Imke Wübbenhorst beim BV Cloppenburg Fachverstand und Intelligenz sind geschlechtslos

Imke Wübbenhorst, damals noch Chefcoach der Zweitligafrauen des BV Cloppenburg.

(Foto: imago/foto2press)

Den Fußball-Oberligisten BV Cloppenburg trainiert künftig eine Frau. Allein dass das Schlagzeilen macht, ist peinlich. Das Mittelalter ist lange her.

Kommentar von Thomas Hahn

Falls irgendein Mann noch einen Vorsatz fürs neue Jahr sucht: Locker bleiben, das könnte einer sein. Oder: Vorurteile ablegen, alte Rollenbilder aufgeben. Denn die Frauen sind im Anmarsch. Sie besetzen zunehmend Plätze in sogenannten Männerdomänen, und sie werden nicht mehr weggehen, was übrigens eine gute Nachricht ist. Die Gleichstellung schreitet voran, langsam, aber stetig. Ja, Männer, auch im Fußball!

Die Einsicht muss sich erst setzen, das zeigt die jüngste Meldung zum Thema. Der Trainerwechsel beim niedersächsischen Oberliga-Letzten BV Cloppenburg wäre im Grunde ein Fall für die Lokalnachrichten. Aber dass eine Frau den Posten übernimmt, weil der bisherige Coach Olaf Blancke aus persönlichen Gründen zum Liga-Konkurrenten SV Atlas Delmenhorst wechselt - das hat Schlagzeilen gemacht. Imke Wübbenhorst schreibe Geschichte, heißt es, noch nie habe eine Frau in Deutschland ein derart hochklassiges Männerteam trainiert. Man staunt, man redet drüber. Gleichstellung ist so ungewohnt, dass ein Wechsel wie dieser das Land beschäftigt.

Das wird sich ändern. Ändern müssen, denn auch wenn es manche Männer nicht gerne hören: Fachverstand und Intelligenz sind geschlechtslos - schon darauf hinzuweisen, ist im Grunde sexistisch.

Boxen Reine Kopfsache
Boxerin Zeina Nassar

Reine Kopfsache

Zeina Nassar ist die beste deutsche Boxerin im Federgewicht, doch bei internationalen Kämpfen darf sie nicht antreten. Besuch bei einer Sportlerin, der ihr Kopftuch zum Verhängnis wird.

Wo der körperliche Unterschied keine Rolle spielt, gibt es keinen vernünftigen Grund, Frauen nicht zu berücksichtigen. Dass es funktioniert, ist bewiesen: Bibiana Steinhaus ist eine souveräne Schiedsrichterin in der Männer-Bundesliga. Susanna Dinnage hatte die Zustimmung aller 20 Premier-League-Klubs, als Chefin zu fungieren, bevor sie verzichtete. An der Spitze des französischen Profifußballs steht schon seit 2016 eine Frau: Präsidentin Nathalie Boy de la Tour. Die Trainerin Corinne Diacre führte drei Spielzeiten lang den Männer-Zweitligisten Clermont Foot, ehe der Verband sie zur Trainerin des Frauen-Nationalteams beförderte.

Und die Entscheidung für Imke Wübbenhorst beim BV Cloppenburg folgte einer klaren Logik: Der Klub kann sich keine teuren Einläufe leisten. Imke Wübbenhorst, 30, Gymnasiallehrerin für Biologie und Sport, hatte sich im Verein als Chefcoach der Zweitligafrauen bewährt. Ihre Referenzen sind exzellent: zwei Mal Europameisterin mit der deutschen U 19, einst Erstliga-Aktive beim Hamburger SV und bei Sporting Huelva in Spanien, Inhaberin der Trainer-A-Lizenz nach einer Ausbildung beim Deutschen Fußball-Bund, die für Männer und Frauen gleich ist. Was hätte den Klub also abhalten sollen, Imke Wübbenhorst zu den Männern zu delegieren? Ihr Geschlecht etwa?

Manneskraft darf kein Machtinstrument sein

Die Grenzen der Frauen liegen in den Köpfen der Machos. Die frühere Nationalspielerin Sissy Raith führte 2009 die Männer des TSV Eching aus der Bezirksoberliga in die Landesliga. Wenig später war sie gefeuert. Der neue Vereinsverantwortliche glaubte nicht an sie: "Er meinte, man könne einem hart arbeitenden Mann nicht zumuten, sich abends noch mit einer Frau rumschlagen zu müssen", hat Sissy Raith vor Jahren im Magazin 11 Freunde erzählt. Auch Corinne Diacre berichtet von anfänglichen Ressentiments bei Clermont Foot. In Cloppenburg merkt Imke Wübbenhorst davon nichts, allerdings stehen Vorstandswahlen bevor. Wer weiß, was kommt.

Nachvollziehbar wäre es nicht, wenn ein neuer Chef plötzlich wieder Bedenken hätte. Nach diversen Enthüllungen und Debatten dürfte der letzte Protz verstanden haben, dass Manneskraft kein Machtinstrument sein darf. Peinlich genug, dass man solche Selbstverständlichkeiten überhaupt diskutieren muss. Jetzt muss die nächste Einsicht um sich greifen. Wir befinden uns gleich im Jahr 2019, das Mittelalter ist lange her. Frauen müssen endlich machen dürfen, was sie können. Ohne dass wir uns wundern.

Lesen Sie jetzt mit SZ Plus:
Reden wir über Geld "Frauen sollten nicht wie Männer sein müssen"

Reden wir über Geld

"Frauen sollten nicht wie Männer sein müssen"

Helena Morrissey ist eine der mächtigsten Frauen in der männerdominierten Finanzwelt. Die Britin erklärt, wie sie das mit neun Kindern schafft - und wie Topmanager heute denken müssen.   Von Björn Finke und Alexander Menden