Borussia Mönchengladbach:Mehr Beleidigungen als Tore

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Borussia Mönchengladbach: Blick in die Gladbacher Arena: Wenn Fans kreativ werden und daheim das Malen anfangen, dann kommt selten etwas Versöhnliches dabei heraus.

Blick in die Gladbacher Arena: Wenn Fans kreativ werden und daheim das Malen anfangen, dann kommt selten etwas Versöhnliches dabei heraus.

(Foto: Moritz Müller/Imago)

Die Schmähplakate von Gladbach-Fans gegen Marco Rose und Max Eberl werden vom Schiedsrichter und den Borussia-Spielern deutlich kritisiert. Christoph Kramer sagt: "Ich kann den Hass der Fans nicht teilen."

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Gladbach führte, Gladbach bangte um den Sieg, aber die größte Gefahr ging nicht von den Leipziger Fußballern aus, sondern von den eigenen Anhängern.

Wenn Fans kreativ werden und daheim das Malen anfangen, dann kommt selten etwas Versöhnliches dabei heraus, sondern oft etwas Gemeines. So wie bei den Fans von Borussia Mönchengladbach. Ihr Lieblingsteam führte 2:0 gegen Leipzig, als sie ein Banner über den Tribünenzaun hängten, auf dem sie sowohl RB Leipzig als auch dessen Angestellte mit Nachfahren aus dem Prostitutionsgewerbe verglichen. Dies sah in der 41. Spielminute der Schiedsrichter Patrick Ittrich und ließ vom Stadionsprecher durchsagen, dass er das Spiel unterbrechen werde, sollte das Banner nicht verschwinden.

Ob er in diesem Moment nicht Angst um den Sieg bekommen habe auf eine überraschende Art, die man gar nicht für möglich gehalten hätte, ist der Gladbacher Trainer Daniel Farke hinterher gefragt worden, als sein Team mit 3:0 gewonnen hatte. "Nein", antwortete er, "ich hatte keine Angst, dass das Spiel unter- oder gar abgebrochen wird, weil ich zwar weiß, wie emotional die Fans eines Traditionsvereins werden können und dass sie dabei auch mal über das Ziel hinausschießen. Aber ich habe Borussia Mönchengladbach in den vergangenen drei Monaten als Verein mit Stil, Klasse und Werten kennengelernt und war mir sicher, dass die Fans so eine Situation nicht eskalieren lassen."

"Solche Beleidigungen gehören sich nicht", sagt Schiedsrichter Patrick Ittrich

Der Schiedsrichter Ittrich war sich da offenbar nicht ganz so sicher kurz vor der Pause. "Ich habe bei so etwas eine relativ kurze Leine", sagte der Polizist hinterher und verwies auf den Drei-Stufen-Plan (1. Unterbrechung, 2. Kabine, 3. Abbruch) zur "Bekämpfung von Diskriminierung in jeglicher Form". Dabei wirkte sein Vorgehen zwar konsequent und ehrenhaft, doch zugleich auch erstaunlich. Zwar ist es unstrittig, dass es in der Partie mehr Beleidigungen als Tore gab. Doch der DFB führte in einer Handreichung für den Drei-Stufen-Plan mal aus, dass dieser bei Diskriminierungen greife, aber nicht bei Beleidigungen, die etwa auf Vergleiche mit Nachfahren aus dem Prostitutionsgewerbe abzielen..

Die Gladbacher Fans pflegen ohnehin eine ausgeprägte Abneigung gegen den ihrer Meinung nach mit zu viel Geld und zu wenig Fankultur gesegneten Klub RB Leipzig. Am Samstag zeigte sich diese umso mehr, als auf der Leipziger Bank ihr ehemaliger Trainer Marco Rose saß und seit bekannt ist, dass ihr ehemaliger Sportvorstand Max Eberl voraussichtlich im Januar ebenfalls nach Leipzig wechselt.

Borussia Mönchengladbach: Fußball wurde auch noch gespielt, sehr erfolgreich von Gladbachs Jonas Hofmann, der zwei Tore erzielte.

Fußball wurde auch noch gespielt, sehr erfolgreich von Gladbachs Jonas Hofmann, der zwei Tore erzielte.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Deshalb garnierten sie das Spiel mit allerhand unappetitlichen Bannern und beleidigten darauf alternierend Eberl und Leipzig. "Solche Beleidigungen", sagte Ittrich später, "gehören sich nicht." Er brachte das Spiel zu Ende.

Die Fans nämlich hatten auf seine Drohung womöglich auch deshalb reagiert und das Banner verschwinden lassen, weil sie sich für RB Leipzig ohnehin keine bessere Demütigung vorstellen können als eine gepfefferte Niederlage. Diesen Gefallen taten ihnen ihre Fußballer durch die Treffer von Jonas Hofmann (10. Minute, 35.) und Ramy Bensebaini (53.). Der Sieg hätte noch höher ausfallen können, weil die technisch eigentlich recht versierten Leipziger müde wirkten und sich nicht so richtig aufraffen konnten, den fidelen Gladbachern leidenschaftlich Paroli zu bieten. "Wir hatten eine intensive Woche, das muss man richtig einordnen", sagte der Trainer Rose mit Blick auf die vorangegangenen Spiele gegen Borussia Dortmund (3:0) und bei Real Madrid (0:2). Er kündigte gleichwohl an, dass man den Weg weitergehe, und auch der Geschäftsführer Oliver Mintzlaff ließ keinen Zweifel aufkommen, dass man in Rose den richtigen Trainer verpflichtet habe.

Die Akquise des Sportdirektors Max Eberl stehe kurz bevor, verrät Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff

Auch die Akquise des Sportdirektors Max Eberl stehe nun kurz bevor, verriet Mintzlaff, man sei bei dem Transfer "auf der Zielgeraden". Als Transfer muss diese Personalie deshalb korrekterweise bezeichnet werden, weil der vor acht Monaten in Gladbach mit Erschöpfungssymptomen zurückgetretene Eberl bei der Borussia weiterhin unter Vertrag steht. Die Rede ist von einer siebenstelligen Ablöse im mittleren Bereich.

Die Gladbacher Spieler probierten nach dem Schlusspfiff verbal, die Rage der Fans zu dämpfen. "Ich finde es schön, dass Max Eberl wieder gesund ist", sagte der Doppeltorschütze Hofmann und rief dazu auf, Eberls "Entscheidung zu respektieren". Gladbachs Christoph Kramer, der erstmals seit seiner halben Stunde im WM-Finale 2014 wieder als halboffensiver Mittelfeldmann gespielt und die Zuschauer begeistert hatte, umarmte den Leipziger Trainer Rose noch auf dem Feld demonstrativ und erklärte: "Ich kann den Hass der Fans nicht teilen, Marco Rose ist als Mensch und als Trainer ein super Typ, und ich mag ihn unfassbar gerne." Kramer, Sympathieträger der Fans und diesen emotional am ähnlichsten, beschloss den Abend mit den Worten: "Als Fußballromantiker bin ich auch nicht der größte Fan von RB Leipzig - aber Hass gehört nicht ins Stadion und auch sonst nicht in unsere Welt."

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