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Sprinter Christian Coleman:Wenn der Weltmeister kurz mal shoppen geht

Schwer aufzufinden für die Dopingtester: US-Sprinter Christian Coleman, 24.

(Foto: AFP)

100-Meter-Weltmeister Christian Coleman hat schon wieder Dopingkontrolleure versetzt - statt Einsicht zu zeigen, wittert er eine Kampagne gegen ihn. Nun steht er vor dem Ausschluss von Olympia.

Von Saskia Aleythe

Alte Gewohnheiten durch neue zu ersetzen, ist eine knifflige Angelegenheit. Christian Coleman hatte sich das Beste vorgenommen, als er Ende September im Khalifa-Stadion von Doha saß, schließlich hätten den frisch gekürten 100-Meter-Weltmeister vorab verpasste Dopingtests beinahe die WM-Teilnahme gekostet. Dass er dreimal innerhalb eines Jahres nicht zur Probenabgabe auffindbar war, sei dem Lebensstil geschuldet: "Ich bin jung, ich reise um die Welt, habe Freunde und Familie an unterschiedlichen Orten", sagte Coleman, die notwendigen Aufenthaltsangaben in der App der Welt-Anti-Doping-Agentur zu machen, sei "manchmal nicht in deinen Gedanken", wenn man so viel reise. "In der Zukunft werde ich versuchen, fleißiger zu sein", sagte Coleman noch. Doch die guten Vorsätze hielten, wie man jetzt weiß, nur bis Anfang Dezember.

Die unabhängige Integritätskommission Aiu des Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics suspendierte den 24-Jährigen am Mittwoch vorläufig, die Gründe dafür legte der Amerikaner vorab selber auf seinem Twitter-Kanal dar: Die Aiu hatte einen neuen verpassten Test am 9. Dezember 2019 protokolliert, addiert mit den bereits zur WM bekannten Verfehlungen vom 16. Januar und 26. April desselben Jahres würde das eine Doping-Sperre von bis zu zwei Jahren nach sich ziehen. Olympia in Tokio würde dann ohne den amtierenden Weltmeister vonstatten gehen. Vorausgesetzt, dass nicht einer der Tests wieder in einem juristischen Schlupfloch verschwindet.

Coleman selber offenbarte in seinem Tweet große Verwunderung: Er sei nur mal schnell zum Weihnachtsgeschenke-Shoppen in die Mall verschwunden ("Ich habe Kassenzettel und Bankbelege"), fünf Minuten Fußweg vom angegebenen Ort entfernt. Die Kontrolleure hätten ihn nicht angerufen, obwohl dies sonst bei jedem Test immer der Fall gewesen sei, und zudem eine falsche Adresse ins Protokoll geschrieben. "Ich wäre mehr als bereit für einen Test gewesen", schrieb er weiter, zwei Tage später sei zudem eine weitere Kontrolle erfolgt, die negativ ausfiel. "Ich wurde seitdem mehrfach getestet. Aber natürlich zählt das nicht, genauso wenig wie der Fakt, dass ich nie Dopingmittel genommen habe." Der Vorfall am 9. Dezember sei laut Coleman ein "absichtlicher Versuch", ihm einen verpassten Test anzuhängen; das ganze System müsse geändert werden.

Mit der Annahme, die Kontrolleure hätten ihn anrufen müssen, liegt der Sprinter allerdings falsch. Die Aiu erklärte dem Sportportal Insidethegames: Athleten haben sich innerhalb des selbst gewählten Zeitfensters von einer Stunde am Tag am angegebenen Ort aufzuhalten, ein Anruf sei nicht erforderlich und läge im eigenen Ermessen des Kontrolleurs: "Jede vorherige Ankündigung ermöglicht Athleten eine Manipulation."

Insgesamt schon vier verpasste Tests

Dass ihm bereits im vergangenen Jahr der Ausschluss von der Weltmeisterschaft gedroht hatte, schien Coleman nicht nachhaltig geprägt zu haben. Nur, weil die amerikanische Anti-Doping-Agentur eine der verpassten Kontrollen (im Juni 2018) den Regeln zufolge rückdatieren musste, was erst Colemans Anwalt bemerkte hatte, konnte er dann doch in Doha starten.

Vier Mal ist der Nachfolger des Spaßsprinters Usain Bolt nun schon mit den Anti-Doping-Richtlinien in Konflikt gekommen und liegt damit mit der 400-Meter-Weltmeisterin Salwa Eid Naser gleichauf: Die 22-Jährige wurde Anfang Juni ebenfalls suspendiert, verblüffte danach aber vor allem mit einem eigens geposteten Video. "Ich habe lediglich drei Dopingtests verpasst, das ist doch normal und kann jedem passieren", sagte die für Bahrain startende Athletin.

Coleman jedenfalls hat seine eigene Methode entwickelt, wie er seine Unschuld in Zukunft unter Beweis stellen will: Seine Eltern hätten ihm eine Tür-Kamera zu Weihnachten geschenkt, sodass er nun belegen könne, ob jemand zur Kontrolle tatsächlich vorbei gekommen ist. Einfach mal zu Hause bleiben statt Shoppen zu gehen ist offenbar keine Option.

© SZ vom 18.06.2020/ska

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