Champions League:Kalter Winter droht

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Werder hatte eine Chance nach der anderen. Doch nach dem Platzverweis für Torsten Frings schießt Enschede die Bremer schon fast aus der Champions League. Schalke ist auch international in die Krise geraten.

Es war ein Mantel-Abend. Zu Beginn hatte es elf Grad im Bremer Stadion, entsprechend zog Werder-Trainer Thomas Schaaf den langen Zwirn über den Klubanzug. Das vierte Spiel in dieser Champions-League-Saison gegen den Tabellenführer der niederländischen Eredivisie, Twente Enschede, das wusste der 49-Jährige, würde ein richtungsweisendes werden. "Heute stellt sich heraus, ob man auch im Frühjahr international noch dabei ist", sagte Schaaf, bevor Schiedsrichter Hamer aus Luxemburg anpfiff. In dem Moment wurde Werder in der Tabelle als Letzter der Gruppe A geführt, mit zwei Punkten und 3:7 Toren. Knapp zwei Stunden später hatte Schaafs Team diese Position zementiert: 0:2 (0:0) endete der unterhaltsame Vergleich, mit dem die Mannschaft ihre mäßige Bilanz in der Liga fortschrieb: Von den zehn Champions-League-Partien zuvor hatte Werder lediglich eine gewonnen. Die Chancen, dass Schaaf europäischen Top-Fußball demnächst auch einmal in kurzen Ärmeln aus nächster Nähe verfolgen kann, sind damit weiter gesunken.

Champions League - Werder Bremen - FC Twente Enschede

Es war eines dieser typischen Werder-Spiele 2010: viele Chancen auf beiden Seiten, aber nur der Gegner trifft - nachdem Thorsten Frings vom Platz gefolgen war.

(Foto: dpa)

Mal hui, am Ende aber öfter pfui - wie in der Bundesliga präsentierte sich Schaafs Mannschaft auch in der Champions League. Lange spielten die Bremer gut. Lange waren sie gefährlich. Doch zu viele Chancen blieben ungenutzt und nach dem Platzverweis von Torsten Frings in der 75. Minute kamen die Gäste zu den Räumen, die Nacer Chadli (81., abgefälschter Rechtsschuss) und Luuk de Jong (84., Kopfball) zu den entscheidenden Treffern nutzten.

Nach dem 2:3 gegen Nürnberg hatte Schaaf die Seinen auf zwei Positionen umgestellt. Mikael Silvestre und Marko Arnautovic mussten zunächst zuschauen, dafür durften Philipp Bargfrede und Aaron Hunt von Beginn an spielen, was eine kleine Rochade in der Viererkette nach sich zog: Wesley musste umziehen, Bargfrede gab eine Premiere als Rechtsverteidiger. Statt komplizierte Laufwege-Skizzen hatte Schaaf den Spielern aber eine einfache Botschaft mitgegeben: "Aktiv sein! Gegen Nürnberg haben wir in der zweiten Halbzeit alles über uns ergehen lassen."

Die Botschaft kam zunächst an. Die Bremer begannen gefällig, spritzig, aggressiv - und in der Folge kamen sie zu einer Reihe guter Möglichkeiten. Die beste setzte Claudio Pizarro in Minute 38 nach einer sehenswerten Ballannahme von der Strafraumgrenze aus an den linken Pfosten, sein Spielkamerad Hugo Almeida setzte zwar noch eifrig nach, bekam die Kugel aber auch nicht im leerstehenden Tor unter. Auf der anderen Seite bot sich kurz darauf Bryan Ruiz eine Chance, die sich so nicht häufig bietet: Nach einem Freistoß stand er völlig alleine wenige Meter vor Werder-Torwart Sebastian Mielitz - und bekam auch noch den Ball (44.). Diesen jedoch bekam der 25-Jährige nicht an Mielitz vorbei.

Trotz seiner beeindruckenden Reflexe: Lange wird der 21 Jahre alte Mielitz das Werder-Tor wohl nicht mehr hüten dürfen. An diesem Mittwoch will der zuletzt verletzte Stamm-Torwart Tim Wiese erstmals wieder mit einem Ball üben, am Donnerstag würde er gerne ins Mannschaftstraining zurückkehren. Lange sollte das Comeback des 29-Jährigen damit nicht mehr auf sich warten lassen.

"In einigen Momenten zu verkrampft", so lautete das Halbzeitzeugnis, das Werder-Geschäftsführer Klaus Allofs seinem Team ausstellte: "Ein schweres Spiel, heute muss es über den Willen und die Bereitschaft zum Kampf gehen." Unausgesprochen schwang da der Vorwurf mit, dass es genau daran zuletzt gemangelt haben könnte. Und noch ein vielsagender Satz entfuhr dem einstigen Fußball-Profi: "Man muss sich dran gewöhnen", meinte Allofs, als er gefragt wurde, was er von Torsten Frings in der Rolle des Innenverteidigers halte. Das war eine sehr schmeichelhafte Antwort. So gut wie immer, wenn es gefährlich wurde vor dem Bremer Tor, war Frings irgendwie beteiligt, weil indisponiert. Obwohl bald 34 will der Kapitän gerne "noch ein, zwei Jahre Fußball spielen", am liebsten in Bremen, hat Frings erklärt; sein aktueller Vertrag läuft am 30. Juni 2011 aus. Das Spiel gegen Enschede taugte nicht wirklich als Bewerbungs-Video für eine Verlängerung. Auch als Chadli kurz nach der Pause aus kurzer Distanz frei zu einem schönen Schuss kam und Mielitz wieder mit einer tollen Parade rettete, war Frings weit.

Die Szene bildete den Auftakt zu einem munteren Hin und Her. Almeida vergab für Bremen aus allen möglichen Lagen (52./Kopfball aus fünf Metern direkt auf den Torwart, 55./Alleingang direkt gegen den Torwart), Chadli traf für Enschede den linken Bremer Pfosten (57.). In dem Moment sah es noch nach einem Unentschieden aus. Zehn Minuten später aber war Bremen nur noch zu zehnt: Nachdem Frings als letzter Mann am Strafraum den wieselflinken Ruiz, der ihn mit einem Hackentrick überlupft hatte, mit einem Catchergriff an die Hüfte stoppte, sah er zu Recht Rot, was Bremen letztlich entscheidend schwächte.

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