Champions League:Wolfsburg versohlt Reals Glitzerkicker

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So was gab es noch nie in Wolfsburg: Beim 2:0 gegen Real Madrid gelingt der gebeutelten Elf des VfL fast alles. Die Königlichen bleiben verblüfft zurück.

Von Carsten Eberts, Wolfsburg

Tief drinnen im Stadioninneren strahlte der nackte Naldo. Von seinen Tätowierungen abgesehen war sein entblößter Oberkörper tatsächlich unversehrt. Ein paar Beulen und Furchen wären erwartbar gewesen, so oft waren Cristiano Ronaldo, Gareth Bale oder Karim Benzema gegen ihn geprallt. Ja, all die großen Namen, die Millionen und Abermillionen Euro auf ihren Übersteigerbeinen, hatten versucht, am Brasilianer und seinen Wolfsburger Abwehrkollegen vorbeizukommen. Und es tatsächlich nicht ein einziges Mal geschafft.

Man hätte die Würdigung dieser wundersamen Wolfsburger Mannschaft auch mit einem anderen Spieler beginnen können. Mit Luiz Gustavo, dem emsigen Räumezuläufer. Mit Maximilian Arnold, dem Eigengewächs, das im größten Spiel der Vereinsgeschichte ein Tor erzielt hatte, sein erstes überhaupt in der Champions League. Oder mit dem jungen Bruno Henrique, der überraschend mitspielen durfte und seine Sache hervorragend machte.

"Diesen Abend kann uns keiner mehr nehmen"

Sie alle hatten Anteil an der größten Überraschung dieser Champions-League-Spielzeit: Der gebeutelte VfL Wolfsburg, in der Bundesliga bis auf Rang acht abgerutscht, hat im Viertelfinal-Hinspiel tatsächlich Real Madrid besiegt. Nicht irgendwie, sondern hochverdient mit 2:0 (2:0). Vor Arnold (25. Minute) hatte bereits Ricardo Rodriguez (18./Foulelfmeter) getroffen und das Stadion am Allerpark zum Ausrasten gebracht. "Diesen Abend kann uns keiner mehr nehmen", jubilierte Geschäftsführer Klaus Allofs ganz beseelt: "Dieses Ergebnis, dieses Spiel und dieses Resultat."

Es war der Abend, an dem Wolfsburg Real Madrid entzauberte.

Wie das passieren konnte? Das konnten sich vor allem die Madrilenen nicht erklären. Von einem Team, das nicht weiß, was es spielt, hatten sie in Spanien gesprochen, einem Glückslos, einer Elf der Namenlosen - das tat nach dem Schlusspfiff niemand mehr. Wortlos stapften die Glitzerkicker vom Rasen und schnurstracks in die Kabine, bis auf Marcelo, der sich ein kleines Wortgefecht mit Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking lieferte, dann aber ebenfalls verschwand.

Sie waren bedient und ernüchtert, ganz anders als die Wolfsburger: Aus ihnen platzte der Stolz. "Viele haben gedacht, dass wir eine Klatsche kriegen", erzählte Allofs. Hecking dozierte: "Das war ein Spiel, das uns nur wenige zugetraut haben." Auch dem Coach war die Wolfsburger Krise zuletzt angelastet worden, nun hatte er den Klub zum bislang größten internationalen Erfolg geführt. In einer Woche, beim Rückspiel in Madrid, habe man plötzlich eine "Riesenchance", ins Halbfinale einzuziehen. Ja, Wolfsburg ist in diesem Duell nun der Favorit.

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