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Termin-Debatte:Der Fußball verwandelt sich in eine politische Arena

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Kreative Idee: In Gladbachs Stadion soll die Tribüne mit Pappfiguren bevölkert werden, wenn der Ligabetrieb wieder aufgenommen wird.

(Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty)

Wird die Liga am 9. Mai wieder angepfiffen? Zeitpunkt und Art des Vorstoßes sorgen für Irritationen selbst in der DFL-Zentrale - und das Innenministerium spricht sich gegen einen konkreten Termin aus.

Von Javier Caceres und Philipp Selldorf, Frankfurt

Im Prinzip hat die Woche für den deutschen Profifußball perfekt begonnen. Am Montag empfing er die Signale, auf die er seit Wochen sehnsüchtig wartet: Die Ministerpräsidenten Markus Söder (Bayern) und Armin Laschet (Nordrhein-Westfalen) stellten im Zuge eines Verkündungsakts in Aussicht, die unterbrochene Bundesliga-Saison am 9. Mai wieder eröffnen zu dürfen. Zwar warnten beide vor den Risiken und Gefahren, und Söder hob hervor, dass im Fall der Corona-Infektion bei einem Spieler der Spielbetrieb gleich "wieder zum Erliegen kommen" werde; doch auch unter den gegebenen Vorbehalten stellte die Mitteilung der Spitzenpolitiker eine frohe Botschaft für die 36 Profiklubs der ersten und zweiten Bundesliga dar. Viele Vereine sind auf die Einnahmen, die aus der Austragung der restlichen Saisonspiele hervorgehen, zwingend angewiesen.

Die Reaktionen aus den führenden Häusern des deutschen Fußballs kamen prompt: Während der FC-Bayern-Vorsitzende Karl-Heinz Rummenigge seine Dankbarkeit an Söder und Laschet ausdrückte und Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke den "großen Vertrauensvorschuss der Politik" würdigte, hob DFL-Chef Christian Seifert in ebenso tiefer Verbundenheit "die wichtige Perspektive für beide Ligen" hervor.

So weit, so gut aus Sicht des Profisports, könnte man meinen. Dennoch herrschten am nächsten Tag in der Fußballgesellschaft höchst zwiespältige Gefühle und Ansichten, und selbst in der DFL-Zentrale sah man die Tücken des publikumswirksamen Manövers, das offenkundig in den Staatskanzleien in München und Düsseldorf entworfen worden war. Bedenken bereitet sowohl die Botschaft selbst als auch der Weg ihrer Verbreitung.

Die Mediziner plädieren dafür, den Spielern anheimzustellen, ob sie das Risiko eingehen wollen

Einerseits sind sich die Beteiligten in Verband und Ligen nicht sicher, ob es das richtige Signal an eine nach wie vor vorwiegend eingesperrte Gesellschaft ist, die forsche Wiedereröffnung des Spielbetriebs in nicht mal drei Wochen zu versprechen; so teilte die DFL dann auch offiziell mit, dass sie sich bei ihrer Generalversammlung am Donnerstag nicht auf ein konkretes Datum festlegen werde.

Andererseits wird heftig Anstoß daran genommen, dass die Bekanntmachung unter Zutun von Söder und Laschet, Rummenigge, Watzke und Seifert quasi weltexklusiv in "Bild-TV" erfolgte. Wie sieht das aus, wenn die Nachricht, die nicht nur den Profifußball, sondern das ganze Land betrifft, zum PR-Coup für das neue TV-Programm des Springer-Verlags umgewidmet wird? Mancher dachte spontan an einen alten Gerhard-Schröder-Ausspruch: Zum erfolgreichen Regierungshandeln brauche er nicht mehr als "Bild, Bams und Glotze", hatte der Ex-Kanzler einst erklärt.

Dass sich nun die geballte Polit- und Fußball-Prominenz unterm "Bild"-Logo versammelte, und dass dies eher nicht nach einer erst am Montag geplanten Aktion ausgesehen hat, erzeugt zumindest bei der DFL schlechtes Gewissen. Zumal Seifert und andere DFL-Leute die Klubkollegen jüngst ermahnt hatten, sich mit Wortmeldungen zurückzuhalten. Und nun eilen die Spitzenvertreter voraus?

Schon hat sich der Schauplatz Fußball in eine politische Arena verwandelt, und dort ist er zum Spielball geworden: Anders als Söder und Laschet ist das Bundesinnenministerium dagegen, schon jetzt einen Termin für die Liga zu nennen. Das geht aus einem Schreiben des parlamentarischen Staatssekretärs Stephan Mayer (CSU) an die Vorsitzende der Sportministerkonferenz, die Bremer Senatorin Anja Stahmann (Grüne), hervor. Vor der Entscheidung seien "die weiteren Entwicklungen der Pandemie in Deutschland und die noch nicht bekannten Konzepte" von DFB/DFL abzuwarten.

Doch in dieser Hinsicht ist der Fußball tatsächlich konkrete Schritte vorangekommen. Grundlage der neuen Zuversicht ist das Sicherheitskonzept der "Task Force Sportmedizin/Sonderspielbetrieb im Profifußball" von DFL und DFB, das der SZ vorliegt. Das knapp 50-seitige Konzept setze dort an, wo die zentralen Fragen geklärt werden müssten, sagte Seifert, es schaffe "die medizinisch-hygienischen Voraussetzungen" vom Gruppen- und Mannschaftstraining bis zum Wettkampf.

Auf diesem Konzept beruht offenbar die wohlwollende Beurteilung des Neustarts durch Söder, Laschet und Gesundheitsminister Jens Spahn. Beteiligt daran war unter anderen Tim Meyer, der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des DFB.

In dem Konzept heißt es, Ziel könne nicht sein, "hundertprozentige Sicherheit für alle Beteiligten zu garantieren". Denn das dürfte sich "als unmöglich erweisen". Es gehe darum, "ein medizinisch vertretbares Risiko" zu gewährleisten. Die Mediziner plädieren daher dafür, Spielern und Trainern anheimzustellen, ob sie das Risiko eingehen wollten: "Die Task Force befürwortet eine Freiwilligkeit der Trainings- und Spielteilnahme nach entsprechender Aufklärung durch den Mannschaftsarzt."

Angesichts der sportmedizinischen Untersuchungen, denen sich Fußballprofis zu Beginn jeder Saison unterziehen müssen, werden die gesundheitlichen Gefahren aber als überschaubar angesehen. Die Spieler seien jung und gesund, sie zählten nicht zu den klassischen Risikogruppen, für die eine Corona-Erkrankung sogar lebensgefährlich werden kann. Ein entscheidender Punkt: Sollte es doch zu Infektionen kommen, sehen die Mediziner einen "Verzicht auf Gruppenquarantäne" als vertretbar an. Wird also ein Spieler positiv getestet, müsste eine Mannschaft nicht zwingend aus dem Verkehr gezogen werden.

Im Sicherheitskonzept der DFL finden sich konkrete Ablaufpläne für die Spieltage. So dürfen rund um ein Fußballspiel maximal 300 Personen zugegen sein - in drei streng voneinander getrennten Zonen (Innenraum, Tribüne, Stadionaußengelände), und auch nur in bestimmten Zeiträumen. Außerdem werden detaillierte Hygienevorgaben gemacht, sie reichen von einem Minimum an Desinfektionsmittelspendern, die in den Kabinen vorhanden sein müssen, bis zur Anweisung, Einmal-Handtücher zur Verfügung zu stellen. Im Vorfeld von Spielen seien "angesichts momentan geschlossener Hotels Vereinbarungen für eine hinreichend frühe Öffnung für die Mannschaften sowie ausreichende Hygienemaßnahmen in den Hotelräumen zu treffen". Das gelte auch für die zur Anreise genutzten Verkehrsmittel.

Zudem werden Verhaltensregeln für den Aufenthalt in Hotels aufgestellt: "Türgriffe nicht mit der Hand (alternativ: Ellenbogen) berühren." Die gemeinsame Daddelei an den Konsolen, unter Profis beliebter Zeitvertreib, wird ebenfalls reglementiert. Bei der Verwendung von Handys, Tablets oder Play Station müsse man Vorsicht walten lassen.

Sollte es doch zu Ansteckungen kommen, müssten diese zwingend an die Gesundheitsbehörden gemeldet werden und "eine sofortige Isolation der betreffenden Person sowie eine gründliche Kontaktanamnese" nach sich ziehen, "um gezielt weitere Testungen und ggf. andere Maßnahmen in die Wege leiten zu können". Für die "häusliche private Hygiene" gibt es ebenfalls Vorgaben.

Auch bei der Sportministerkonferenz am Montag war die Wiederaufnahme der Liga in Aussicht gestellt worden, unter anderem, weil eine Sorge inzwischen als ausgeräumt gilt: Die Klubs wollen verhindern, dass sich Fans - so wie beim Geisterspiel zwischen Mönchengladbach und Köln - vor den Stadiontoren versammeln. Der Senat der Stadt Berlin zählt zu jenen Behörden, die Geisterspiele für möglich erachten. Bei Einhaltung der Auflagen werde man Hertha BSC und dem 1. FC Union eine Ausnahmegenehmigung erteilen.

© SZ vom 22.04.2020
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