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FC Bayern:Ein theoretisch schwerer Weg zum Triple

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Könnte im Viertelfinale auf den FC Bayern warten: Messi und der FC Barcelona (Foto vom Halbfinale 2015).

(Foto: imago/Moritz Müller)

Die Champions-League-Auslosung hätte für den FC Bayern besser laufen können. Doch das Finalturnier bietet auch sonst viele Unvorhersehbarkeiten - auch wegen der Coronafallzahlen am Austragungsort Lissabon.

Von Christof Kneer

Auslosungen im Fußball haben immer einen sehr eigenen Charme. Bei Welt- oder Europameisterschaften gleichen die Auslosungen pompösen Partys, es treten Models, Opernstars und Maskottchen auf, wovon Letztere oft zu viel Fell oder zu wenig Hose tragen. Manche haben auch alberne Namen oder sind Gürteltiere. Die Auslosungen der Klub-Wettbewerbe sind nüchterner, die Maskottchen sind aus Fleisch und Blut, heißen Markenbotschafter und haben früher mal für einen der beteiligten Klubs gespielt. Zu den Ritualen gehört auch, den Vereinsfunktionären nach erfolgter Ziehung ins Gesicht zu schauen. Was bedeutet es, dass der Vertreter von Juventus Turin schmunzelt? Warum zieht der Typ aus Barcelona die Augenbrauen hoch? Sieht Karl-Heinz Rummenigge erleichtert aus, oder überlegt er sich nur wieder ein Fremdwort?

Eine Auslosung wie an diesem Freitag aber gab es noch nie. Ein Moderator, ein Generalsekretär und der große Portugiese Paulo Sousa standen auf der Bühne eines leeren Saales. Immer wieder schalteten sie via Skype hinaus in die angeschlossenen Funkhäuser in Europa und zeigten Männer, die vor Wänden saßen. Die Vertreter des FC Barcelona trugen enorme Masken und sahen aus, als gehörten sie einem finsteren Tribunal an, Giovane Elber lächelte im Auftrag des FC Bayern, Giorgio Chiellini von Juventus Turin riss Witze neben einer immensen Topfpflanze.

Aber nicht nur die Bilder waren neu, auch alles andere. Noch nie wurde eine Champions League in Turnierform ausgelost, noch nie wurden Viertel- und Halbfinals in nur einer Partie ausgespielt, noch nie wurde der Sieger erst im August ermittelt. Und was es erst recht noch nie gab: eine Auslosung für ein Turnier, von dem noch nicht mal ganz sicher ist, ob es wirklich genau so stattfindet. Oder vielleicht sogar: ob es überhaupt stattfindet.

Als die Pandemie im März 2020 auch über den Fußball hereinbrach, hat der europäische Fußballverband Uefa schnell Prioritäten gesetzt: Sobald behördlich erlaubt, sollten sich die Nationalverbände erst mal ums Tagesgeschäft kümmern, sie sollten versuchen, ihre Ligabetriebe wiederaufzunehmen und idealerweise durchzuziehen. Es ging sehr konkret darum, den Klubs im Alltag erst mal das nackte Überleben zu sichern - für das Feiertagsgewand in Europa- und Champions League wäre danach ja immer noch Zeit.

Für die Feiertagsspiele hat die Uefa deshalb kompakte Turnierformate erfunden und mit deren Austragung Portugal/Lissabon (Champions League, 12. bis 23. August) sowie Deutschland/Nordrhein-Westfalen (Europa League, 10. bis 21. August) beauftragt. Die Corona-Fallzahlen sahen an beiden Orten beruhigend aus, für Lissabon sprach auch die womöglich virusfeindliche Wärme sowie die Tatsache, dass es da auf kurzen Wegen zwei erstklassige Stadien gibt - und keinen portugiesischen Klub mehr im Wettbewerb. Und damit auch: keinerlei Heimvorteilsdebatten.

"Ein Sieg für alle Portugiesen", sei das, sagte der sozialistische Regierungschef António Costa damals mit erheblicher Ergriffenheit, man habe "der Pandemie großartig widerstanden und sie überwunden". Insgeheim haben sie bei der Uefa gehofft, dass sie in Lissabon vielleicht sogar wieder Zuschauer in die Stadien lassen könnten, aber von so einem Szenario spricht im Moment lieber niemand mehr. Seit einigen Wochen verzeichnen die Behörden im Großraum Lissabon fast täglich 200 bis 300 neue Fälle, die Regierung hat sich inzwischen gezwungen gesehen, für die sozial schwächeren Vorstädte im Norden des Großraums wieder neue Beschränkungen anzuordnen. Das Stadtzentrum ist im Moment weniger betroffen, dort stehen die Stadien, und so gehen die Verantwortlichen aktuell mal davon aus, dass das edle Turnier so zur Austragung kommen kann, wie sie sich das an ihre Verbandsreißbretter hingemalt haben.

Ohnehin sieht es an diesen Reißbrettern schon kompliziert genug aus. Sowohl in der Champions League als auch in der Europa League hat das Virus die vollständige Austragung der Achtelfinals verhindert, so dass einige Klubs (wie RB Leipzig) das Finalturnier schon offiziell erreicht haben, andere wie der FC Bayern hingegen noch nicht. Für die Münchner steht vor der Reise nach Lissabon noch das Achtelfinal-Rückspiel gegen den FC Chelsea an, unter freundlichen Voraussetzungen allerdings: Die Bayern spielen in heimischer Arena und führen nach dem Hinspiel 3:0.

Fast alle Mitfavoriten befinden sich im gleichen Turnierzweig

Wie die Voraussetzungen sonst so sind, das weiß man eher nicht, es war also ganz praktisch, dass Karl-Heinz Rummenigge sein Gesicht diesmal nicht zur Mimiklesung zur Verfügung stellen musste.

Wie hätte er auch schauen sollen?

Am Weg des FC Bayern lässt sich erkennen, wie unfertig dieses Turnier noch ist. Das Los hat alle Unvollendeten aufs Unübersichtlichste zusammengeführt: Während die bereits qualifizierten Leipziger schon wissen, dass sie im Viertelfinale auf das bereits qualifizierte Atlético Madrid treffen und in einem möglichen Halbfinale auf den Sieger der bereits qualifizierten Teams aus Paris oder Bergamo, kann der FC Bayern seine Scouts quer durch Europa schicken. Im Viertelfinale wartet der Sieger aus dem Duell Neapel vs. Barcelona (Tendenz: Barcelona), in einem Halbfinale dürfen sich die Münchner auf Manchester City oder Real Madrid oder Olympique Lyon oder - kurzer Schwenk zur Topfpflanze - Juventus Turin vorbereiten. Tendenz: keine Ahnung.

Fest steht immerhin, dass der Weg des FC Bayern zum heimlich erhofften Triple kein leichter sein wird, nicht nur, weil sich die sogenannten Mitfavoriten allesamt im selben Turnierzweig befinden. Mit wenigen Ausnahmen werden die Klubs aus den anderen Ligen im August in tadellosem Wettkampfrhythmus ins Turnier starten können, sie werden ihre heimischen Ligen dann gerade erst beendet haben. Die Bayern dagegen, längst Meister und Pokalsieger, werden am 20. Juli nach kurzem Urlaub erst mal wieder ins Cybertraining einsteigen, erst danach gehen sie raus auf den Trainingsplatz, und vermutlich werden sie auch noch irgendeinen Testspielgegner hinter einer Topfpflanze hervorlocken. Das Rückspiel gegen Chelsea könnten sie dann zum Edel-Testspiel unter Wettkampfbedingungen umdefinieren.

So eine Auslosung gab es noch nie, ja, das stimmt, aber sie verlief immerhin korrekt. Die Loskugel mit der vermutlich stärksten Elf Europas ist keineswegs unter den Tisch gefallen - der FC Liverpool ist tatsächlich schon ausgeschieden.

© SZ vom 11.07.2020/schm
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