Champions League: AS Rom Stehaufmännchen aus Gomorrha

Marco Borriello ist ein geheimnisvoller Typ: Der beste Stürmer von Bayern-Gegner AS Rom hat bereits eine Dopingsperre abgesessen - und stammt aus einem Ort, der von der Mafia regiert wird.

Von Birgit Schönau

Sechs Tore für die Roma, das bisher letzte am Samstag beim 2:0 gegen Udine, und doch ist Marco Borriello nicht gemeint mit diesem Lob des Trainers: "Ein Diamant, der immer stärker glänzen wird." Der Diamant ist der Franzose Jeremy Menez, sein Konkurrent im Sturm des AS Rom. Er aber ist "il Bomber", der Torlieferant, er glänzt nicht, er trifft. Zuverlässig, allzeit bereit und instinktsicher. Kein Zauberer, aber auch kein Zauderer, ein Veteran schon mit 28 - nach einer Karriere mit mehr Tiefen als Höhen als Dauer-Leihgabe für die Klubs der italienischen Provinz.

"Il Bomber" vom AS Rom: Marco Borriello.

(Foto: AP)

Auch dem AS Rom ist Borriello nur ausgeliehen und siehe da, schon verdichten sich die Gerüchte über seine Rückkehr zum AC Mailand im Januar. Tabellenführer Milan fehlen die verletzten Stürmer Pato und Inzaghi, da käme der verlässliche Borriello gerade recht. Doch die Roma will ihn behalten, neben Menez, Vucinic und Totti braucht Trainer Claudio Ranieri einen, der sich vorne durchsetzt, der keine Stimmungsschwankungen zeigt und keine Formtiefs - ein Stehaufmännchen wie Borriello.

Von der Abstiegszone auf Platz fünf zu kommen, zuletzt in sieben Liga-Spielen ungeschlagen zu bleiben und noch eine Chance auf das Achtelfinale der Champions League zu haben, das ist auch sein Verdienst.

Die Ablösesumme beträgt zehn Millionen Euro, zahlbar zum Ende der Saison, der Stürmer hat einen Fünfjahresvertrag unterschrieben. In Rom will Borriello nach langen Wanderjahren zwischen Triest und Treviso, Empoli und Genua und nach einer Dopingsperre 2007 endlich Wurzeln schlagen. Sich niederlassen mit noch nicht 30, zur Ruhe kommen, spielen, nun auch gegen den FC Bayern. Womöglich mit mehr Selbstverständlichkeit, mit weniger Konkurrenzdruck.

Das ewige Sich-Durchsetzen-Müssen kennt er seit frühester Kindheit, es macht nicht stärker, nur mürbe. "Vergleiche einen Achtjährigen aus Neapel mit Kindern aus anderen Städten", hat er einmal gesagt: "Der Unterschied ist nicht zu übersehen. Neapel bringt dir bei, schon als kleiner Junge höllisch aufzupassen."

Borriello stammt aus San Giovanni a Teduccio, einem Vorort in der südöstlichen Peripherie am Meer Richtung Pompeji. Eine Gegend, die früher postkartenschön war und um die heute die Touristenbusse lieber einen großen Bogen fahren, zu viel Müll, zu viel Mafia, zu viel Misere. Eine Gegend, in der Feuerversicherungen ein Vermögen kosten, weil Brandanschläge gegen zahlungsunwillige Kaufleute ein Einschüchterungsmittel der lokalen Verbrecherorganisation Camorra sind.

Angeblich zahlen 80 Prozent der Gewerbetreibenden Schutzgeld, angeblich ist San Giovanni a Teduccio der Ort mit den meisten Mafia-Clans in Italien. Borriello sagt über das Viertel, in dem heute noch seine Mutter wohnt: "Es ist kein Dschungel aber auch kein Disneyland." Tatsächlich hat San Giovanni a Teduccio mit Dschungel wie mit Disney rein gar nichts zu tun, es ist eine trostlose Vorhölle aus unverputztem Beton und bröckelnden Fassaden und dass Borriello überhaupt über seine Herkunft sprach, hat ihn gleich in Teufels Küche gebracht.

In dem Interview, das er vor ein paar Monaten einem Hochglanzmagazin gab, attackierte der Spieler seinen berühmten Landsmann Roberto Saviano. Der 31-Jährige hat mit seinem Debütroman Gomorrha einen Welt-Bestseller geschrieben, seither wird Saviano so massiv von der Camorra bedroht, dass er untertauchen musste. Er lebt in Polizeikasernen, er hat seine Freiheit aufgeben müssen für ein Buch. "Für mich ist Saviano einer, der auf Kosten meiner Heimatstadt viel Geld gemacht hat", tönte Borriello über den Schriftsteller. "Saviano hat nur Negatives verbreitet. Dabei musste der kein Buch schreiben, damit wir wissen, was die Camorra ist." So reden viele daher in Savianos und Borriellos Heimat, wo das Schweigen über bestimmte Dinge nicht nur Gold ist sondern Gesetz. Das Gesetz des Antistaates.

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