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BVB nach dem Anschlag:Dortmunder Abend der falschen Hoffnungen

Die Mannschaft spielt am Tag nach dem Anschlag, weil sie spielen muss. Die Fans singen und spenden Trost. Über einen Fußballabend, der so vielleicht nicht hätte stattfinden dürfen.

Kurz nach dem Abpfiff machen sich die Dortmunder Profis auf den Weg zur Südtribüne, dem Epizentrum des größten Fußball-Stadions in Deutschland. Sie wollen sich bei den Fans bedanken, als ihnen Gesang entgegenschlägt: "Und wir werden immer Borussen sein, es gibt nie, nie, nie einen anderen Verein." Es klingt wie die Losung für einen Abend, der nach dem schlimmen Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB am Vorabend wenig mit Fußball und viel mit falschen Hoffnungen und Überforderungen zu tun hat.

Nichts ist so wie sonst. Wie hätte es das auch sein sollen, nachdem am Dienstagabend - dem eigentlichen Termin für das Viertelfinal-Spiel in der Champions-League gegen den AS Monaco - die Welt in der Fußballstadt Dortmund aus den Fugen geraten war. Drei Sprengsätze explodiert, zersplitterte Scheiben im Mannschaftsbus und die Verletzung von Marc Bartra. Das alles summierte sich zu einem Trauma, das einen nahtlosen Übergang in den Fußball-Alltag nicht möglich erscheinen lässt. Weder für die Spieler. Noch für die Fans.

Als sich die Fans am Mittwochabend auf den Weg ins Stadion machen, fehlt jede Leichtigkeit. Keine Gesänge oder Schlachtrufe, nichts von dieser irrationalen Zuversicht, nach der immer nur die eigene Mannschaft gewinnen kann.

In die Stadt und rund um das Stadion stehen viel mehr Polizisten als sonst, wenn es zu wichtigen Spielen kommt. Dutzende Mannschaftswagen, Blaulicht, Polizisten auf Motorrädern und Pferden. Sie tragen kugelsichere Westen, manche sind mit Maschinenpistolen bewaffnet.

Dienstag der Anschlag. Und am nächsten Tag schon wird das abgesetzte Spiel angepfiffen. Geht das nicht alles zu schnell? "Wir lassen uns die Faszination des Fußballs nicht kaputt machen von Kriminellen", hält Bundesinnenminister Thomas de Maizière später im Stadion dagegen.

Tuchel kam das Spiel zu früh

BVB-Trainer Thomas Tuchel hatte seinen Spielern dagegen freigestellt, zu spielen. Kurz vor Spielbeginn kritisert er den europäischen Fußballverband Uefa für seine Entscheidung, das Spiel schon an diesem Mittwoch stattfinden zu lassen. Er hätte sich und der Mannschaft gewünscht, mehr Zeit zu bekommen, alles zu verarbeiten. "Das hier fühlt sich nicht wie ein Champions-League-Feiertag an."

Tuchels Schweizer Keeper Roman Bürki sieht das auch so. "Man hat uns keinen Gefallen getan, dieses Spiel anzusetzen, nicht mal 24 Stunden nach einem Anschlag." Er hat nicht eine Stunde geschlafen in der Nacht, sagt er. "Das ist nicht die optimale Vorbereitung auf solch ein Spiel."

Manche hatten die Hoffnung, dass der Schock neue Kräfte freisetzt. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hatte am Mittwochvormittag die Mannschaft besucht. In der Kabine hat er an die Spieler "appelliert, der Gesellschaft zu zeigen, dass wir vor dem Terror nicht einknicken". Dies sei die vielleicht schwierigste Situation für den Verein in den vergangenen Jahrzehnten. Aber jetzt gelte es, einem Auftrag nachzukommen, der weit über die Grenzen der Stadt hinausreiche: "Wir spielen heute nicht nur für uns. Wir spielen für alle. Egal, ob Borusse, Bayer oder Schalker. Wir wollen zeigen, dass Terror und Hass unser Handeln niemals bestimmen dürfen."

Das war sicher gut gemeint. Aber vielleicht zu viel Anspruch für eine Mannschaft, in der manche noch keine 20 Jahre alt sind.

BVB-Präsident Reinhard Rauball sprach von einer "scheußlichen Sache, es ist ja eine neue Erfahrung, vor dem eigenen Wohnzimmer attackiert zu werden. Das hat hier in Dortmund alle mitgenommen." Rauball war sich vor dem Spiel noch sicher, dass die Fans zwar den ganzen Tag über die Lage diskutieren werden. "Aber abends beim Spiel werden sie der Mannschaft eine fantastische Kulisse bereiten. Das sagt mir mein Gefühl."

Der Präsident kennt seinen Verein offenbar. Die Choreografie auf den Rängen, die Stimmung vor Spielbeginn, alles stimmt. Aber da springt kein Funke auf die Mannschaft über. In der ersten Halbzeit scheint die Mannschaft neben sich zu stehen. Erst in der zweiten Hälfte läuft es besser. Als ob der BVB ein wenig der Last abschütteln konnte. Es reicht nicht. Dortmund verliert 2:3 (0:2). Vor 65 849 Zuschauern im ausverkauften Stadion.

"Heute hier zu spielen, hat viel Courage gefordert", sagt Trainer Thomas Tuchel nach dem Spiel. "Die haben wir gezeigt." Mittelfeldspieler Julian Weigl sagt: "Es war extrem schwierig für uns, aber es bestand ja keine andere Möglichkeit." Es klingt, als sei er froh, es hinter sich zu haben.

Tuchel ahnt wohl, dass es nicht so leicht wird, die Dinge hinter sich zu lassen: "Die Verarbeitung ist nicht damit getan, dass wir hier heute Abend ein Spiel absolviert haben", sagt er hinterher. Das Spiel sei Ablenkung gewesen, mehr nicht. "Dieser Anschlag steckt uns allen in den Knochen. Er galt ja unserem Leben."

© SZ.de/kler/ewid
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