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Bundesliga:Warum Dortmund die Überraschung der Saison ist

Borussia Dortmund v Eintracht Frankfurt - Bundesliga

Piszczek (links) und Aubameyang freuen sich über den Erfolg gegen Frankfurt

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Ein Philosophie-Wechsel auf dem Trainerposten, befreit aufspielende Fußballer und ein Torjäger, der viel gelernt hat: So hat sich der Tabellenzweite Borussia Dortmund von allen Verfolgern abgesetzt.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Der möglicherweise größte Weihnachts-Chor weltweit sang "Jingle Bells", die Spieler hüpften im Takt dazu vor der Südtribüne und die kleine Dortmunder Welt war in Ordnung. Borussias Fans und erst recht die Spieler haben nicht vergessen, wie trist es im Winter vor einem Jahr aussah: An Weihnachten 2014 hatte der BVB 15 Punkte, vom Tabellenende nur durch die bessere Tordifferenz getrennt. Jetzt, nach 16 Spieltagen und dem 4:1 gegen eine überfordert wirkende Frankfurter Eintracht, hat die personell fast identische Mannschaft 38 Punkte - und ist den Konkurrenten schon viel weiter enteilt als die Bayern dem Tabellenzweiten BVB.

Thomas Tuchel spricht nach allen Spielen über Fleiß, harte Arbeit, Beharrlichkeit, Demut, diesmal auch über den Mix aus Verbissenheit und Lockerheit. Die Analysen des Trainers stimmen meist, aber es ist ein bisschen wie in der Kirche, wo man auch nicht jedes moralische Wort des Pastors speichern muss, sondern im besten Fall von der Gesamtstimmung angetan ist. So ähnlich ist es wohl auch mit der Zeitenwende beim BVB: Es scheint nicht so zu sein, als könne man sie so richtig erklären.

Nationalspieler İlkay Gündoğan brachte das eigene Selbstbewusstsein am Sonntagabend so auf den Punkt: "Ich war ein bisschen enttäuscht, dass es uns am Ende nicht mehr gelungen ist, auf weitere Torabschlüsse zu spielen. Das ist eigentlich sonst eine Stärke von uns." Sollte heißen: Wir hätten den Frankfurtern, die in der zweiten Halbzeit wegen einer gelb-roten Karte gegen Slobodan Medojević dezimiert waren, noch mehr Treffer einschenken müssen. Aber so deutlich sagt man das in Dortmund unter Tuchel nicht, weil es hochmütig klänge und nicht in den Moral-Kanon von Ernsthaftigkeit und Respekt passt.

Während alle Welt den Herbstmeister FC Bayern feiert, ist die Art und Weise, wie sich Dortmund vom Rest der Liga abgesetzt hat, vielleicht die wahre Saison-Überraschung: Die Borussia liegt mit fünf Punkten Rückstand noch in Sichtweite zu den übermächtigen Münchnern, hat aber ihrerseits den erstaunlichen Dritten Hertha BSC schon neun Punkte abgehängt - und bis zu den wohl ernsthafteren Konkurrenten Wolfsburg, Gladbach, Leverkusen und Schalke sind es sogar zwölf oder 13 Punkte. Aus der oft apostrophierten Zwei-Klassen-Gesellschaft der Liga ist offenbar eine Drei-Klassen-Gesellschaft geworden.

Marco Reus ist erneut verletzt, Mats Hummel feiert sein Tor

BVB-Manager Michael Zorc weist gerne darauf hin, dass Dortmund in fast allen großen Ligen Europas Tabellenführer wäre. Man darf also auch für einen überragenden zweiten Platz dankbar Weihnachtslieder singen. Im Moment scheinen sich die Borussen tatsächlich selbst zu genügen, die Fixierung auf die ihnen oft angedichtete Jäger-Rolle findet offenbar nicht statt.

Dabei ist bisher nicht mal alles glatt gelaufen. Marco Reus musste gegen Frankfurt mit einer neuerlichen Adduktoren-Verletzung vom Platz. Sein Einsatz im Pokalspiel beim FC Augsburg (Mittwoch) und im letzten Bundesliga-Spiel 2015 in Köln ist unwahrscheinlich - für Reus ist es die fünfte Verletzungspause des Jahres. Mats Hummels dagegen ballerte sich mit seinem Tor zum 3:1 den Frust der vergangenen Wochen von der Seele: "Es hatte schon mein Selbstvertrauen angeknackst", gestand der Kapitän nach durchwachsener Hinrunde mit ungewohnt vielen Fehlern.

Tore schießen kommt zuerst!

Trotz dieser Probleme seiner beiden prominentesten Spieler hat Tuchel in seinen ersten sechs Monaten eine Wende hinbekommen, wie man sie selten in der Liga erlebt hat. Während sein verdienstreicher Vorgänger Jürgen Klopp bis zuletzt seine Parole durchsetzte, dass "Gegenpressing der beste Spielmacher" sei, hat Tuchel offenbar eine Bestandsanalyse im Kader vorgenommen.

Nach der Hinrunde muss man konstatieren, dass der in Dortmund weiterhin heiß geliebte Klopp die Talente seiner vielen Spielmacher-Typen möglicherweise mit der Überbetonung des Pressing-Credos ein wenig vergeudet hat. Bei Tuchel heißt die Parole: Den Ball besitzen möglichst wir, weil wir damit besser umgehen können als die meisten Gegner. Diese Hinwendung zur Risikobereitschaft auf allen Positionen, auf denen strenges Verteidigen keine Pflicht ist, hat Typen wie Mkhitaryan, Kagawa, Gündoğan, Reus oder Aubameyang sichtlich befreit. Das gilt paradoxerweise auch für Hummels, der zwar mit sich nicht immer zufrieden war, aber besser dasteht als im vorigen Jahr.

In Taktik-Debatten gilt seit langem als bester Indikator für die Klasse einer Mannschaft die Zahl der Torchancen, die sie kreiert. Das widerspricht der alten Weisheit, dass eine gute Offensive Spiel gewinne, aber eine gute Defensive Meisterschaften. Tuchel hat Dortmund mit einer wichtigen Devise ausgestattet: Tore schießen kommt zuerst! Seine Mannschaft hat bisher sogar ein Tor mehr als der FC Bayern erzielt - dafür in der Defensive mehr Tore kassiert als Köln oder Ingolstadt. In Pierre-Emerick Aubameyang, der unter Klopp viel gelernt hat, aber erst bei der liberaleren Spielweise unter Tuchel durchgestartet ist, stellt der BVB kaum überraschend den besten Torjäger (18 Treffer) und Scorer (22 Punkte).

Selbst Hardcore-Fans von Klopp räumen inzwischen ein, dass der Philosophie-Wechsel auf dem Trainerposten spät, aber nicht zu spät kam. Für Tuchel ist das Ganze auch ein Experiment gewesen: In Mainz war er eher auf einen Stil angewiesen, der der Pressing-Maschine Klopp'scher Art ähnelte. In Dortmund hat er die Möglichkeiten eines Luxus-Kaders schnell adaptiert und in einen neuen Stil verwandelt. Der ähnelt den Bayern mehr als der eigenen BVB-Vergangenheit.

© SZ vom 15.12.2015
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