Tottenham gegen Chelsea:Ein Spiel für die Archive

Tottenham gegen Chelsea: Da waren sie nur noch neun: Destiny Udogie sieht Rot - Tottenham spielte über eine halbe Stunde in doppelter Unterzahl weiter.

Da waren sie nur noch neun: Destiny Udogie sieht Rot - Tottenham spielte über eine halbe Stunde in doppelter Unterzahl weiter.

(Foto: John Walton/PA Images/Imago)

21 Minuten Nachspielzeit, zehn VAR-Überprüfungen, zwei Platzverweise und eine Tottenham-Mannschaft, die mit neun Spielern weiter attackiert: Chelsea gewinnt beim Londoner Rivalen das bisher spektakulärste Match der Saison.

Von Sven Haist, London

Das Fußballspiel zwischen Tottenham Hotspur und dem FC Chelsea vom Montagabend dürfte schon bald unter einem kreativen Namen in den Archiven der Premier League zu finden sein. Denkwürdige Duelle werden in England traditionell mit geflügelten Wörtern versehen, so trägt zum Beispiel das Londoner Stadtduell Chelsea gegen Tottenham vom Mai 2016 den Rufnamen "Battle of the Bridge", die Schlacht von der Stamford Bridge. Seinerzeit machte Chelsea mit zwei späten Ausgleichstoren die Meisterschaftsträume von Tottenham zunichte. In einer bitterlich schadenfrohen Atmosphäre schaukelte sich die Auseinandersetzung zu einem der garstigsten englischen Ligaspiele hoch. Beide Klubs mussten hinterher für das ungebührliche Benehmen aller Beteiligten die beispiellose Geldstrafe von 600 000 Pfund begleichen. Schiedsrichter Mark Clattenburg, der zu den besten Unparteiischen seiner Generation zählte, bezeichnete die Treterei in Chelsea damals als die "härteste Partie", die er in seiner Laufbahn geleitet habe.

In seiner Schiri-Bewertung für die Boulevardzeitung Mail siedelte Clattenburg nun das aktuelle, abermals unberechenbare Spiel beider Klubs für seinen Berufskollegen Michael Oliver auf dem gleichen Schwierigkeitsgrad an. Nur der Name ist diesmal ein anderer. Das Diktum "Tear up at Tottenham" macht die Runde: die Zerreißprobe in Tottenham, wegen des diesmaligen Heimrechts für die Spurs.

Auch in diesem Fall erklärte das Endergebnis, 4:1 für Chelsea, allenfalls unzureichend, was sich zuvor auf dem Platz zugetragen hatte. Etwas mehr Aufschluss bot die Spieldauer, die inklusive Nachspielzeit insgesamt 111 Minuten betrug. In der ersten Halbzeit wurden zusätzliche zwölf Minuten zu den regulären 45 veranschlagt - trotzdem rollte der Ball vor der Pause gerade mal 23 Minuten. Den Rest der Zeit verbrachten Spieler und Trainer wartend auf dem Rasen, entweder weil sich jemand verletzt behandeln lassen musste, oder weil der Videoschiedsrichter (VAR) eine der unzähligen kaum aufzulösenden Situationen der Partie zu untersuchen hatte. In Summe gab es zehn Überprüfungen, fünf handelten von aberkannten Toren (zwei von Tottenham, drei von Chelsea), vier von Platzverweisen und eine Überprüfung von einem Elfmeter.

Die VAR-Unterbrechungen erstreckten sich auf mehr als 20 Minuten, rund sieben davon entfielen allein auf die Zeit zwischen Minute 28 und 35 - für die Begutachtung der wohl spielentscheidenden Szene. Die meisten Stadionzuschauer starrten gebannt und vor allem fragend auf die Monitore, unwissend, worum es eigentlich genau ging. Chelseas Mittelfeldspieler Moises Caicedo schien mit einem Distanzschuss die frühe Tottenham-Führung von Dejan Kulusevski (6.) egalisiert zu haben. Allerdings schoss er den Ball durch die Beine seines Mitspielers Nicolas Jackson, der sich, wie der VAR herausfand, minimal im Abseits und im Sichtfeld des gegnerischen Torwarts aufhielt. Das vermeintliche 1:1 verlor dadurch seine Gültigkeit.

Statt Tor für Chelsea gibt Schiedsrichter Oliver Elfmeter für Chelsea und Rot gegen die Spurs

Damit aber war es nicht getan - weil sich in der Entstehung des aberkannten Treffers zwei eventuelle Fouls an Chelsea-Spielern im Strafraum ereignet hatten. Zum einen streifte Tottenhams Verteidiger Micky van de Ven seinen Gegner am Fuß, was Videoschiri John Brooks aber nicht genügte, um einzugreifen. Zum anderen traf Cristian Romero bei einer Klärungsaktion neben dem Ball auch das Schienbein von Chelseas Enzo Fernández. Hier kam erschwerend hinzu, dass es sich bei Romeros Einsteigen womöglich sogar um eine rotwürdige Attacke handelte. Nach Begutachtung aller Zeitlupen entschied Referee Oliver tatsächlich: Platzverweis für Romero und Elfmeter für Chelsea, den Cole Palmer zum 1:1 (35.) verwandelte.

Mit der langwierigen Prozedur konnte Spurs-Coach Ange Postecoglou wenig anfangen. Er sei altmodisch, er respektiere die Entscheidungen der Spielleiter und halte deshalb nichts vom VAR, sagte er. Dies bewahrte ihn aber kurz vor der Halbzeit nicht vor einer der acht gelben Karten - wegen Reklamierens. Zu diesem Zeitpunkt hatte seine Mannschaft bereits die Kontrolle über das Match eingebüßt. In der Euphorie über die bisher so starke Saison und den guten Start in den Abend schienen die Spurs plötzlich Sinn und Verstand zu verlieren. Die Spieler wirkten übermotiviert und undiszipliniert. Linksverteidiger Destiny Udogie handelte sich zu Beginn der zweiten Halbzeit dann auch noch eine gelb-rote Karte ein. Auch er hätte - wie Romero - für andere grenzwertige Vergehen schon früher vom Feld gestellt werden können.

Tottenham gegen Chelsea: Nicolas Jackson traf in der Nachspielzeit doppelt und kam so am Ende auf drei Tore.

Nicolas Jackson traf in der Nachspielzeit doppelt und kam so am Ende auf drei Tore.

(Foto: Javier Garcia/Shutterstock/Imago)

Zu neunt, bei einer Restspielzeit von mehr als einer halben Stunde, schien die erste Ligapleite der Saison für Tottenham unvermeidlich zu sein, zumal das Team auch noch die verletzt ausgewechselten Schlüsselspieler James Maddison und van de Ven ersetzen musste. Doch die Spurs wichen selbst mit zwei Spielern weniger nicht vom üblichen Draufgehen ab. Statt am eigenen Strafraum tief zu verteidigen, spielte Tottenham entgegen jeder Lehre weit vom eigenen Tor entfernt auf Abseits - ohne mit zwei Mann weniger Balldruck erzeugen zu können. Dies führte zu einigen nie gesehenen Spielsituationen.

Mehrmals standen sieben Tottenham-Spieler nebeneinander aufgereiht an der Mittellinie, nur Stürmer Heung-min Son und Torwart Guglielmo Vicario hielten sich davor und dahinter auf. Der Altinternationale Jamie Carragher johlte am Sky-Mikrofon, dies sei sein Lieblingsclip unter allen, die er als Profifußballer und TV-Experte je gesehen habe. Chelseas Spieler mussten eigentlich bloß an die Abwehrreihe herandribbeln und zielgerichtet zu einem sprintenden Mitspieler in den freien Raum passen.

Postecoglou verteidigt seinen offensiven Ansatz

Vermutlich überrascht von der gegnerischen Taktik stimmten bei Chelsea allerdings weder die Zuspiele noch die Laufwege. Stattdessen kamen die Spurs zu einigen formidablen Torchancen, sie hätten sogar in Führung gehen oder spät den 2:2-Ausgleich erzielen können. Erst als Chelseas Jackson nach seinem 2:1 in der 75. Minute mit dem 3:1 und 4:1 in der Nachspielzeit ein Hattrick gelang, war Tottenham geschlagen - und als Tabellenführer der Premier League gestürzt. Die Fans jedoch verneigten sich trotz der Niederlage vor ihrer Mannschaft, klatschten minutenlang Beifall. Die Leitmedien waren sich einig: Diese Partie gehörte auf jeden Fall zu den verrücktesten Ligaspielen in England.

Spurs-Trainer Postecoglou verteidigte seine waghalsige Strategie. Auf die vorsichtige Kritik, ob er nicht einmal erwogen hätte, seinen Plan zu ändern, konterte er, an dieser Taktik so lange festzuhalten, wie er bei Tottenham sei. "Selbst wenn wir irgendwann nur zu fünft spielen, werden wir es auf diese Art versuchen", kündigte er an. Dieses Zitat dürfte, wie das Spiel selbst, lange unvergessen bleiben.

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