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Bundesliga:Diese Klubs zeigen Haltung

16 09 2018 Fussball Saison 2018 2019 1 Fussball Bundesliga 03 Spieltag SV Werder Breme

Gewohnt meinungsstark: die Fans von Werder Bremen, hier am dritten Spieltag dieser Saison.

(Foto: Zink/imago)

Hertha, Bremen, Frankfurt: Was der DFB einen ganzen Sommer lang versäumt hat, gelingt einigen Bundesligisten besser. Sie positionieren sich deutlich gegen Rassismus. Andere müssen noch daran erinnert werden.

Der Standort Augsburg ist nicht unbedingt berühmt dafür, die großen Debatten der Bundesliga stellvertretend zu führen, doch in dieser Woche war es soweit. Auf der Jahreshauptversammlung hatte sich der Kreisvorsitzende der AfD, ein gewöhnliches Vereinsmitglied, in die erste Reihe gesetzt. Noch vor Beginn der Veranstaltung lief ein Fan vor die Bühne und schrie ihn an, er war wütend und schwer zu verstehen, doch das Wort "Rassist" war deutlich zu hören. Der Aufsichtsratsvorsitzende, mit der Situation augenscheinlich etwas überfordert, sagte zunächst, der Verein sei politisch neutral. Präsident Klaus Hofmann sagte dann in seiner Rede, im deutschen Fußball gebe es keinen Rassismus. Schließlich, im Interview nach der Versammlung, fügte er hinzu, dass sich der FC Augsburg Rassismus aktiv entgegenstelle.

Wenn man so will, dann war es die aktuelle Debatte, abgebildet im Zeitraffer: Vom Fußball wird Haltung eingefordert; der Fußball wehrt sich, eine Haltung einzunehmen; der Fußball verteidigt sich selbst; der Fußball sieht schließlich ein, dass er eine Haltung einnehmen sollte. Die Woche hat gezeigt, dass ein paar Bundesligisten in diesem Zustand angekommen sind: im Bewusstsein, eine relevante Stimme in drängenden gesellschaftspolitischen Streitfragen zu sein. Einige Vereine erfüllen diese Rolle gerade besser als der Deutsche Fußball-Bund, der dabei im Sommer auf größtmöglicher Bühne während der Weltmeisterschaft bekanntlich versagte.

Peter Fischer, der Präsident von Eintracht Frankfurt, war Ende des vergangenen Jahres der erste Akteur, der sich deutlich positionierte: Niemand, der die AfD wähle, könne Mitglied bei Eintracht Frankfurt sein. Er beklagte sich danach auch darüber, keinerlei Unterstützung von anderen Vereinen erhalten zu haben. In dieser Woche sagte nun Werder Bremens Geschäftsführer Hubertus Hess-Grunewald dem Weser-Kurier, Stadionbesucher sollten sich mit der Haltung des Klubs auseinandersetzen und "vielleicht überzeugen lassen, sich doch für eine offene, tolerante Gesellschaft ohne Ausgrenzung und Populismus einzusetzen".

Berlins Geschäftsführer Michael Preetz sagte, gesellschaftliche Positionierung von Fußballvereinen sei nicht nur erlaubt, "sondern auch nötig". Freiburgs Trainer Christian Streich sprach sich für gemeinsame Aktionen der Klubs gegen Rassismus aus. Und der Bremer Profi Ludwig Augustinsson sagte: "Wir müssen ganz deutlich sagen, auf welcher Seite wir stehen. Und ich stehe auf der Seite derjenigen, die jede Form von Rassismus und Diskriminierung ablehnen."

Wofür steht der deutsche Fußball gerade?

Nun klingen diese Sätze ziemlich selbstverständlich, aber sie sind es eben nicht mehr. Und sie sind sogar wertvoll, wenn sie aus der Fußballbranche kommen, seit der DFB vor und sogar noch nach dem Rücktritt von Mesut Özil dem Selbstverteidigungs-Missverständnis aufsaß: Rassismus? Haben wir nichts mit zu tun! Die Wirklichkeit ist ja, dass jeder, der mit Rassismus nichts zu tun hat, etwas damit zu tun haben kann, ihm entgegenzutreten. Zumal wenn er eine Stimme hat, die gehört wird.

Umso enttäuschender waren die Äußerungen von Ralf Rangnick, der zuletzt darum gebeten hatte, der Fußball solle "eine unpolitische Rolle einnehmen". In dieser Woche rechtfertigte er sich: Schon allein durch die verschiedenen Nationalitäten in seinem Kader sei RB Leipzig ja "deutlich gegen Fremdenfeindlichkeit". Doch ist das die entschiedene Haltung, die zum Beispiel Mamadou Kebba davon abhalten kann, das Fußballspielen aufzugeben? Der Ghanaer, Spieler in der Kreisliga A in Südbaden, hatte vor zwei Wochen den Platz nach rassistischen Beleidigungen verlassen, der Fall wurde überregional bekannt. Der Sport-Bild sagte Kebba nun: "Wenn so etwas noch mal vorkommt, höre ich auf."

Deutschland will gerne die EM 2024 austragen, die Entscheidung fällt diese Woche. Natürlich ist es übertrieben, dass die Konkurrenz aus der Türkei den peinlich lavierenden Umgang des DFB mit der Özil-Affäre zum Rassismus-Skandal aufbläst, um von eigenen Problemen abzulenken. Doch anders gefragt: Wofür steht der deutsche Fußball eigentlich gerade?

"United by football", das ist das Motto der deutschen EM-Bewerbung. Wie wenig das bei so manchem Betrachter verfängt, haben die Fans des VfB Stuttgart an diesem Spieltag mit einem riesigen Transparent gezeigt. In der gleichen Schriftart wie auf den DFB-Werbeplakaten stand dort: "United by money." Vereint nur durch Geld. Wenn der deutsche Fußball seine Prioritäten gerne neu sortieren möchte, hilft es sicher, die relevanten Debatten zu führen.

© SZ vom 23.09.2018/chge
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