BVB gegen Nürnberg Aus neun Punkten Vorsprung werden drei

Was ist mit dem BVB los? Mario Götze beim 0:0 in Nürnberg.

(Foto: AFP)
Von Sebastian Fischer, Nürnberg

Jadon Sancho reichte es jetzt, also wehrte er sich. Sancho ist eine der Attraktionen der Saison in der Fußball-Bundesliga, er hat für Borussia Dortmund sieben Tore geschossen, elf vorbereitet, ist an Gegenspielern vorbeigedribbelt, die vollkommen hilflos waren, und immer sah es nach Leichtigkeit und Spaß aus. Aber nun, am Montagabend in Nürnberg, schien der junge Brite nicht zu verstehen und vor allem nicht akzeptieren zu wollen, was hier vor sich ging. Zum zweiten Mal wollte er einen Eckball ausführen. Und zum zweiten Mal bewarfen ihn die Nürnberger Fans, die gegen die Anstoßzeit am Montagabend protestierten, mit schwarzen Tennisbällen. Wütend schmiss er einen Ball in die Kurve zurück.

Jadon Sancho wird im März erst 19, aber am Montagabend, beim Dortmunder 0:0 gegen den Tabellenletzten Nürnberg, ist er bereits ein bisschen gealtert. Jedenfalls ist er um eine Erfahrung reicher geworden. Er weiß jetzt wie das ist, im kühlen deutschen Februar die Bürde des Favoriten zu spüren, gegen eine stur verteidigende Mannschaft seine Klasse beweisen zu müssen - aber die Erwartungen zumindest vorerst einmal nicht erfüllen zu können. Dortmund ist zwar immer noch Tabellenführer, aber der Vorsprung auf den FC Bayern, der mal neun Punkte groß war, beträgt nur noch drei. Und der BVB hat inzwischen seit fünf Spielen nicht mehr gewonnen. "Es ist im Moment schwierig", sagte Torhüter Roman Bürki im TV-Interview: "Die Durchschlagskraft fehlt und der Körper: Wir sind oft unterlegen."

In Phasen, in denen Siege fehlen, ist im deutschen Fußball schnell von einer sogenannten Krise die Rede, das entsprechende Schlagwort wird den Protagonisten vor Kameras und Mikrofonen zu entlocken versucht. "Ich bitte um eine realistische Einschätzung der Situation", sagte dazu Sebastian Kehl, der frühere Dortmunder Profi, der seit dieser Saison für die Leitung der Lizenzspielerabteilung verantwortlich ist: "Wir haben eine sehr junge Mannschaft, wir haben einen extrem positiven Lauf gehabt. Und dass es in einer Saison auch mal Phasen geben wird, in denen es mal nicht so rund läuft, in denen es auch mal einen kleinen Knacks gibt, davon können wir uns nicht freimachen, davon ist auch niemand ausgegangen." Die Frage ist nur, wie groß dieser Knacks noch werden kann.

Bereits die 15. Besetzung einer Viererkette in dieser Saison

Vor dem Spiel war vor allem über die plötzlich anfällige Dortmunder Defensive gesprochen worden. Beim Ausscheiden aus dem DFB-Pokal, beim 3:3 gegen Hoffenheim und beim 0:3 bei Tottenham Hotspur, das wohl das Ende der Champions-League-Saison im Achtelfinale bedeuten wird, kassierte der BVB jeweils drei Gegentreffer. In Nürnberg stellte Trainer Lucien Favre bereits die 15. Besetzung einer Viererkette in der Abwehr auf. Den immer noch verletzten Manuel Akanji vertrat in der Mitte diesmal Julian Weigl, den zuletzt formschwachen, davor überragenden Rechtsverteidiger Achraf Hakimi der im Sommer eigentlich als Rechtsaußen aus Frankfurt verpflichtete Marius Wolf. Die Abwehr zumindest funktionierte. Zwei Kopfballchancen durch Nürnbergs Hanno Behrens ausgenommen, wurde es nie gefährlich im Dortmunder Strafraum. Doch das lag auch an der diszipliniert defensiven Spielweise der Nürnberger, deren Interimstrainer Boris Schommers angekündigt hatte, mehr gegen als mit dem Ball zu verteidigen.

Nein, es ging am Montag um die in der Hinrunde so aufregende Offensive, die nun seit drei Spielen ohne ihren aufregendsten Spieler antritt, den mit einem Muskelfaserriss verletzten Marco Reus. Dortmund griff in der ersten Halbzeit geduldig an, versuchte mit kurzen Pässen hinter die Nürnberger Abwehr zu gelangen, Mario Götze vergab in der ersten Halbzeit drei gute Chancen. In der zweiten Halbzeit versuchte es der BVB häufiger mit Flanken, der eingewechselte Paco Alcácer schoss kurz vor Schluss einmal daneben, doch es fehlten die wirklich zielgerichteten Kombinationen. Favre sprach in der Pressekonferenz von "vielen positiven Sachen", erwähnte lobend Dominanz (17:7 Torschüsse) und Ballbesitz (72 Prozent). Auf die Frage, ob er sich sorge, lachte er und fragte: "Warum?"

Doch der Schweizer, dessen Ausführungen nach Spielen seine Zuhörer ja schon mal verwirren können, äußerte auch einen klaren Kritikpunkt: Seine Offensivspieler müssten in solchen Spielen "mehr mit dem Ball gehen, nicht nur mit Pässen", er habe sich "mehr Spontanität" im letzten Drittel gewünscht, mehr Kreativität, etwas also, wofür sich bislang insbesondere Reus verantwortlich fühlte. Ob der Kapitän gegen Leverkusen am Sonntag zurückkehrt, ist noch offen. "Ich denke, das wird auf jeden Fall eine knappe Geschichte werden", sagte Kehl.

Der zweite große Kreative im BVB-Angriff ist Sancho. Und er versuchte, dies auch in Nürnberg zu beweisen. Nach einem Foul von Lukas Mühl hätte er einen Elfmeter bekommen können, einmal tunnelte er seinen Gegenspieler, dass gar die ansonsten im Protest schweigenden Zuschauer raunten, er dribbelte auch in alle Himmelsrichtungen, gewann die meisten seiner Zweikämpfe, nur aufs Tor schoss er nicht. Doch es ist davon auszugehen, dass er das demnächst wieder tun wird. Ihm sind ja nun nicht jede Woche Dutzende Tennisbälle und elf Nürnberger im Weg.

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