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Leipzig in Champions League:Stärkung fürs Immunsystem gesucht

Auch Timo Werner kam zuletzt nicht an seine Leistungen aus der Hinrunde heran.

(Foto: AFP)

Von Javier Cáceres, Berlin

Am Montagvormittag herrschte Gewissheit. Das erste Heimspiel der Champions-League-K.-o.-Runde in der zugegebenermaßen kurzen Historie von RB Leipzig wird an diesem Dienstag doch stattfinden; der Empfehlung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zum Trotz. Veranstaltungen mit mehr als 1 000 Teilnehmern sollten abgesagt werden, hatte der Minister am Sonntag getwittert und damit auch in Leipzig Hektik ausgelöst, wenn auch nicht gar so viel wie in der derzeit komplett abgeriegelten Lombardei. Irritiert dürften allerdings die Teilnehmer der am Sonntag in Leipzig eröffneten Jahrestagung der - kein Witz - "Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie" gewesen sein. Angemeldet sind tausend Teilnehmer. Ein paar Tausend mehr werden nun zum Besuch von Trainer José Mourinho und Tottenham Hotspur erwartet, das Achtelfinal-Hinspiel hatten die Sachsen überraschend souverän 1:0 gewonnen.

Gelassen in all der Hektik blieb Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann, der lachen musste, als er gefragt wurde, ob die Spieler seiner Mannschaft ein Kratzen im Hals verspürten. "Alle fit!", sagte Nagelsmann, und bekannte, "sehr glücklich" darüber zu sein, dass die Behörden unter Berücksichtigung der Risikobewertung des Robert-Koch-Instituts ein Spiel mit Publikum ermöglichten. "Das wäre ein Nachteil gewesen, wenn wir in London mit und hier ohne Fans gespielt hätten", sagte Nagelsmann. "Ich hoffe, dass sie viel singen werden."

Wenn man so will, treffen in der Leipziger Arena zwei Teams aufeinander, deren Immunsystem zuletzt gelitten hatte. Nach ihrer Hinspiel-Pleite reihten die Londoner drei weitere Niederlagen aneinander, am Samstag folgte ein 1:1 in Burnley. Die Leipziger wiederum verloren trotz des Siegs bei den Spurs und einem 5:0 auf Schalke an Durchschlagskraft: gegen Leverkusen (1:1) und Samstag in Wolfsburg (0:0) herrschte das bedrückend-undefinierbare Gefühl vor, dass die Leichtigkeit aus der Hinrunde perdu ist. Andererseits stimmt das Bild schwächelnder Abwehrkräfte in der Mikrobetrachtung eher nicht.

Denn: Im laufenden Kalenderjahr hat Leipzig zehn Pflichtspiele bestritten und sechs Mal zu null gespielt. Sollte Torwart Peter Gulacsi in der Partie gegen Tottenham wieder ohne Gegentor bleiben können, stünden die Leipziger im Viertelfinale. "Das ist ein Highlight-Spiel", sagte Gulacsi, forderte die Kollegen aber auf, das Tor im eigenen Rücken zu vergessen und sich auf das Tor vor ihnen zu konzentrieren: "Wir müssen die Räume, die wir bekommen, nutzen - und Tore schießen."

Extramotivation für Werner

Zu den Spielern, die besonders im Fokus stehen, zählt erneut Stürmer Timo Werner. Er war am Wochenende in Wolfsburg eingewechselt worden, hatte dem blutarmen Spiel aber keine Wendung mehr geben können. Auch er scheint auf einem niedrigeren Niveau zu sein als in der Hinserie. 2020 hat er drei Bundesliga-Tore geschossen, zwei davon Mitte Januar. Er wisse, dass Tore für Stürmer wichtig seien, sagte Nagelsmann, er bemesse Werners Wert aber nicht nur daran. "Er ist ein guter Vorlagengeber, der den Gegner unter Druck setzt und Ballgewinne provoziert" - genau das sei gegen Tottenham gefordert.

An Motivation dürfte es dem Nationalstürmer nicht mangeln. Zum einen trägt er die Unrast in sich, die sich aus einer im Grunde zweiwöchigen Trainingspause ergibt, die seinen muskulären Beschwerden geschuldet war. Zum anderen ist er seit Wochen auf der Insel im Gespräch, als möglicher Sommerzugang für den FC Liverpool von Trainer Jürgen Klopp. Doch Werner ist nicht die einzige RB-Personalie, die für Aufsehen sorgt. Denn Nagelsmanns Vorgänger Ralf Rangnick, aktuell noch internationaler Fußballchef des Red-Bull-Konzerns, füllt derzeit in Italien die Seiten der Sportpresse. Vor allem in der lombardischen Hauptstadt Mailand.

Der Grund: Sein Name löste einen Machtkampf beim AC Mailand aus. Ende vergangenen Jahres hatte Sportdirektor Zvonimir Boban, 51, von einem in der deutschen Fußballszene bestens verankerten Freund erfahren, dass Milan Rangnick zur neuen Saison verpflichtet habe - als Trainer mit allen Transfermarkt-Vollmachten. Seine Quelle hält Boban für so verlässlich, dass er Rangnicks Namen gezielt an die Gazetten weiterreichte. Dann beklagte er in Interviews, dass Geschäftsführer Ivan Gazidis Rangnick hinter seinem Rücken verpflichtet habe; am Freitag wurde Boban entlassen. Ungeachtet dessen dementierte Rangnick laut Sport1 jede Einigung mit Milan: "Das stimmt nicht." In Mailand erwarten sie ihn dennoch im Sommer. Vorausgesetzt, die derzeit abgeriegelte Lombardei ist dann wieder offen.

© SZ vom 10.03.2020/tbr
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