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SC Paderborn:Profifußballer auf Umwegen

Hertha BSC - SC Paderborn 07

Schussgewaltiger Arbeiter: Sven Michel.

(Foto: Tom Weller/dpa)
  • Sven Michel wäre vor drei Jahren fast in den Amateurfußball abgestiegen, jetzt spielt er gegen den FC Bayern München.
  • Wahrscheinlich niemand sonst steht derart für den Paderborner Offensivfußball wie dieser Stürmer.
  • Bislang sprechen die Ergebnisse nicht für den Aufsteiger, aber vielleicht wendet sich das Blatt ja ausgerechnet gegen den Rekordmeister.

Von Sebastian Fischer

Sven Michel war in diesem Sommer angeln, mit seinem Vater auf Fehmarn, und es war ein besonderer Urlaub, sagt er. Denn es war sein Vater, mit dem er zu Beginn des Jahrzehnts eine wichtige Abmachung getroffen hatte: Zwei Jahre lang durfte der Sohn damals versuchen, ein Profifußballer zu werden. Auf Fehmarn wussten beide endgültig, dass es sich gelohnt hat. Michel ist ja nun, mit 29, tatsächlich Bundesligaspieler.

An diesem Samstag um 15.30 Uhr empfängt Aufsteiger SC Paderborn den FC Bayern, der Meister ist beim größten Außenseiter und aktuellen Tabellenletzten der Liga zu Gast. Mit 0:6 hat Paderborn zuletzt im Februar 2018 im DFB-Pokal gegen die Münchner verloren, damals noch als Drittligist, aber trotzdem mit einigen Spielern in der Startelf, die immer noch zu den wichtigsten zählen: Kapitän Christian Strohdiek zum Beispiel, Mittelfeldspieler Christopher Antwi-Adjei, der 2016 noch Fünfligakicker war, oder Stürmer Michel. Vielleicht niemand sonst steht derart für den Paderborner Fußball wie er.

Michel unterbricht seine Ausbildung für den Fußball

"Wir spielen unser Spiel", hat Trainer Steffen Baumgart vor dem sechsten Spieltag gesagt, trotz vier Niederlagen in fünf Spielen und einem Torverhältnis von 6:14 bedeutet das: "Vollgas nach vorne." Über Michel sagte er vor ein paar Monaten der Westfalenpost: "Sveni ist manchmal so ein bisschen wie ein Panzerfahrer - mit dem Kopf gerade durch." Was er damit meinte, war Michels beinahe störrische Spielweise, sein stetiger, gradliniger Zug zum Tor, sein harter Schuss mit links. Beharrlichkeit ist eine Art Leitmotiv einer Laufbahn, über die Michel selbst sagt, sie sei "nicht ganz so wie bei vielen anderen verlaufen". Das ist eine höfliche Untertreibung.

Michel, aufgewachsen im Siegerland, spielte nur ein Jahr seiner Jugend für den Nachwuchs eines Profiklubs, für die C-Jugend von Borussia Dortmund. Weil ihm beim Lernen auf den langen Busfahrten immer schlecht wurde, erzählt er, sagten seine Eltern, das habe keinen Sinn. Er spielte dann den Rest seiner Juniorenzeit für einen kleinen Verein in Siegen, wechselte mit 19 zum Reserveteam der Sportfreunde, dem früheren Zweitligisten und größten Klub der Stadt. Mit 21 gehörte er zum Kader der ersten Mannschaft in der fünften Liga. Sein damaliger Trainer Michael Boris erinnert sich, wie Michel einmal in der Halbzeit klagte, es sei so laut im Stadion; Siegen spielte vor rund 4000 Zuschauern beim KFC Uerdingen.

Doch Boris fiel auch Michels Abschlussstärke auf, seine Wissbegierigkeit, um große taktische Defizite auszugleichen und sein Wille, es im Fußball nach oben zu schaffen. Es war die Zeit, in der er seine Ausbildung als Elektroniker unterbrach. In der viertklassigen Regionalliga schoss er 2012 in einer Hinrunde als linker Flügelspieler 14 Tore - und unterschrieb einen Vertrag bei Borussia Mönchengladbach.

Allerdings spielte Michel dann auch in Gladbach nur in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga, "das war nicht so mein Ziel", sagt er. Die Bundesligaprofis trainierte Lucien Favre, der wohl keinen Platz hatte für einen schussgewaltigen Arbeiter mit herkömmlicher Fußballerausbildung.

Auf einmal nicht mehr links, sondern im Sturm

Michel wechselte 2014 weiter zu Energie Cottbus in die zweite Liga, er war nun Profi, sein Plan war aufgegangen, doch die folgende Zeit nennt er trotzdem seine schwerste. 2016 stieg er mit Cottbus in die Regionalliga ab und zog mit seiner Frau wieder weiter, 2017 wurde er mit Paderborn 18. und wäre erneut in die Regionalliga und damit den Amateurfußball abgestiegen, hätte das nicht der Zwangsabstieg von 1860 München verhindert. "Das war schon eine Zeit, in der ich sehr an mir gezweifelt hab", sagt Michel. Aber dann war Steffen Baumgart Trainer in Paderborn.

Erstmals seit Jahren spielte Michel nicht mehr links, sondern im Sturm. "Meine Position", sagt er. Und Baumgarts Stil war fast deckungsgleich mit seinem: immer drauf. "Ich ramme auch schon mal in den Mann rein und behalte den Ball trotzdem am Fuß", sagt Michel. "Ob es Glück ist oder nicht, da scheiden sich die Geister."

Leise Kritik an anderen Vereinen

In der Aufstiegssaison 2018 schoss er 19 Drittligatore, in der Aufstiegssaison 2019 zehn Zweitligatore. Und am ersten Spieltag, beim achtbaren 2:3 in Leverkusen, dauerte es nur 15 Minuten, da hatte er sein erstes (und bislang einziges) Bundesligator geschossen. Er war einfach vor der Mittellinie losgesprintet, hatte einen Fehlpass erlaufen und mit links geschossen.

Der Paderborner Offensivfußball, den so mancher für viel zu leichtsinnig für einen Aufsteiger halten mag, ist für Michel der einzig sinnvolle, auch gegen die Bayern. "Das soll jetzt keine Kritik an anderen Vereinen sein", sagt er, aber natürlich ist es leise Kritik an anderen Vereinen: "Der Fußball, den wir spielen, macht Spaß."

Das kleine Paderborn, das passt zu ihm nicht nur auf dem Platz. Das Vereins-TV produzierte eine sechsteilige, durchaus kuriose Youtube-Serie, sie heißt "Natur pur mit Sven" und zeigt ihn beim Hochbeetbauen, Melken und Brombeerenpflücken. "Ich mag den Begriff Dorfkind sehr", sagt Michel dabei. Er wohnt in einem Haus mit Garten. Und er hat sich beim Angelverein angemeldet.

© SZ vom 28.09.2019/dsz
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