Perus Trainer Gareca:Die Furchen des Tigers

Chile - Peru

Im Endspiel gegen Brasilien gebe es "keine andere Option als es zu gewinnen", sagt Perus Trainer Ricardo Gareca.

(Foto: dpa)
  • Peru steht im Finale der Copa América, wo es gegen Brasilien, den Gastgeber und großen Favoriten antritt.
  • Der Trainer des peruanischen Erfolgs heißt Ricardo Gareca, auch "der Tiger" genannt.
  • Stürmer José Paolo Guerrero ist der beste noch aktive Torjäger der Turniergeschichte.

Von Javier Cáceres, Rio de Janeiro

Wenn man sich vor Augen führt, mit welchen Trainerproblemen sich Argentiniens Nationalteam rund um Lionel Messi gerade herumplagt, dann kommt man nicht umhin, an die Wochen nach der WM 2018 zu denken. Der Argentinier Ricardo Gareca hatte ein unterschriftsreifes Angebot seines peruanischen Verbandes vorliegen, dessen Mannschaft er gerade erstmals seit 36 Jahren zu einer WM geführt hatte; Gareca aber wartete auf ein Angebot seines Heimatlandes - das nicht kam. Also blieb er bei den Peruanern.

Argentinien ist ein Jahr später immer noch im Chaos versunken und mit dem Trainerlehrling Lionel Scaloni bei der Copa América ausgeschieden. Gareca hingegen führte die Peruaner am Donnerstag zum ersten Mal seit 44 Jahren ins Finale der Südamerika-Meisterschaft - durch einen nicht unverdienten 3:0-Sieg gegen Titelverteidiger Chile. Im Endspiel wartet am Sonntag Gastgeber Brasilien. Die Peruaner werden dabei etwas pikiert antreten, sie leben mit dem Verdacht, dass die Brasilianer das Spiel als gewonnen ansehen. Als die Peruaner als Finalgegner feststanden, setzte Brasiliens Kapitän Dani Alves folgenden doppeldeutigen Tweet ab: "Das war's."

In der Vorrunde wurde Peru von Brasilien auseinandergenommen

Im Lichte der Präzedenzfälle und des bisherigen Verlaufs der Copa América wirkt das Finale tatsächlich wie ein unnötiger Appendix. In 18 Duellen bei Südamerika-Meisterschaften hat Brasilien gegen Peru bisher nur drei Niederlagen einstecken müssen, in insgesamt 44 Aufeinandertreffen kamen die Brasilianer auf 31 Siege; in der Vorrunde der diesjährigen Ausgabe nahmen die Brasilianer Peru gleich mit 5:0 auseinander. Brasilien hat acht Mal das Turnier gewonnen, Peru nur zwei Mal, zuletzt 1975, seinerzeit mit Legenden wie Héctor Chumpitaz, Juan Carlos Obiltas oder Hugo "Cholo" Sotil.

Die Favoritenrolle Brasiliens erkennt auch Gareca an, das 0:5 gegen Brasilien sei in seiner Höhe "verletzend" gewesen. Ein Finale weise aber "andere Nuancen" auf als ein Gruppenspiel. Und es helfe ja nix: Wenn man schon im Endspiel stehe, gebe es "keine andere Option, als es zu gewinnen", sagte er nach dem Sieg gegen Chile.

Dabei kam den Peruanern zupass, dass die Chilenen nach zwei Copa América-Siegen (2015, 2016) sowie der Finalniederlage beim Confed Cup 2017 gegen Deutschland so sehr von der vierten Finalteilnahme in vier Jahren träumten, dass sie "nicht merkten, dass ihnen noch das Kissen am Kopf klebte", wie die chilenische Zeitung La Cuarta diese Schläfrigkeit umschrieb.

Garecas gefährliche Nähe zum Cali-Kartell

Der Triumph der Peruaner kam durch ein überragendes Umschaltspiel der Auswahl zustande, das die Gesichter insbesondere der Außenverteidiger Chiles noch deutlich verwitterter aussehen ließ als Garecas furchenreiches Antlitz. Überhaupt müssen die Chilenen das hübsche Wortkompositum namens Abwehrverhalten erst mal wieder neu buchstabieren lernen: Edison Flores konnte unbedrängt die Führung erzielen (21.), Yoshimar Yotun kam zum 2:0 (38.), weil Chiles Torwart Gabriel Arias einen übermotivierten Ausflug an die Eckfahne unternahm und sich dort von André Carrillo ausspielen ließ, der auf Yotun passte.

Kurz vor dem Ende hätte der Chilene Eduardo Vargas noch den Anschlusstreffer zum 1:3 erzielen können, doch bei seinem Versuch, den Ball wie einst Panenka ins Tor zu lupfen, scheiterte der frühere Hoffenheimer kläglich. Perus überragender Torwart Pedro Gallese, der auch hundertprozentige Chancen von Arturo Vidal und Alexis Sánchez vereitelte, hielt den Ball mit einer Hand fest. Und bereitete damit den Boden für einen Rekord.

Denn: Der frühere HSV- und Bayern-Profi Paolo Guerrero, dessen Dopingsperre (Kokain) für die Russland-WM 2018 ausgesetzt worden war, ließ Arias bei einem Konter aussteigen und erzielte sein insgesamt 13. Copa-América-Tor. Guerrero ist damit der beste noch aktive Goalgetter der Turniergeschichte. Als Architekt des peruanischen Erfolgs aber gilt Gareca, der Tiger, wie sie ihn zu seinen Zeiten als argentinischer Nationalstürmer nannten.

Am Ende hat "Pablos Liebe zum Fußball Gareca gerettet"

Er war nicht nur bei Boca Juniors und River Plate aktiv, von 1985 bis 1989 spielte Gareca auch in Kolumbien bei América Cali. Dieser Tage erfuhr er, dass er damals dem Tode geweiht war. Der legendäre Chef des Medellín-Kartells, Pablo Escobar, führte einen Krieg gegen das Cali-Kartell, das mit dem Verein América engstens verbandelt war. John Jairo Velásquez, genannt "Popeye" und einer der berühmtesten Killer in Diensten Escobars überhaupt, enthüllte in einem peruanischen Blatt, dass der Narco-Boss sich für ein Attentat auf seine Familie rächen wollte, Escobar machte dafür das Cali-Kartell verantwortlich. "Gareca war immer im Visier von Escobar, er wollte sein Auto in die Luft jagen", enthüllte Velásquez. Am Ende habe aber "Pablos Liebe zum Fußball Gareca gerettet".

Er habe von alledem keine Kenntnis gehabt, er habe in Kolumbien eine wundervolle Zeit verbracht, sagte Gareca. So wie jetzt in Peru, dessen Nationalelf er zum größten Erfolg seit Jahrzehnten geführt hat - unabhängig vom Ausgang des Endspiels gegen die Brasilianer.

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