittwoch und Enzo Pérez wären. Denn beim 2:1-Sieg von River Plate in der Copa Libertadores - der Champions League Südamerikas - gegen Independiente Santa Fe de Bogotá aus Kolumbien reihte sich Pérez in die Reihe der Torhüterlegenden von River Plate ein, wo Keeper wie Amadeo Carrizo, Ubaldo Fillol oder Roberto Abbondanzieri stehen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Pérez im Hauptberuf Mittelfeldspieler ist und zuletzt höchstens mal am Strand im Tor stand. "Ich kann gar nicht bemessen, welchen Platz dieser Sieg einnehmen wird. Nicht in meiner Karriere, sondern in der Geschichte Rivers", sagte Trainer Marcelo Gallardo.

Dass sich die klassische Bolzplatzfrage ("Und wer geht ins Tor?") bei einem Libertadores-Match stellte und von Pérez mit "Ich!" beantwortet wurde, lag an Corona, woran sonst. Der Südamerikaverband Conmebol hatte den Teilnehmern zwar die Möglichkeit eingeräumt, insgesamt 50 Spieler zu nominieren. River aber schöpfte das nicht aus. Der Klub benannte vier Torhüter, doch das war nicht genug, als das Virus zuschlug. Zwanzig Spieler wurden positiv getestet - darunter ausnahmslos alle Torhüter. Der Verband Conmebol lehnte es unter Verwendung der einschlägigen Phrasen ("Da könnte ja jeder kommen", "Das haben wir noch nie gemacht") rundweg ab, einen Jugendtorwart Rivers zu akkreditieren - kam dann aber Kraft des Schicksals in die vergnügliche Lage, es Rivers Erzrivalen Boca Juniors erlauben zu müssen: Für einen Torwart war die Saison wegen eines "perforierten Unterarms" vorbei, er durfte ersetzt werden.

Santa Fe stellte Enzo Pérez vor nicht all zu schwierige Aufgaben.

(Foto: Juan Ignacio Roncoroni/AFP)

Zurück zu River Plate: Dort war die Verzweiflung so groß, dass sogar ernsthaft erwogen wurde, den früheren Nürnberger Verteidiger Javier Pinola, 38, ins Tor zu stellen. Obwohl er sich neulich den Arm gebrochen hatte. Die Option wurde verworfen, am Ende untersagte der Arzt Pinola sogar, sich auf die Ersatzbank zu setzen, als was auch immer. Damit hatte River am Mittwoch nicht einen einzigen Auswechselspieler zur Verfügung - und das in einer Libertadores-Partie. Der Torwart war dann halt: Enzo Pérez, zweimaliger WM-Spieler, früherer Profi bei Benfica und Valencia - und nunmehr Legende bei River Plate wie Di Stéfano, El Charro Moreno, Burrito Ortega, Ramón Díaz, Labruna, Beto Alonso, Luque oder eben Enzo Francéscoli, nach dem Enzo Pérez benannt wurde, als er vor 35 Jahren geboren wurde.

Die argentinischen Zeitungen feiern Pérez

Pérez, der zuvor leichte Oberschenkelprobleme spürte, verlebte dann übrigens, wie man so sagt, einen eher geruhsamen Abend. Rivers Trainer Gallardo hatte seine Rumpfmannschaft auf Angriff gepolt, nach sechs Minuten stand es 2:0, der Gegentreffer fiel in der 73. Minute. Danach konnte sich River weitgehend entspannen, weil Independiente sich wenig Spielintelligenz erlaubte. Flanken in den Fünfmeterraum? Distanzschüsse auf den Torwart-Novizen? Fehlanzeige. Und so verdiente sich Pérez die Titelseiten der argentinischen Zeitungen: "InmEnzo", wortspielte die Zeitung Olé, Clarín adelte ihn als "Phantasie-Torwart". La Nación wiederum kramte aus, dass Di Stéfano einmal gegen Boca Juniors für acht Minuten ins Tor musste; und dass mit dem späteren Bayern-Profi Martín Demichelis letztmals bei River ein Feldspieler im Gehäuse aushalf, im Jahr 2002, gegen Racing de Avellaneda, es hatte eine rote Karte gegen den damaligen Keeper gegeben, das Wechselkontingent war erschöpft. Aber ein Feldspieler über 90 Minuten im Tor? In der Copa Libertadores? Niemals!

Pérez selbst gab sich bescheiden, als er in seinem Auto heimfuhr, das phosphorgrüne Torwarttrikot unterm Arm. Das Adrenalin habe wie wild gepumpt, "deshalb hatte ich teilweise Orientierungsprobleme", gestand er. Bestnoten erhielt er dennoch. Kommende Woche muss River Plate erneut in der Libertadores ran, doch vermutlich wird dann wieder der Mann im Tor stehen, der Pérez die schwarzen Handschuhe auslieh, und nun nicht mehr zurückbekommt: Germán Lux.

© SZ/tbr/bkl
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