bedeckt München 26°

Champions League:"Wir kamen überall zu spät"

Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Im Grunde mag Peter Bosz Real Madrid. "Es macht mir Freude, Real zu sehen", hatte der Niederländer vor dem Spiel gesagt, eher als Fußballfan im Allgemeinen und nicht so sehr als Trainer von Borussia Dortmund. Am Dienstagabend hat der Fußballfan Bosz einen aufregenden und spektakulären Abend erlebt, aber das Vergnügen wurde getrübt von der zweiten Niederlage seiner Dortmunder im zweiten Spiel dieser Champions-League-Saison. Die in der Bundesliga so formidablen Borussen unterlagen den in ihrer Liga nur mau gestarteten Madrilenen 1:3 (0:1), verloren erstmals ein Champions-League-Heimspiel gegen Real und stehen in der Gruppe nun unvorteilhaft da, weil die je zweimal siegreichen Madrilenen und die Tottenham Hotspurs bereits enteilt sind. "Wir kamen überall zu spät gegen einen Gegner, der fast keinen Fehler gemacht hat", resümierte Bosz und kam zu dem Schluss: "Wir müssen besser verteidigen."

Nach der 6:1-Gala am vergangenen Samstag in der Bundesliga gegen Borussia Mönchengladbach hatte man nicht unbedingt erwarten müssen, dass Bosz seine Mannschaft umbaut, aber er hat es an drei Stellen getan: Auf dem rechten Flügel spielte der gegen Gladbach geschonte Ukrainer Andrej Jarmolenko anstelle von Christian Pulisic; im Mittelfeld entschied sich Bosz in der zentralen Defensive für Nuri Sahin statt für Julian Weigl und auf der halbrechten Position für Gonzalo Castro statt für Mahmoud Dahoud.

Sahin und Castro hatten es im Herzen des Spielfelds schwer mit dem Real-Trio Luka Modric, Casemiro und Toni Kroos. Die Spanier waren phasenweise so überlegen, dass sich die meistdiskutierte Frage vor dem Spiel gar nicht mehr stellte: Wie mutig würde der BVB spielen können gegen Real? Madrid dominierte die erste Halbzeit. Vor allem Modric setzte die Stürmer Gareth Bale, Isco und Ronaldo immer wieder in Szene. Real war natürlich auch ein anderes Kaliber als Köln und Gladbach.

Dass Madrid in der 18. Minute in Führung ging, weil Bale im Strafraum einen Schlenzer von Dani Carvajal traumhaft aus dem Lauf und volley mit dem Innenrist ins Dortmunder Tor schoss, war ein Rückschlag für die Borussen. Denn vier Minuten zuvor hätten sie einen Elfmeter bekommen können. Sergio Ramos hatte nach einem Torschuss von Maximilian Philipp den Abpraller vom Torwart Keylor Navas wenn auch unabsichtlich, aber doch mit der Hand entschärft - ein Pfiff blieb freilich aus. "Das war deutlich ein Handelfmeter", fand Trainer Bosz. Erinnerungen wurden wach an das erste Gruppenspiel vor zwei Wochen, als Pierre-Emerick Aubameyangs Ausgleich bei Tottenham Hotspur fälschlicherweise wegen Abseits nicht gegeben worden war und Harry Kane vier Minuten später den 3:1-Endstand für die Spurs erzielte. Die Dortmunder, in der Bundesliga vom Glück verfolgt, hadern in der Champions League mit dem Schicksal.

Dortmund gegen Real, das ist in den vergangenen fünf Jahren so etwas wie eine Fußball-Seifenoper geworden, eine Abendserie in jetzt neun Teilen, denn so oft haben sich die Kontrahenten seit Oktober 2012 in der Champions League duelliert. Mit drei Siegen, drei Unentschieden, zwei Niederlagen und einem Torverhältnis von 14:13 waren die Dortmunder in dieses Spiel gegangen, weshalb sie dachten, dass ihnen das europäisch so dominante Real irgendwie liegt. Doch Madrid glich die Bilanz aus.

Nach nur 50 Sekunden in der zweiten Halbzeit hätte es 1:1 stehen können, doch Reals Raphael Varane rettete nach einer Kopfballvorlage von Jarmolenko knapp vor Aubameyang. Pessimisten ahnten, was vier Minuten später passierte; Da fiel auf der anderen Seite das 0:2. Kroos schickte Bale über links steil, und der bediente in der Mitte den Vollstrecker Ronaldo. Dortmunds Abwehr war nicht immer auf Champions-League-Niveau, auch wenn Trainer Bosz sie nach der Partie in Schutz nahm: ""Wir verteidigen mit elf Spielern und greifen mit elf Spielern an. Da muss man nichts auf die Verteidigung schieben."

Immerhin wehrte sich die Borussia sofort. Aubameyang drückte vier Minuten später eine Castro-Flanke ins Tor (54.). Das 1:2 weckte neue Fantasie und neue Kräfte. Mit den eingewechselten Weigl und Dahoud drängten die Dortmunder auf den Ausgleich, die Hoffnung starb in der 79. Minute, als Ronaldo einen Konter zum 3:1 nutzte. Der Fußballfan Peter Bosz fand das nicht gut. Dortmunds Trainer war bedient.

© SZ vom 27.09.2017/chge
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB