Borussia Dortmund Dortmund hat gute Gründe, gelassen zu bleiben

Eine Krise oder nur eine Delle? Der BVB ist derzeit besser aufgestellt als noch beim Absturz unter Trainer Peter Bosz.

(Foto: REUTERS)

Die Rückschläge des BVB werden bereits als Krise interpretiert. Doch die Dortmunder sind besser aufgestellt als bei ihrem letzten Absturz - und für die Meisterschaft braucht es keine perfekte Saison.

Kommentar von Sebastian Fischer

Wer wissen wollte, welche Chance Borussia Dortmund in den vergangenen fünf Fußballspielen vergeben hat, der musste am Montagabend zur richtigen Zeit ins Gesicht von Lucien Favre schauen. Boris Schommers, der Nürnberger Interimstrainer, der dem Tabellenführer soeben mit einer beachtlich umgesetzten Verteidigungstaktik ein torloses Unentschieden abgetrotzt hatte, schwärmte in der Pressekonferenz vom BVB. Er nannte den Gegner "eine der aktuellen Top-Mannschaften in Europa". Neben ihm saß Favre. Und man kann zwar beim Schweizer niemals mit Gewissheit sagen, was er wohl gerade denkt. Doch in diesem Moment zog er bedeutungsschwer die Augenbrauen nach oben. Nein, der BVB wird in dieser Saison keine der Top-Mannschaften Europas mehr. Aber das muss noch lange nicht heißen, dass er deshalb nicht doch die Top-Mannschaft in Deutschland bleibt.

In den vergangenen Monaten sah es immer mal wieder so aus, als würde der BVB eine nahezu perfekte Saison spielen. Die Mannschaft bot souveräne bis begeisternde Leistungen in allen drei Wettbewerben, Pokal, Meisterschaft und Champions League, schlug Atlético Madrid und den FC Bayern. Aber eine perfekte Saison, dieses im US-Sport geprägte Ideal des Alles-Gewinnens, kann ein Klub mit der jüngeren Vergangenheit des BVB eigentlich unmöglich spielen. Zur Erinnerung: Erst im Sommer hat Dortmund den Kader umgekrempelt, in allen Mannschaftsteilen neue Stammspieler integriert, erst im Sommer hat Lucien Favre begonnen, seine Taktik zu vermitteln.

Es kommt zur Einordnung der Situation, die manche nun schon Krise nennen, eigentlich ganz gelegen, dass Dortmund am kommenden Sonntag auf seine jüngere Vergangenheit trifft. Leverkusen ist zu Gast im Westfalenstadion, und damit auch Trainer Peter Bosz, den Dortmund im Dezember 2017 beurlaubte. Auch damals war der BVB zunächst spektakulär erfolgreich. Dann stürzte er in der Tabelle abrupt und spektakulär ab. Dem Kader fehlten Variabilität und defensive Stabilität, Bosz fehlte der Plan B. Nun hat Dortmund fünf Spiele in Serie nicht gewonnen, wie zuletzt unter Bosz. Es war wieder eine rätselhafte Partie dabei wie im vergangenen Jahr das 4:4 nach 4:0 gegen Schalke, ein 3:3 nach 3:0 gegen Hoffenheim. Und das 0:3 in der Champions League gegen Tottenham hat jugendliche Naivität und Formschwächen auf so mancher Position offenbart. Wenn dies nun keine sogenannte Krise ist, wie die Dortmunder betonen, wäre das Spiel gegen Leverkusen eine gute Gelegenheit zum Gegenbeweis.

Die Mannschaft für die großen Drucksituationen, für Entscheidungsspiele, ist der BVB in diesem Jahr wohl noch nicht. Aber die fußballerische Klasse allein kann ausreichen, um in zwölf verbleibenden Ligaspielen den Vorsprung vor dem FC Bayern trotzdem nicht zu verspielen. Dafür spricht einmal die Fehlbarkeit der Münchner. Dafür spricht auch, dass der tatsächlich deutlich vermisste Marco Reus mit einem Muskelfaserriss nicht langfristig ausfällt. Die defensive Stabilität war gegen Nürnberg nicht wirklich gefordert, dürfte aber mit der Genesung von Innenverteidiger Manuel Akanji zurückkehren. Und die Spielidee von Trainer Favre steht auch nicht zur Debatte.

In der letzten Meistersaison 2012 ist der BVB übrigens schon in der Gruppenphase aus der Champions League ausgeschieden und spielte 0:0 beim Aufsteiger Augsburg. Danach verlor Dortmund kein Spiel mehr.

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