Champions League:Stich ins Herz in letzter Minute

Champions League: Schwacher Trost: Das Berliner Olympiastadion leichtet ungewohnt rot, während Unions Sheraldo Becker (links) die Last-Minute-Niederlage betrauert.

Schwacher Trost: Das Berliner Olympiastadion leichtet ungewohnt rot, während Unions Sheraldo Becker (links) die Last-Minute-Niederlage betrauert.

(Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa)

Wie schon in Madrid gibt Union Berlin auch beim Champions-League-Heimdebüt in der Nachspielzeit einen Punktgewinn aus der Hand - und unterliegt nach 2:0-Führung gegen SC Braga mit 2:3.

Von Javier Cáceres, Berlin

Der 1. FC Union Berlin hat auch im Westberliner Exil seine Negativserie von zuvor fünf Niederlagen in Serie nicht beenden können. Wie schon vor zwei Wochen bei Real Madrid mussten die Köpenicker in der Nachspielzeit einen Treffer hinnehmen, der eine Niederlage in der Champions League bedeutete - diesmal gegen Sporting Braga, durch den eingewechselten André Castro, der aus 20 Metern zum 3:2-Endstand für Braga traf. Unions Trainer Urs Fischer schüttelte ob der sechsten Niederlage in Serie auf der Bank den Kopf vor Fassungslosigkeit.

Die Organisatoren hatten sich einige Mühe gegeben, um das Stadion in ein Stück Heimat zu verwandeln. Wie schon vor zwei Jahren in der Europa League wurde das Westend zum Rotlicht-Bezirk: Die Lichtanlage des Olympiastadions tauchte das Rund in die Vereinsfarben Unions. Aus den Boxen dröhnte das Liedgut, das man aus der Alten Försterei kennt, allerdings auch ein Song voller Nostalgie von Toni Mahoni, in dem es heißt: "Ich will zurück/nach Köpenick." Vor dem Anpfiff gab es just gegenüber den teuren Sitzen Protest gegen den Ausrichter, die europäische Fußballunion Uefa, und deren Stadion-Regulierungen. Sie hatte den Umzug ins Olympiastadion nötig gemacht: "Es geht euch nicht um den Sport, es geht euch nur ums Geld!", war auf dem größten Transparent zu lesen.

Union erweckte zu Beginn der Partie den Eindruck, mehr mit sich selbst als mit den äußeren Umständen zu fremdeln. Jedenfalls bis zur Szene in der 4. Minute, als der Ball quasi zur Probe im Netz der Portugiesen gelegen hatte. Allein: Das von 73 345 Kehlen besungene (und von 200 Portugiesen mit Entsetzen quittierte) Tor von Robin Gosens wurde annulliert, weil Sheraldo Becker im Vorfeld im Abseits gestanden hatte. In der Folge schien Becker sich um die Rolle des tragischen Helden des Abends zu bewerben. Mal, weil er sich bei aussichtsreichen Angriffen der Unioner wieder in illegalen Räumen aufhielt. Mal, weil seine Abschlüsse missrieten. Dann schaffte er es doch, regelkonform zu starten - und zu treffen.

Nach einem Pass in die Tiefe von Alex Kral marschierte Becker in mehr oder weniger gerader Linie auf das vom Brasilianer Matheus gehütete Tor Bragas zu - und überraschte diesen, weil er nicht etwa den mitgelaufenen Kevin Behrens bediente, sondern Matheus den Ball durch die Beine schoss. Das Tor weckte die bis dahin inexistente Offensivabteilung der Portugiesen. Vor allem Bruma, neben dem Ex-Schalker Rodrigo Zalazar einer von zwei früheren Bundesligaspielern in den Reihen Bragas. Doch Union-Keeper Frederik Rönnow war auf der Hut (34.).

Union-Trainer Fischer revitalisiert das Angriffsspiel seiner Mannschaft

Drei weitere Minuten später fand Becker im Rücken der Abwehr Bragas neuerlich Platz, um einen Ball Richtung gegnerisches Tor zu treiben - diesmal, um einem von Lucas Tousart per Kopf verlängerten langen Pass von Danilho Doekhi Richtung Strafraum zu treiben. Wieder behielt Becker die Nerven - und jagte den Ball mit dem linken Innenrist zum 2:0 ins Netz.

Der Euphorie wurde in der 41. Minute jedoch ein Unbehagen beigemengt. Nach einer Ecke versäumte es Union, den Rückraum am Strafraum zu decken, sodass Bragas Kapitän Ricardo Horta zu einem Flachschuss kam, den Rönnow nur abklatschen konnte. Sikou Niakaté staubte ab. Kurz nach der Pause kam der Ausgleich auf ähnliche Weise daher. Wieder blieb der Rückraum nach einer Ecke unbewacht, diesmal war es Bruma, der den Ball voller Effet zum 2:2 wundervoll in den Winkel schoss (51.).

Danach zeigten die Portugiesen noch mehr Geschick als vorher - vor allem bei der Besetzung der Räume zwischen den Linien der Unioner. Trainer Urs Fischer reagierte - und beorderte Aïssa Laïdouni sowie Kevin Volland für Tousart und Behrens aufs Feld.

Der Effekt: eine Revitalisierung des Angriffsspiels. In der 70. Minute hatte Volland eine sagenhafte Chance, dabei aber mindestens so viel Pech wie Bragas Keeper Matheus. Volland nahm eine schwierig zu verwertende Flanke von Becker aus vollem Lauf direkt und traf den Torwart; dieser wiederum musste bereuen, kein Suspensorium unter der Hose angelegt zu haben. Dann legte Laïdouni zweimal für Becker auf (75./78.), kurz darauf bediente Volland den ebenfalls eingewechselten Brenden Aaronson. Doch auch er scheiterte, so wie der starke Alex Kral mit einem Fernschuss in der Nachspielzeit. Dann kam Castro in der Nachspielzeit aus dem Hintergrund mit einem Schuss zum Zuge - und traf die Unioner spät ins Herz.

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