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0:3 im Weserstadion:Werders Problem ist Bremen

SV Werder Bremen v Eintracht Frankfurt - Bundesliga

Im Weserstadion gelten für Ludwig Augustinsson und die Bremer weiterhin die Vor-Corona-Verhältnisse.

(Foto: Getty Images)

Die Elf von Trainer Kohfeldt offenbart gegen Frankfurt alte Schwächen. Im eigenen Stadion klappt so wenig, dass Tasmania Berlin als Vergleichsgröße taugt.

Von Ralf Wiegand, Bremen

Den Befehl hatte er nicht dazu bekommen, aber Stefan Ilsanker hat es trotzdem getan. "Ich habe ihm nicht den Auftrag gegeben, zwei Tore zu machen", sagte Adi Hütter, Trainer von Eintracht Frankfurt, nachdem der von ihm eingewechselte Stefan Ilsanker zwei Treffer erzielt hatte, die das Spiel bei Werder Bremen zugunsten seiner Mannschaft entschieden hatten. Genommen hat er sie natürlich trotzdem gerne: Es waren die ersten beiden Tore des österreichischen Verteidigers in dieser Saison, zusammen mit den acht Treffern seines Landsmannes Martin Hinteregger haben allein diese beiden Frankfurter Abwehrspieler mehr Tore erzielt als die gesamte Bremer Mannschaft in all ihren Heimspielen dieser Saison. Neun Treffer, zehn Niederlagen, 14 Heimspiele, nur ein Sieg: Das Problem von Werder ist Bremen.

Es ist ein sicheres Zeichen für historische schlechte Werte, wenn als Vergleich Tasmania Berlin herangezogen werden kann, jenes Tasmania Berlin, das in der Saison 1965/66 der Bundesliga angehörte und sie nach einem Jahr wieder verließ. Immerhin verschwand der Klub in der Gewissheit, für lange Zeit einen Platz in der Geschichte zu behalten als erfolgloseste Mannschaft, die bis heute in dieser Liga gespielt hat. Aber sogar Tasmania Berlin gewann damals zwei Spiele zu Hause, auch wenn es die beiden einzigen Siege überhaupt waren. "Wenn ich wüsste, woran es liegt, gäbe es diese Serie nicht", sagte Werders Trainer Florian Kohfeldt nach dem 0:3 im Nachholspiel gegen Eintracht Frankfurt, dem zwölften Heimspiel nacheinander ohne Sieg.

Die Bremer Torlosigkeit bleibt auch nach der Corona-Pause frappierend, gerade drei Treffer gelangen in fünf Spielen, nur einer davon bei den drei Auftritten im verwaisten Weserstadion - beim 1:4 gegen Leverkusen. Dass es dennoch immerhin zu sieben Punkten reichte, liegt daran, dass es die Bremer mit dem größtmöglichen Aufwand geschafft haben, sieben Halbzeiten hintereinander kein Gegentor zu kassieren. Laufleistung, Aggressivität, Zweikampf, Konzentration, Pressing, all das stimmte auch vor der Pause gegen Frankfurt. Doch irgendwann lässt jeder Boxer, der vor allem den entscheidenden Schlag verhindern will, weil er seinem linken Haken nicht vertrauen kann, für einen Moment die Deckung unten. "In der ersten Halbzeit waren wir bei 100 Prozent Aufmerksamkeit, in der zweiten nur noch bei 99", erklärte Kohfeldt, warum nach einer Stunde Spielzeit die alten Schwächen wieder sichtbar wurden: falsches Stellungsspiel bei Standards und daraus resultierende Kopfball-Gegentore. Silva und eben Ilsanker profitierten davon.

Ohne Zuschauer fehlt das Unvorhersehbare

Dass nun gerade Eintracht Frankfurt, bis vor fünf Tagen noch schwächste Auswärtself der Liga, zweimal hintereinander auf Reisen gewonnen hat, untermauert den Trend, dass sich jeglicher Heimvorteil in Luft aufgelöst hat. Es sind jetzt "Spiele auf neutralem Boden", sagte Adi Hütter, der ahnte, dass es "mit dem Bremer Publikum für uns in der ersten Halbzeit wahrscheinlich unangenehmer geworden wäre". Die Bremer gaben sich zwar alle Mühe, mit dem vorhandenen Personal auf den ansonsten menschenleeren Tribünen so viel Rabatz wie möglich zu machen, Ersatzspieler schlugen auf die Werbebande wie auf Pauken, und Torwarttrainer Christian Vander provozierte die Frankfurter Bank sogar so lange, bis Hütter ihm, schwer angefressen, "Respektlosigkeit" attestierte. Aber die Animation durch ein rasendes Volk von 41 000 Menschen kann das nicht ersetzen. Die anschwellende Lautstärke eines kundigen Publikums, das einen Spieler vielleicht doch mal zum riskanten Torschuss verleitet anstatt zum nächsten fruchtlosen Querpass, fehlt. Und in die Stille nach den Gegentoren hören die Spieler die Tauben auf dem Dach gurren.

Ein leeres Stadion in Bremen ist nicht anders als ein leeres Stadion in Frankfurt, Wolfsburg oder Berlin. Lebloser Beton. Es trifft zwar zu, dass für alle Klubs die gleichen Bedingungen herrschen und nun die sportliche Qualität allein entscheidet, aber so funktioniert Fußball auf diesem Niveau ja nicht. Erst mit Zuschauern wird aus einem kleinen Stadion ein enges, erst mit Zuschauern wird aus einem geschlossenen Stadion ein lautes, erst mit Zuschauern wird aus einem Standort überhaupt irgendetwas Besonderes. Solch weiche Faktoren bringen wenigstens eine Spur Unberechenbarkeit in den Wettkampf. Nur so erklären sich auch die Gedankenspiele saarländischer Politiker, schon zum Pokalspiel des 1. FC Saarbrücken gegen Bayer Leverkusen ein paar ausgewählte Saarländer im Stadion zuzulassen: Welche Pokalsensation der Vergangenheit wäre vorstellbar gewesen, ohne dass die Fans des Außenseiters ihre Mannschaft über die Grenzen des Machbaren getragen hätten?

Der Sperrbetrieb Bundesliga mit seinen Privatspielen ist definitiv ein anderer Wettbewerb als vor Corona: Von 37 Spielen seit dem Re-Start haben gerade acht Mal die Heimmannschaften gewonnen. "Das ist mir auch aufgefallen", sagte Adi Hütter. "Ich würde Luftsprünge machen, wenn wieder Zuschauer kommen dürften", sagte Florian Kohfeldt. Das wird in dieser Saison aber nichts mehr werden, die Bremer müssen um den Klassenerhalt mit ihren beschränkten Mitteln kämpfen - und am besten ausblenden, dass von den letzten fünf Spielen drei in Bremen stattfinden.

© SZ.de/tbr
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