Borussia Mönchengladbach:Wilder Ritt aus der Abstiegszone

Borussia Mönchengladbach: Zwei der fünf Gladbacher Torschützen: Julian Weigl (links) und Nathan Ngoumou.

Zwei der fünf Gladbacher Torschützen: Julian Weigl (links) und Nathan Ngoumou.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Es kommt selten vor in dieser Saison, aber: Gladbach spielt beim 5:2 gegen Bochum phasenweise guten Fußball. Die kommenden zwei Wochen werden für den Klub besonders bedeutsam.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

An den 18. März 2022 haben die Fußballer von Borussia Mönchengladbach aus zwei Gründen eine eindrückliche Erinnerung. Erstens wurde das Gastspiel beim VfL Bochum an jenem Freitagabend bei einer Gladbacher 2:0-Führung in der 69. Minute abgebrochen, weil ein Zuschauer den Schiedsrichter-Assistenten Christian Gittelmann mit einem halb vollen Bierbecher am Kopf getroffen hatte. Und zweitens erlebten die Borussen bei jenem sportgerichtlich beschlossenen 2:0-Erfolg zum bislang letzten Mal das Gefühl, zwei Bundesliga-Spiele nacheinander gewonnen zu haben.

Damals bestand der erfolgreiche Doppelpack aus einem Heimsieg gegen Hertha und dem Auswärtserfolg in Bochum. "Das ist jetzt schon etwas her", sagte am Samstagabend im Kabinengang des Borussia-Parks mit verlegenem Grinsen der Mittelfeldspieler Florian Neuhaus: "Es wird also Zeit."

Hoffnung auf ein Ende der Gladbacher Wankelmütigkeit noch vor dem zweiten Jahrestag am 18. März schöpfte Neuhaus aus Anlass eines 5:2-Sieges - gegen den VfL Bochum. Gladbachs Leistung war dazu angetan gewesen, dass er einen Auswärtssieg am kommenden Samstag in Mainz ins Kalkül zieht. Immerhin fand auch Gladbachs Sportvorstand Roland Virkus, die Mannschaft habe "phasenweise guten Fußball" gespielt. Das kommt nicht allzu oft vor in dieser Saison. Der Trainer Gerardo Seoane indes verkündete in der Pressekonferenz als Erstes: "Das war ein wilder Ritt."

Pokalfinale und Klassenerhalt - so lauten die Gladbacher Saisonziele mittlerweile

Solche metaphorischen Formulierungen kommen erfahrungsgemäß gut an in einem Verein, dessen Spieler sich seit einem halben Jahrhundert "Die Fohlen" nennen. So chaotisch wie in einer Herde Wildpferde geht es bei ihnen bisweilen aber auch zu in dieser Saison. Auf ihren ersten Saisonsieg mussten die Gladbacher bis zum sechsten Spieltag (in Bochum) warten und auf ihren ersten Rückrundensieg bis zum 23. Spieltag (gegen Bochum). Bei letzterem gab es sagenhafte neun Treffer zu bestaunen, von denen nach je einer Annullierung pro Seite letztlich sieben die Gültigkeit erfuhren: fünf für Gladbach durch Nathan Ngoumou, Julian Weigl, Rocco Reitz, Jordan Siebatcheu und Franck Honorat - sowie zwei für Bochum durch Philipp Hofmann und Keven Schlotterbeck.

Während die Bochumer die Niederlage halbwegs tapfer ertrugen, da sie doch sechs Tage zuvor den FC Bayern besiegt hatten, entfernten sich die leidgeprüften Gladbacher mit dem Sieg ein erholsames Stück von der Abstiegszone. Nach zuvor nur zwei Punkten aus fünf Rückrundenspielen und dem dadurch bedingten Absturz auf den viertletzten Tabellenplatz soll irgendwo im örtlichen Nordpark schon das Abstiegsgespenst gesichtet worden sein. Doch das könnten sich die Medien natürlich auch ausgedacht haben.

Jetzt immerhin beträgt der Gladbacher Sicherheitsabstand zum Gespensterreich erst einmal acht Punkte, und die Chancen auf ein weiteres Vordringen ins spukfreie Mittelfeld ergeben sich durch die nächsten drei Ligaspiele in Mainz, gegen Köln und in Heidenheim. "Wichtige Spiele", bestätigte mit ernstem Blick der Sportchef Virkus, aber auf die ihm hingeworfene Vokabel "Druck" reagierte er spontan mit spöttischem Lachen: "Jeder Sportler hat immer Druck", sagte er - und er hat damit gewiss nicht unrecht.

Dass die kommenden zwei Wochen für die Gladbacher trotzdem noch einmal ganz besonders bedeutsam werden, liegt außer an den drei wegweisenden Ligaspielen noch an der nachzuholenden DFB-Pokal-Partie beim Drittligisten 1. FC Saarbrücken am 12. März. Mit einem Sieg dort erhielte man Einlass zum Halbfinalspiel am 2. April in Kaiserslautern sowie beim dortigen Zweitligisten die große Chance, erstmals seit 1995 wieder ins Pokalendspiel einzuziehen. Dieses hatten die Borussen damals 3:0 gegen Wolfsburg gewonnen. Klublegenden wie Heiko Herrlich, Martin Dahlin, Karlheinz Pflipsen und Stefan Effenberg gewannen für Gladbach zum bislang letzten Mal einen Titel.

Pokalfinale und Klassenerhalt - das wäre für die Gladbacher eine letztlich recht akzeptable erste Saison unter dem Trainer Seoane. Spielerisch geht nicht allzu viel zusammen, jedenfalls nicht konstant. Vor dem Sieg gegen Bochum hatte Sportchef Virkus im WDR-Radio über die bisherige Saison gesagt: "Wir sind sicherlich nicht zufrieden." Nach dem Sieg ergänzte er: "Es gibt keinen Grund zur Euphorie." Die beiden Sätze treffen die Stimmung am Borussia-Park relativ gut.

Doch selbst angesichts der arg wechselhaften Ergebnisse verbreiten zumindest die Fans eine konstant positive Stimmung. Nach so ziemlich jedem Heimspiel beklatschten sie unabhängig vom Resultat die Spieler, und nach dem Triumph gegen Bochum verkündeten sie singend ihren ungetrübten Blick auf die ewige Hierarchie im Fußballkosmos: "Gladbach ist der geilste Klub der Welt."

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