bedeckt München 26°

Sportpolitik:Können virtuelle Dopingtests die Zukunft sein?

2016 Rio Olympics: Best of the Olympics

Allein auf weiter Flur – aber weiter im Fokus der Dopingjäger: Schwimmerin Katie Ledecky lässt sich gerade virtuell testen.

(Foto: STEFAN WERMUTH/REUTERS)

Der Athlet nimmt Blut ab, der Kontrolleur schaut per Video zu: Weil das herkömmliche Testsystem gerade brachliegt, rücken virtuelle Methoden in den Fokus. Manche Ansätze sind vielversprechend.

Die Zukunft sieht noch recht gegenwärtig aus: Ein runder Plastikapparat, etwas größer als ein Zwei-Euro-Stück, ein roter Knopf darauf, daran ist eine kleine Kammer angeschlossen. Legt man die Apparatur auf den Oberarm, saugt sie einen Bluttropfen aus den Kapillargefäßen, mehr nicht, und spült ihn in die Kammer. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) hat von der Prozedur zuletzt ein Video veröffentlicht; sie wollte es ursprünglich erst in ein paar Monaten präsentieren. Nun ist das Ganze bereits in der Gegenwart angekommen: dass Athleten sich selbst Blut und sogar Urin abführen, während ein Kontrolleur per Videoschalte zuschaut. Eine Pandemie macht's möglich.

Dopingtests waren schon immer anfällig für Manipulationen: Früher pinkelten einfach Trainer oder Betreuer für die Athleten ins Röhrchen, weil die Kontrolleure nicht bei der Abgabe zuschauten. Heute schlagen Tests oft nicht aus, weil die Athleten neue Substanzen verwenden oder maskierende beimischen. Wobei längst nicht alle so unvorsichtig sind wie die irische Schwimmerin Michelle de Bruin (die trotzdem ihre Unschuld beteuerte). In ihrem Urin fanden Fahnder einst eine derart gewaltige Menge Alkohol, die ein Mensch unmöglich konsumiert haben konnte.

Man könnte auch sagen: Die Athleten nahmen den Anti-Doping-Kampf immer mal gerne selbst in die Hand.

Dass Sportler sich in diversen Pilotprojekten nun selbst testen sollen, da die Kontrolleure sie wegen der Corona-Restriktionen nicht aufsuchen können - das klingt vor diesem Hintergrund erst einmal, nun ja, kurios. Tatsächlich könnten die Maßnahmen nicht nur temporär dabei helfen, Athleten zumindest rudimentär zu überwachen, während das traditionelle Testsystem brachliegt. Sie könnten den Anti-Doping-Kampf sogar nachhaltig verändern.

Die bekannteste Pilotphase läuft derzeit in den USA, die Usada hatte sie wegen der Pandemie bereits Anfang April angeschoben. Rund ein Dutzend Probanden meldeten sich freiwillig, die fünfmalige Schwimm-Olympiasiegerin Katie Ledecky, die hochdekorierten Leichtathleten Allyson Felix, Emma Coburn und Noah Lyles. Sie müssen derzeit weiterhin, wie alle olympischen Spitzenathleten, im Meldesystem der Welt-Anti-Doping-Agentur eintragen, wo und wann sie für Tester jeden Tag eine Stunde lang erreichbar sind. Nur stehen die Kontrolleure jetzt nicht mehr vor der Tür, im Hörsaal oder auf dem Trainingsplatz, sie rufen jetzt einfach an.

Der Athlet gewährt der Testperson in einem Videochat dann einen Rundgang durch sein Badezimmer, er öffnet das Testpaket, das ihm die Kontrolleure geschickt haben, später versiegelt er die Probe und schickt sie ans Labor. Der Tester beobachtet dabei alles, nur die Urinabgabe nicht, wie sonst. Der Athlet muss aber einen Temperaturstreifen in den Becher legen und dem Tester präsentieren - das soll zeigen, ob der Urin frisch ist. Für Blutproben kommt das kleine Gerät aus dem Usada-Video zum Einsatz; die "Dried Blood Spots" werden ebenfalls ins Labor gesendet. Der Urin wird dort wie gehabt analysiert; die Blutspenden nutzen sie bei der Usada derzeit nur, um die Blutwerte eines Athleten mit jenen zu vergleichen, die sie über Jahre in dessen sogenanntem biologischen Pass zusammengetragen haben. So lassen sich zumindest grobe Ausschläge nachverfolgen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite